Kremlkritiker

20. Dezember 2013 09:13; Akt: 20.12.2013 20:22 Print

Chodorkowski äussert sich zu seiner Freilassung

Er habe Putin um die Freilassung gebeten, sagt der freigelassene russische Oppositionelle Michail Chodorkowski am Freitag in Berlin. Das sei aber kein Schuldeingeständnis.

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Michail Chodorkowski ist in der Schweiz angekommen. Am 5. Januar 2014 ist er mit dem Zug in Basel eingetroffen. Der russische Kreml-Kritiker ist zusammen mit seiner Frau Inna und drei seiner vier Kinder, den beiden Söhnen Gleb und Ilja und der Tochter Anastasia, gereist. Auf der Fahrt gab er dem Schweizer Fernsehen Auskunft. Er wiederholte, dass er sich auch von der Schweiz aus für die Befreiung von politischen Gefangenen in Russland einsetzen will. Er habe eine Verantwortung gegenüber der Zivilgesellschaft: «Man kann doch nicht ruhig leben, wenn man weiss, dass in Gefängnissen politische Gefangene schmoren.» Begleitet wurde Chodorkowski vom Moskau-Korrespondenten des Schweizer Fernsehens, Peter Gysling. Am 22. Dezember sprach Michail Chodorkowski erstmals nach zehn Jahren vor den Medien . Auf der Medienkonferenz in Berlin sprach er der deutschen Regierung seinen Dank für deren Hilfe aus und gegen einen Olympiaboykott. Und er verwies darauf, dass es noch weitere politische Häftlinge in Russland gebe. Chodorkowski wurde am 20. Dezember 2013 vom ehemaligen deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Berliner Flughafen Schönefeld empfangen. Chodorkowski quartierte sich im Luxus-Hotel Adlon ein, vor dem sich eine Schar von Kamerateams aus der ganzen Welt einfand. Boris Chodorkowski, der Vater des Freigelassenen, erreichte das Hotel am 21. Dezember, wo er seinen Sohn wiedersehen durfte. Pawel Chodorkowsky, der älteste Sohn des Kreml-Gegners, traf ebenfalls im Adlon ein. Seine schwerkranke Mutter Marina Chodorkowskaja (mit weisser Mütze) wollte Michail Chodorkowski (links) im Spital besuchen. Sie hatte sich in Berlin behandeln lassen. Doch die Mutter war bereits am 10. Dezember aus dem Spital entlassen worden und wieder nach Russland zurückgekehrt. Das Treffen fand trotzdem in Deutschland statt. Chodorkowski hat unmittelbar nach seiner Freilassung ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen. Anastasia Chodorkowski, die Tochter des Regimekritikers, tritt am Tag der Freilassung ihres Vaters im russischen Fernsehen auf. Chodorkowskis Frau Inna (l.) und seine Tochter Anastasiya auf dem Weg zu einem Gerichtssaal 2011. Chodorkowskis Eltern Marina (l.) und Boris im Mai 2011 bei einem Interview in einem von ihrem Sohn gegründeten Internat für Waisenkinder. Putins Erzfeind und einst reichster Mann Russlands: Michail Chodorkowski wurde am 20. Dezember aus dem Straflager Segescha nahe der finnischen Grenze entlassen. Hier, in der Strafkolonie Nummer 7 in Segescha im nordwesten Russlands, sass Chodorkowsky die letzten beiden von zehn Jahren ein. Wegen Steuerhinterziehung und Korruption, wie es hiess. Die Verurteilung des einstigen Erdölmagnaten galt allgemein aber als politisch motiviert. Per Helikopter ging es Richtung St. Petersburg. Danach soll der 50-jährige Chodorkowski ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen haben, wo er sich mit seiner Mutter treffen will. Von dort aus plant er laut «Spiegel» in die Schweiz weiterzureisen. Von Polizisten eskortiert verlässt Kremlgegner Michail Chodorkowski einen Gerichtssaal in Moskau, Dezember 2003.

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Der russische Oppositionelle Michail Chodorkowski hat nach eigenen Angaben Wladimir Putin gebeten, ihn aus «familiären Gründen» zu begnadigen, erklärte Chodorkowski am Freitag. Dies sei aber nicht als Schuldeingeständnis zu werten, hiess es in der ersten Mitteilung des früheren Öl-Milliardärs nach seiner Freilassung. Er dankte dem früheren Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher für dessen Bemühungen um seine Freilassung.

Der heute freigelassene Michail Chodorkowski ist laut Informationen des deutschen Aussenministeriums in einer Privatmaschine auf dem Flughafen Schönefeld in Berlin gelandet. Gemäss dem «Spiegel» plant er, anschliessend in die Schweiz weiterzureisen. Chodorkowski wird eine vom Land Berlin ausgestellte Einreisegenehmigung erhalten. Mit dieser kann er ein Jahr lang im Schengen-Raum reisen.

Das EDA konnte die geplante Einreise Chodorkowskis bisher weder bestätigen noch dementieren. Auch die russische Botschaft in Bern war am Freitagnachmittag für eine Stellungnahme nicht mehr erreichbar.

«Ich bin in Romaschkino»

Verwirrung gab es über den Grund für Chodorkowskis Reise nach Deutschland. Chodorkowski habe darum gebeten, weil dort seine krebskranke Mutter behandelt werde, teilte die russische Strafvollzugsbehörde mit. «Seiner Bitte wurde entsprochen», hiess es.

Chodorkowskis Mutter selbst sagte dagegen der russischen Staatsagentur Itar-Tass, sie sei momentan in Russland. Sie sei vor einiger Zeit in Deutschland behandelt worden. «Aber ich bin in Romaschkino im Gebiet Moskau.» Ihr Sohn habe sich bisher nicht bei ihr gemeldet, sagte die 79-Jährige. «Ich weiss nicht, warum sie mitteilen, dass Michail zu mir nach Deutschland geflogen ist».

Chodorkowski kam mit einem Firmenflugzeug der deutschen Unternehmensgruppe OBO Bettermann nach Berlin, das der früher deutsche Minister Hans-Dietrich Genscher organisiert hatte. An der Ausreise waren auch die deutsche Botschaft in Moskau und das Auswärtige Amt beteiligt.

Wegen «Steuerhinterziehung» verurteilt

Der schärfste Gegner Putins hätte regulär nach zwei international umstrittenen Urteilen im August nächsten Jahres wieder in Freiheit kommen sollen. Der frühere Chef des einst grössten russischen Ölkonzerns Yukos war unter anderem wegen «Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Diebstahl» verurteilt worden.

Chodorkowski, der die Korruption unter Putin kritisiert und die Opposition finanziert hatte, hält die Verfahren gegen sich bis heute für politisch gesteuert. Dass er nun freikommt, gilt als beispielloses Zugeständnis des Kremls an den Westen vor den Olympischen Winterspielen, die am 7. Februar in Sotschi am Schwarzen Meer eröffnet werden.

Chodorkowski drohte dritter Prozess

Russland sah sich zuletzt zunehmend wegen der Menschenrechtslage unter Druck. Mehrere Politiker, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundespräsident Joachim Gauck, hatten angekündigt, auf Reisen an das Schwarze Meer zu verzichten. Kommentatoren in Russland nannten die Nachricht von der Begnadigung Chodorkowskis eine «handfeste Sensation».

Putin hatte am Donnerstag überraschend von einem Gnadengesuch Chodorkowskis gesprochen. Die Zeitung «Kommersant» berichtete, Anfang Dezember habe es ein Gespräch von Geheimdienstmitarbeitern mit Chodorkowski gegeben, bei dem kein Anwalt zugegen war.

Dabei sei ihm gesagt worden, dass sich der Gesundheitszustand seiner krebskranken Mutter verschlechtert habe und ihm ein dritter Prozess drohe. Daraufhin habe sich Chodorkowski, der bislang immer ein Gnadengesuch verweigert hatte, an Putin gewandt.

Freilassung international begrüsst

Die bevorstehende Freilassung war international begrüsst worden. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich erfreut. «Ich habe mich sehr oft dafür eingesetzt, dass Herr Chodorkowski freigelassen werden kann», sagte Merkel.

Menschenrechtler lobten Putins Schritt und boten Chodorkowski eine führende Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland an. Die Freilassung sei ein ermutigendes Signal für eine «Gesundung» der russischen Gesellschaft, teilten die Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin (Regierung) und Michail Fedotow (Kreml) mit. Sie gebe Hoffnung, dass sich das internationale Ansehen des Landes verbessere.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • maurice.ravell am 20.12.2013 09:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Putin

    und Angst. Das bezweifle ich. Denke eher dass, das Taktik ist. Nach dem Motto. Seht her wie tolerrant und grosszügig ich bin. Putin is nich der mächtigste, aber mit Kim zusammen der unberechenbarste Mann. Seit wann interesiert er sich um dessen Mutter's gesundheit. Hat er doch die letzten 10 Jahre auch nicht gemacht.

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  • ani martin am 20.12.2013 09:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    der sefko

    es ist die art von putin zu zeigen, wer der chef ist und wie verfahren wird. ohne festen griff zerfällt das reich und das; liebe leser, wollt ihr im eigenen interesse nie nie nie erleben.

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  • long john am 20.12.2013 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    olympia hat begonnen

    brot und spiele, brot und spiele

Die neusten Leser-Kommentare

  • z.m. am 21.12.2013 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bankenwelt

    Chodi will in die Schweiz. Das gibt wieder ein gutes Licht auf die Schweiz. Warum will der wohl dahin ? Sicher nicht wegen der Lanschaft.

  • Chääsbohrer am 21.12.2013 07:35 Report Diesen Beitrag melden

    Aus dem Knast nach Sochi

    Wahrscheinlich sind die Begnadigten verpflichtet worden an der Eröffnungsfeier von Sochi 2014 teilzunehmen, damit da wenigsten einige anwesend sind.

  • TomTom am 21.12.2013 07:35 Report Diesen Beitrag melden

    Gesicht gewahrt!

    Das war die einzige Möglichkeit Putin's, Fehler einzugestehen, dem Westen einen Gefallen zu tun und für Olympia Werbung zu machen, ohne das Gesicht dabei zu verlieren.

  • Reto Hug am 20.12.2013 19:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schach Matt

    Für Putin ist Chodorkowski ein Mittel zum Zweck, die Freilassung ein geschickter Schachzug zum richtigen Zeitpunkt auch hinsichtlich Sotchi wo man sich nicht blamieren will, nach den zahlreichen Absagen etlicher Staatsleute! Da er sowieso demnächst entlassen worden wäre, will sich Putin noch schnell Innenpolitisch profilieren um die Welt Milde zu stimmen.....ein Schelm wer böses denkt....die ganze Story wirkt wie ein PR-Gag Putin wird weiter eisern festhalten an seiner Amtsführung wie gewohnt......!

  • Ruedi am 20.12.2013 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    es reicht

    Gott sei dank nach Deutschland und nicht noch einer in der Schweiz....