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«Vatileaks»-Affäre
06. Oktober 2012 16:29; Akt: 06.10.2012 16:30 Print
Wird der diebische Diener doch begnadigt?
Der ehemalige Kammerdiener von Papst Benedikt wurde heute wegen Diebstahls zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Doch vermutlich bleibt Paolo Gabriele ein freier Mann - dank der Milde des Papstes.

Er missbrauchte das Vertrauen des Papstes - dafür muss Paolo Gabriere nun mit eineinhalb Jahren Gefängnis büssen. (Bild: Keystone/Ettore Ferrari)
Im Prozess um die «Vatileaks»- Enthüllungen ist der Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das vatikanische Gericht sprach ihn am Samstag des Diebstahls schuldig.
Verbrechen hinter den Mauern des VatikansProzesse sind selten im Vatikan. Im winzigen Staat gibt es laut der Staatsanwaltschaft jährlich nur etwa 30 Verhandlungen. Meist geht es um Diebstähle auf dem Petersplatz oder ähnliche Vergehen. Grössere Vorfälle, die auch öffentlich wurden, lassen sich an den Fingern abzählen.
In den 1980er Jahren wurden aus der Wohnung eines Kurienkardinals wertvolle Teppiche, Porzellan, Silber sowie «ein dickes Bündel Dollarnoten» gestohlen.
Jahre zuvor hatten Telefontechniker Wertsachen des Privatsekretärs von Papst Paul VI. gestohlen, wie Benny Lai in dem Buch «Die Geheimnisse des Vatikans» schildert. Auch Goldmünzen aus den Räumen des Papstes nahmen sie mit.
Für Schlagzeilen sorgte 1998 eine Bluttat unter Schweizergardisten. Ein Unteroffizier tötete seinen Kommandanten und dessen Frau. Danach brachte er sich um. Die Ermittlungen wurden eingestellt.
2007 gab es einen Drogenprozess: Bei einem Vatikan-Mitarbeiter waren 87 Gramm Kokain entdeckt worden.
Gegen eine Frau, die sich 2009 bei der Christmette im Petersdom auf Papst Benedikt XVI. gestützt hatte, wurde kein Urteil gesprochen - sie galt als unzurechnungsfähig.
Die Strafe für solche Taten betrage drei Jahre, sagte Präsident Giuseppe Dalla Torre. Das Gericht gestand ihm aber mildernde Umstände zu und halbierte deshalb die Strafe.
Gabriele sei nicht vorbestraft und habe aus subjektiver Überzeugung gehandelt, auch wenn diese verfehlt gewesen sei, sagte Dalla Torre. Auch sei ihm bewusst geworden, das Vertrauen des Papstes missbraucht zu haben.
Gabriele konnte zunächst nach Hause zu seiner Frau und seinen drei Kindern gehen. Er stehe weiter unter Hausarrest, bis über eine Berufung entschieden sei, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Die Verteidigung habe dafür drei Tagen Zeit. Eine Begnadigung durch Papst Benedikt XVI. sei eine «sehr konkrete und sehr wahrscheinliche Möglichkeit», sagte Lombardi.
Gabrieles Verteidigerin Cristiana Arru sagte der Nachrichtenagentur Reuters, sie werde darauf verzichten, in Berufung zu gehen. Ihr Mandant sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, welche sie auch sein mögen. Sie habe das Gefühl, dass es sich um ein gerechtes Urteil handle. Arru hatte auf Freispruch plädiert.
Aus Liebe zur Kirche
Das Urteil wurde direkt ins Pressezentrum übertragen. Gabriele folgte dem Urteilsspruch nach Angaben von Prozessbeobachtern ohne sichtbare Gefühlsregung. In seinem Schlusswort sagte Gabriele, er habe aus tiefer Liebe zur Kirche und zum Papst gehandelt. «Ich fühle mich nicht als Dieb.» Gabriele übernahm die alleinige Verantwortung: Er habe keine Mittäter gehabt und kein Geld bekommen.
Der vatikanische Staatsanwalt, Nicola Picardi, hatte drei Jahre Haft verlangt. Er schilderte Gabriele als leicht beeinflussbar, aber voll zurechnungsfähig.
Dennoch gestand ihm bereits der Staatsanwalt mildernde Umstände zu und reduzierte die mögliche Strafforderung von vier Jahren um ein Jahr. Das berichteten vom Vatikan zugelassene Prozessbeobachter am Samstag nach den Plädoyers.
«Zu unrecht angeeignet»
Gabrieles Verteidigerin Arru sagte in ihrem Plädoyer, ihr Mandant habe nichts gestohlen, sondern sich die Papiere nur zu Unrecht angeeignet. Falls er wegen Diebstahls verurteilt werden solle, dürfe er nur die Minimalstrafe für einfachen Diebstahl bekommen - drei Tage.
Was er getan habe, sei nicht rechtens gewesen, jedoch habe er Missstände gesehen - und sei davon zu seinen Taten getrieben worden. Nach dem Urteil sagte sie: «Das ist ein gutes Urteil.»
Nun soll zügig das abgetrennte Verfahren gegen den wegen Begünstigung angeklagten Informatiker Claudio Sciarpelletti fortgesetzt werden. Bei ihm war ein Umschlag mit Papieren gefunden worden, die aber nicht vertraulich waren.
Laut Staatsanwalt Picardi hat Gabriele als Einzeltäter gehandelt. Ermittlungen rund um mögliche Komplizen seien aber noch im Gange, berichtete Vatikan-Sprecher Lombardi.
Machtkampf im Vatikan
Nach Angaben der vatikanischen Polizei hatte Gabriele in seiner Wohnung im Vatikan «mehr als tausend Dokumente von Bedeutung» aus dem engsten Umfeld des Papstes gehortet. Dazu gehörten Schriftstücke, die an Benedikt XVI. gerichtet oder von ihm unterschrieben waren, unter anderem auch Korrespondenz mit Kardinälen und Politikern.
Die von Gabriele gestohlenen und von italienischen Medien veröffentlichten Dokumente deuteten auf einen Machtkampf im Vatikan auf höchster Ebene hin. Der Fall hatte ein grosses Medieninteresse ausgelöst und in Anlehnung an das Enthüllungsportal WikiLeaks auch Schlagzeilen als «Vatileaks» gemacht.
Für den Prozess hatte der Vatikan eine Poollösung. Acht vom Vatikan zugelassene Journalisten nahmen an der Verhandlung teil und informierten danach zusammen mit Vatikan-Sprecher Lombardi ihre Berufskollegen.
(jbu/sda)

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