Aborigines in Aufruhr

28. Januar 2012 20:31; Akt: 28.01.2012 20:31 Print

In Australien brechen alte Wunden auf

von Ralf Meile - Australien ist ein Traumland. Nur wenn es um die Ureinwohner geht, werden die sonst so gelassenen Bewohner der Paradiesinsel hitzig. Das bekam nun Premierministerin Julia Gillard zu spüren.

Julia Gillard wird am Donnerstag von einem Bodyguard in Sicherheit gebracht. Am Freitag gehen die Proteste der Aborigines weiter. (Quelle: YouTube/Euronews)
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Julia Gillard gilt als tough. Die australische Premierministerin arbeitete als Rechtsanwältin, engagierte sich als Gewerkschafterin und fightete erfolgreich für eine Frauenquote in der Labor Party, der sie angehört. Doch am Australia Day, dem Nationalfeiertag am Donnerstag, blieb ihr nur die Flucht. Ein wütender Mob hatte sie attackiert. Bodyguards eskortierten Gillard umgehend in Sicherheit. Die Premierministerin blieb unverletzt. Sie hatte bloss den Verlust eines Schuhs zu beklagen.

Den Mob bildeten rund 200 Aborigines und Sympathisanten der Ureinwohner. Sie versuchten, ein Restaurant zu stürmen, in dem sich Gillard mit Tony Abbott traf. Der Oppositionsführer von den Liberalen hatte die Ureinwohner verärgert, weil er angeblich forderte, Protestzelte abreissen zu lassen. Seit 40 Jahren steht diese «Botschaft» in der Hauptstadt Canberra, als Symbol für die Aktivisten, die gegen die Ungleichbehandlung der Aborigines protestieren.

Massaker und eine gestohlene Generation

Die Forderung Abbotts – gleichfalls symbolträchtig, da am Nationalfeiertag ausgesprochen – und die Reaktion darauf zeigen: Australien hat ein Problem mit seiner Vergangenheit. Immer noch, könnte man anfügen. Denn seit der Weisse Mann 1798 die Insel in Beschlag nahm, gab es ständig Konflikte mit den Aborigines. Regelrecht abgeschlachtet wurden die Ureinwohner von den neuen Besetzern. Die Rede ist von mehr als 20 000 Aborigines, die bei Kämpfen umkamen. Auch die andere Seite hatte rund 3000 Tote zu beklagen.

Das sehr dunkle Kapitel in der Geschichte Australiens dauerte bis in die 1970er-Jahre an. Zwangsweise entfernte die Regierung Kinder von Aborigines und gab sie zur Adoption in weisse Familien oder Missionen. Einer der Handlungsstränge im Hollywood-Spielfilm «Australia» erinnert an diese Praxis.

1997 machte sich der Staat daran, seine Vergangenheit kritisch unter die Lupe zu nehmen. Nach einem Bericht der australischen Menschenrechtskommission zur «gestohlenen Generation» wurde als eine Art Entschuldigung ein «National Sorry Day» eingerichtet. 2008 entschuldigte sich der damalige Premier Kevin Rudd offiziell für das Vorgehen seiner Vorgänger.

Bildung statt Alkohol, Polizei statt Pornos

Australien-Reisende lieben das Land nicht zuletzt wegen der stets freundlichen Bevölkerung. Doch das Thema Aborigines ist in Diskussionen ungefähr so beliebt wie die Tibet-Frage bei der chinesischen Regierung. Zuvor aufgeschlossen wirkende Australier, die einen spontan auf ein Bier einladen, wirken auf die Ureinwohner angesprochen plötzlich wie verwandelt. Die Mienen verdunkeln sich, es wird gepoltert und geflucht. Und danach wird weiter Bier getrunken.

Dem Gerstensaft und härterem Stoff sind auch viele Aborigines nicht abgeneigt. Deshalb gibt es nach wie vor Bemühungen der Regierung im Umgang mit Aborigines, aktuell beispielsweise ein Programm im Northern Territory. Abgelegene Gemeinden, in denen die Mehrheit der Ureinwohner leben, sollen besser mit allgemeinen Diensten für Gesundheit, Bildung und Sicherheit versorgt werden. Im Gegensatz dazu werden die Bezüger staatlicher Leistungen aber zur Einkommensverwaltung verpflichtet, Alkohol und Pornografie sind verboten. Gegner kritisieren das Regierungsprogramm als Bevormundung.

«Ich wurde völlig falsch verstanden»

Am Tag nach der Attacke zeigte sich Premierministerin Gillard bei einem Anlass in der Nähe von Melbourne gefasst. «Ich wusste, dass man sich gut um mich sorgt. Es geht mir gut», sagte sie in die Fernsehkameras. Sie lobte die Sicherheitskräfte: «Die Polizei hat einen hervorragenden Job gemacht.»

Derweil ruderte Tony Abbott, der Auslöser des Eklats, zurück. «Ich wurde völlig falsch verstanden», klagte er gegenüber dem Sender «7 News». Er habe nicht gemeint, die Protestzelte sollten abgerissen werden. Sondern, dass sich die Situation heute anders darstelle als vor 40 Jahren, als die «Botschaft» errichtet wurde.

Ungeachtet dessen gingen die Proteste am Freitag weiter. Aufgebrachte Aktivisten verbrannten in Canberra australische Flaggen. Sie begleiteten die Aktion durch rhythmisches Klatschen, Gesang und Parolen. Auf ihrer Facebook-Seite fragen die Aktivisten von der Zeltbotschaft: «Was ist der Verlust eines Schuhs gegen den Verlust eines ganzen Kontinents?»

Der Schuh ist wieder da

Der mittlerweile wohl berühmteste Schuh Australiens ist im Übrigen wieder aufgetaucht. Aktivisten haben den marineblauen Lederschuh der Grösse 8 bei einem Sicherheitsbeamten des Parlaments abgegeben.

Zuvor war Gillards Schuh vermeintlich bei Ebay zu haben gewesen. «Sie bieten für einen gebrauchten Schuh», hiess es in der Anzeige. «Berücksichtigen Sie bitte auch, dass es sich um einen einzelnen Schuh handelt, nicht um ein Paar. Es wäre also schwierig, damit zu laufen, es sei denn, Sie sind die Premierministerin.» Weil das Internetauktionshaus einen Scherz vermutete, entfernte sie das Angebot nach einer halben Stunde wieder.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel Nussberger am 28.01.2012 20:47 Report Diesen Beitrag melden

    Ballenberg

    Das ist wohl immer das gleiche, wenn nicht dasselbe. Vereinigte Staaten, Brasilien, Australien, weite Teile Afrikas, usw. Irgendwann müssen wir Europäer für unsere Verfehlungen gerade stehen. Klar ist die heutige Generation nicht Schuld an unserer Intolleranz und Gier, trotzdem sollten wir ein Bewusstsein entwickeln um den Ureinwohnern dieser ausgebeuteten Ländern ihren Stolz und die Würde zurückzugeben. Ballenberg-Style reicht wohl eher nicht....

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  • Maria am 29.01.2012 09:53 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Ich oft und lange in Australien gereist. Es ist eine traurige Tatsache, dass wir heute um die Verfehlungen und Verbrechen an den Aboriginals wissen, aber niemand kann das alles ungeschehen machen. Es ist auch frustrierend für heutige Australier, dass alle Versuche einer Wiedergutmachung mit heute möglichen Mitteln (meist Geld) zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen. Die sichtbaren Aboriginals sind besoffen und bettelnd anzutreffen, trotz grosszügigen Renten und Kompensationszahlungen. Die "unsichtbaren" Aboriginals wollen gar nichts mit den Weissen zu tun haben. Einfach nur traurig

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  • der mensch am 29.01.2012 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    lauf der welt

    traurig aber wahr... die europäer sind waren nicht die ersten die andere kulturen und länder in besitz genommen haben. zuvor waren es die perser, die ägypter, die griechen, die römer usw... die völker ausgenutzt und versklavt haben. ändern wird sich daran nichts, solange es menschen gibt!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A.K. am 30.01.2012 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    WEnn zwei das Gleiche nicht das Selbe

    Es ist immer wieder lustig, wie überall die Forderungen von Wiedergutmachung von Völkermorden als "Blödsinn" abgetan wird. Nur die Deutschen zahlen heute ncoh für die Juden ...

  • Nomen est Omen am 30.01.2012 07:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Menschen?

    welche welche später ihren Fuss auf bewohntes Land setzten, die dort bereits vorhanden Einwohner als Ab-Original bezeichnen, ist es doch nicht verwunderlich wenn diese als Untermenschen behandelt und betrachtet werden. Eigentlich sind sie die Ab-Originalen doch die originalen Menschen die immer dort gelebt haben.

  • E.Gal am 30.01.2012 01:04 Report Diesen Beitrag melden

    es war einmal...

    vor langer, langer zeit lebten etwa 10'000 menschen auf der welt, die meisten auf dem heute als afrika bekannten kontinenten. wir alle, ob chinese, inder, aborigines, ghanaer, inuit, chilene oder schweizer stammen von diesen 10'000 ab. das ist fakt! menschen versuchen sich mit dingen, sei es gegenstände(haus, auto, land usw.), ruhm, berühmtheit, wahre liebe oder auch erleuchtung, zu komplettieren. man versucht das zu erreichen, was die eigenen gedanken als komplettes ICH sehen. doch dabei verpasst man das wahrhafte ICH, dass in jeder sekunde gelebt werden könnte......

    • Konrad am 30.01.2012 09:14 Report Diesen Beitrag melden

      Gar nicht möglich

      Das ist nicht fact, weil es nicht stimmt.

    • ernst kammermann am 30.01.2012 09:41 Report Diesen Beitrag melden

      @ kontrar

      aha konrad. und was stimmt dann?

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  • Roman am 29.01.2012 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Indigene Völker

    Überall auf der Welt dasselbe. Die indigenen Völker werden immer noch von den Weissen (aus Europa) ausgebeutet und unterdrückt. Ob Amis oder Aussies oder irgendwer, keine der betreffenden weissen Gesellschaften kann damit offen umgehen. Meist hört man abstruse Erklärungen die eigentlich nur das schlechte Gewissen beruhigen. Oder man flüchtet sich in den alles vereinfachenden Rassismus. Habe ich leider allzu oft in Australien erlebt. Schade, sonst ein tolles und sympathisches Volk.

  • R.H. Q. am 29.01.2012 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    Rassismus in Australien

    Bei einem Ferienaufenthalt in Perth, Westaustralien, wollte eine Aborigine-Familie im öffentl. Park pic-nicen. Sobald sie auf ausgebreiteten Tüchern Platz nahmen, war die Polizei zur Stelle und vertrieb sie. Andere Leute, Weisse, wurden nicht behelligt. Der Rassismus ist in AUS überall latent, egal wo man sich aufhält. Ich bereiste AUS drei Mal und war in jedem Bundesstaat. Da geht es den Indianern in USA und Canada vergleichsweise bestens.

    • Roman am 29.01.2012 19:28 Report Diesen Beitrag melden

      Rassismus überall

      Habe auch erleben "dürfen" wie Aboriginals auf abscheuliche Weise mit Verachtung und Respektlosigkeit von weissen Australiern behandelt wurden. Die weisse australische Gesellschaft hat wirklich ein grosses Rassismusproblem, auch gegenüber den Asiaten. Aber so hat wohl jede Gesellschaft ihre Probleme. Bei uns nicht so viel besser.

    • E.t. am 30.01.2012 07:55 Report Diesen Beitrag melden

      E.T. From Perth

      Ich verbringe derzeit ein Austauschjahr in Perth, Western Australia. Dass viele weisse Australier sich durch die Rechte der Aborigines benachteiligt fühlen und dies nicht selten in Form von Rassismus geäussert wird, erlebe ich des Öftern. Sie fühlen sich benachteiligt, dass Aborignes in vielen Bereichen mehr Rechte haben (z.B. Gratis Schulung in Privatschulen, um Aborigines-Quoten an Arbeitsplätzen hoh zu halten, werden sie weissen Australiern vorgezogen) und verstehen nicht, wieso die Mehrheit der Sozialhilfe Empfänger zu den nativen Australiern gehören.

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