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«Gorch Fock»
23. Januar 2011 10:30; Akt: 23.01.2011 14:38 Print
«Das grösste schwimmende Puff»
Nach dem Todessturz einer Soldatin und Meutereivorwürfen auf dem Schulsegelschiff der Deutschen Marine, kritisiert eine ehemalige Rekrutin die «vorsintflutlichen» Zustände an Bord.

Die «Gorch Fock» im Hafen von Ushuaia in Argentinien. (Bild: AFP)
Maria hat keine guten Erinnerungen an ihre Zeit auf der «Gorch Fock». Während ihrer Ausbildung verbrachte die Offizieranwärterin mehrere Wochen auf dem Segelschulschiff der Marine. Sie war im vergangenen November an Bord, als eine Mitstreiterin beim Klettern in der Takelage aus 27 Metern Höhe auf das Deck prallte und starb. Das Schiff ist seitdem in Verruf gekommen. Zurecht, meint Maria und berichtet von Drill, Schlafentzug und Schikane an Bord.
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat nach den Vorfällen auf der «Gorch Fock» und dem rätselhaften Tod eines Soldaten in Afghanistan eine Untersuchung über Regelverstöße in der Bundeswehr in Auftrag gegeben. (Bild: Keystone/AP)
Der Kommandant des Schulschiffes, Kapitän zur See Norbert Schatz, wurde inzwischen durch den Verteidigungsminister von seinem Posten entbunden.
(Bild: Keystone/AP)
Die «Gorch Fock» in Zahlen
- Indienststellung am 17. Dezember 1958
- Länge: 89,3 Meter
- Breite: 12,0 Meter
- Höhe Großmast: 45,5 Meter
- Tiefgang: 4,90 Meter
- Anzahl der Segel: 23
- Segelfläche: knapp 2000 Quadratmeter
- Höchstgeschwindigkeit unter Segeln: 15 Knoten (27,8 Kilometer pro Stunde)
- Höchstgeschwindigkeit bei Windstille mithilfe eines 1690 PS starken Hilfsmotors: 11 Knoten (20,4 Kilometer pro Stunde)
- Stammbesatzung 85 Frauen und Männer
Lange galt die «Gorch Fock» als Vorzeigeschiff der Marine. Die Bilder der herausgeputzten Kadetten machen was her. Auch Maria (Name geändert) war zum Start ihrer Ausbildung an Bord beeindruckt. «Solange das Ganze im Hafen stattfindet - mit Musikkorps und Ausgehuniform - ist das natürlich eine ganz grosse Sache», erzählt sie, «die Familie steht am Ufer, winkt mit dem Taschentuch. Das hat wirklich etwas von Seefahrer-Romantik.» Später, draussen auf der See, war ihre Begeisterung schnell verflogen.
«Auf stumpf schalten, sonst überlebst du nicht»
Es ist Leben auf engstem Raum mit rauem Befehlston und straffer Hierarchie. Die Kadetten stehen ganz unten in der Hackordnung. Sie schlafen in Hängematten im Zwischendeck. «Privatsphäre gibt es nicht. Besonders als Frau hat man das Gefühl, sich aufgeben zu müssen», sagt Maria: «Ich habe mir am dritten Tag gesagt: Du schaltest jetzt auf stumpf, ansonsten überlebst du das hier nicht.»
Deckschrubben mit der Zahnbürste und ständiges Gebrüll - all das sei kein Klischee, berichtet Maria, «da wird gebrüllt, da wird gedrillt, das ist systematisches Schleifen wie in einem schlechten Film.» Und dazu ständige Übermüdung. Schlaf bekam Maria an Bord kaum, auch die Kameraden nicht. Koffeintabletten machten die Runde - und Gerüchte, die junge Marinesoldatin, die vor einem Jahr auf einer Ausbildungsfahrt gestorben war, sei schlicht während der Wache eingeschlafen und deshalb von Bord gestürzt. 2008 war das.
«Der grösste schwimmende Puff im Land»
Weibliche Rekruten gibt es auf der «Gorch Fock» kaum - meist nicht mal ein Dutzend unter rund 140 Kadetten. An «eindeutigen und übereindeutigen Angeboten» habe es wahrlich nicht gemangelt, sagt Maria, «manche Frauen haben das auch als bedrängend empfunden.» Das Schiff sei in Offizieranwärterkreisen als «grösster schwimmender Puff Deutschlands» verschrien.
Die Zustände an Bord der «Gorch Fock» kommen nur allmählich ans Licht. Nach dem Tod der jungen Rekrutin im November regte sich Widerstand unter den Kadetten gegen die Schiffsführung, von «Meuterei» war die Rede. Die Rekruten wurden allesamt nach Hause geschickt, der Schiffskommandant abgesetzt, und Ermittler sollen nun klären, was wirklich an Bord geschah. Die Zukunft des Seglers ist offen.
Einige Ehemalige sind empört. In einem Internet-Forum von Ex-Gorch-Fock-Rekruten verfolgen treue Anhänger die Schlagzeilen und bekunden - eingerahmt von Soldaten-Smileys - ihre Solidarität zu Schiff und Führung. Von den Klagen über Drill und Druck an Bord wollen sie nichts hören.
Der Obergefreite Carsten schreibt, Lehrjahre seien eben keine Herrenjahre. In seiner Zeit auf der «Gorch Fock» sei der raue Ton normal und völlig in Ordnung gewesen. «Dadurch wurden wir zu Höchstleistungen getrimmt.» Von Stolz spricht er, vom «Stolz, zu einer Art Elitetruppe bei der Marine zu gehören».
Einige Ehemalige schimpfen über «Memmen» an Bord
Ein Seekadett meint, bei den jetzigen Rekruten sei in der Erziehung «wohl einiges schief gelaufen». Verwöhnt seien sie, ohne Anstand und Respekt. Von «Weicheiern» ist bei anderen Einträgen die Rede, die ganze Sache werde doch nur «hochgespielt».
Auch eine weibliche Mitstreiterin, Maat Iris, schimpft in dem Forum, die Gesellschaft werde einfach «zu weich und zudem kommen dann auch noch Petzen dazu». Die «Gorch Fock» sei schliesslich «kein Waldorfdampfer». Dort sollten «Jungs zu Männern und nicht zu Memmen werden».
Maria hält von alldem nichts. «Wenn ich einem angehenden Offizier beibringen will, wie sich ein Schiff, die Seefahrt und Härte auf See anfühlen, dann muss ich ihn nicht künstlich durch übertriebene Härte und Männlichkeitsgehabe an Grenzen führen, die nicht nötig und gefährlich sind», sagt sie, «es braucht mehr Sinn und Verstand - und weniger Drill.»
Zerrüttete Verhältnisse auf Vorzeige-Schiff?
Die Zukunft der «Gorch Fock» ist unklar. Möglicherweise steht das traditionsreiche Segelschulschiff der Deutschen Marine nach über 50 Dienstjahren vor dem Aus.
Vor wenigen Tagen hatte der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, die Zustände auf den Segelschulschiff öffentlich gemacht. Danach soll nicht nur enormer Druck auf die Kadetten ausgeübt worden sein. Auch von Meuterei-Vorwürfen gegen mehrere Offizieranwärter war die Rede und von einem zerrütteten Verhältnis zwischen Mannschaft und Schiffsführung.
Anlass ist der Unfalltod einer 25-Jährigen, die am 7. November beim Klettern in der Takelage aus 27 Metern Höhe auf das Deck stürzte und 12 Stunden später starb. «Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb», sagte die 45-Jährige Mutter dem «Focus». Sie vermute, dass die wahren Gründe für den Tod ihrer Tochter «vertuscht» worden seien. Die Mutter der toten Marinesoldatin hat unterdessen Anzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet.
Guttenberg unter Druck
Die «Gorch Fock» befindet sich zur Zeit in einem argentinischen Hafen, von wo aus die Bark inzwischen auf Anordnung von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) umgehend in die Heimat zurückbeordert wurde. Ein Untersuchungsteam soll die Vorfälle vom November untersuchen. Die Untersuchungen beginnen am kommenden Donnerstag.
«Nach einer derartigen Häufung von faktisch erschütternden Berichten kann niemand zur Tagesordnung übergehen», betonte Guttenberg am Samstag in Koblenz. Daher habe er angewiesen, dass der Kommandant von seinen Führungsaufgaben entbunden wird, die «Gorch Fock» unmittelbar in ihren Heimathafen Kiel zurückkehrt und sie so lange aus der Fahrbereitschaft genommen wird, bis die Vorwürfe geklärt sind.
(kub/dapd)






















