Erdgas

17. Juni 2017 15:55; Akt: 17.06.2017 15:55 Print

Katars Trumpf im Persischen Golf

von Silvia Vogt, AP - Im Streit mit seinen grossen Nachbarn kann das kleine Katar die Erdgas-Karte zücken. Von den Lieferungen profitieren schliesslich auch die Arabischen Emirate und Ägypten.

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Das North-Field-Vorkommen wurde 1971 entdeckt, im Jahr der Unabhängigkeit Katars. Gemeinsam mit Russland und dem Iran beutet Katar das Erdgasfeld aus, ins Exportgeschäft stieg das Emirat 1997 ein. Mit seinen reichen Erdgasvorkommen ist das Feld im Persischen Golf eine entscheidende Karte, die das kleine Emirat bei den derzeit wachsenden Spannungen in der Region ausspielen kann. «Wenn die katarischen Exporte blockiert wären, gäbe es Energiekrisen in Ländern wie Grossbritannien, Japan, Südkorea und China», sagt der Wissenschaftler Kristian Coates Ulrichsen von der Rice University. Waffendeal zwischen Katar und den USA trotz diplomatischer Krise in der Golf-Region: F-15 der US-Luftwaffe. (Archivbild) Ruft vier Länder dazu auf, die Blockade Katars zu lösen: US-Aussenminister Rex Tillerson bei einer Rede zur Katar-Krise in Washington. (9. Juni 2017) Gross angelegter Angriff: Eine gekaperte Saudi-Seite zeigte Nachrichten auf Farsi sowie den Slogan «Von iranischen Hackern gehackt». Kurswechsel in der Katar-Krise: US-Präsident Donald Trump im Weissen Haus. (31. Mai 2017) Katar führe einen effektiven Kampf gegen Terrorgruppen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (links) mit dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani. (Archivbild) Katar müsse sich wie «ein normales Land» verhalten, sagt der saudiarabische Aussenminister Adel al-Jubeir in Paris. (6. Juni 2017) Dem Emirat Katar wird vorgeworfen, Terrororganisationen zu unterstützen: Blick auf Doha. Nachbarstaaten stoppen deshalb den Flugverkehr: Qatar Airways muss die Nachbarländer umfliegen, was auch in Richtung Europa zu längeren Flugzeiten führt. (5. Juni 2017) Etihad Airways oder auch Emirates haben ihre Flüge nach Katar gestrichen. Qatar Airways hat reagiert und fliegt auch nicht mehr in die Nachbarländer. Von der Isolation Katars könnten nun vor allem die Direkt-Konkurrenten Etihad und Emirates profitieren. Katar – umgeben unter anderem von Saudiarabien, Bahrain und den Vereinigen Arabischen Emiraten. Die Isolation führte zu einem Ansturm auf Lebensmittel: Einwohner Dohas stehen in einem Supermarkt Schlange. (5. Juni 2017) Die Nachbarn gehen auf Distanz: Der Emir von Katar, Scheich Hamad Al Thani, beim Gipfeltreffen der Golfstaaten in Bahrain. (6. Dezember 2016) Unter anderem hat Saudiarabien die diplomatischen Beziehungen zu Katar beendet: Der saudische König Salman bin Abdulaziz al-Saud. (21. Mai 2017) Aus Australien hat sich US-Aussenminister Rex Tillerson zu Wort gemeldet – er bittet die Beteiligten, vereint zu bleiben.

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North Field heisst der Trumpf Katars. Mit seinen reichen Erdgasvorkommen ist das Feld im Persischen Golf eine entscheidende Karte, die das kleine Emirat bei den derzeit wachsenden Spannungen in der Region ausspielen kann. Denn von den Exporten sind nicht nur Länder im Fernen Osten oder europäische Staaten abhängig, sondern auch die benachbarten Vereinigten Arabischen Emirate oder Ägypten. Und die gehören zur Riege jener, die dieser Tage ihre Beziehungen zu Katar gekappt haben.

Die Beziehungen in der Region sind seit langem angespannt, am 5. Juni schritten die Nachbarn schliesslich zur Tat: Saudiarabien, Bahrain und die Arabischen Emirate schlossen ihre Grenzen zu Katar. Andere arabische Länder wie Ägypten distanzierten sich ebenfalls vom Emirat. Auch Luft- und Seerouten sind betroffen.

Eine mögliche wirtschaftliche Waffe

Mit der weitgehenden Isolierung soll dem kleinen Land mit seinen 2,2 Millionen Einwohnern klargemacht werden, dass seine politische Richtung mehr als missfällt. «Sie haben sich wirklich angestrengt, aus dem Schatten Saudiarabiens zu treten und eine autonome Regional- und Aussenpolitik zu schaffen, die sich davon unterscheidet», sagt der Golf-Experte Kristian Coates Ulrichsen von der Rice University, der derzeit in Seattle forscht, über den Kurs Katars.

«2011 spitzte sich die Lage zu, als sie im Arabischen Frühling auf der anderen Seite standen», erklärt Ulrichsen. «Katar setzte offenbar auf die Islamisten und die Muslimbrüder – und das zahlte sich mit der Zeit nicht aus.» Inmitten des Zerwürfnisses habe Katar aber nun mit seinem Erdgasvorkommen eine mögliche wirtschaftliche Waffe.

Emirat stieg 1997 in Exportgeschäft ein

«Wenn die katarischen Exporte blockiert wären, gäbe es Energiekrisen in Ländern wie Grossbritannien, Japan, Südkorea und China», sagt der Wissenschaftler. Sie könnten Katar Rückhalt geben. «Für jedes kleine Land, vor allem ein kleines Land am Golf, das von viel grösseren und potenziell expandierenden Mächten umgeben ist, sind internationale Partnerschaften ein Schlüssel für die äussere Sicherheit», erklärt er. «Ich denke, dass Katar derzeit darauf bauen könnte.»

Das North-Field-Vorkommen wurde 1971 entdeckt, im Jahr der Unabhängigkeit Katars. Gemeinsam mit Russland und dem Iran beutet Katar das Erdgasfeld aus, ins Exportgeschäft stieg das Emirat 1997 ein. Unmittelbar zuvor hatte Kronprinz Hamad bin Khalifa al Thani seinem Vater die Macht entrissen und nutzte fortan die Einnahmen aus dem Gasverkauf, um einen diplomatischen Weg einzuschlagen, der vom Schwergewicht Saudiarabiens abwich. Mit dem grossen Nachbarn verbindet Katar zwar die konservative Ausprägung des sunnitischen Islams, dem Wahhabismus, doch das kleine Emirat lässt Frauen ans Steuer und erlaubt Ausländern, Alkohol zu trinken. Unstimmigkeiten gab es auch immer wieder in Territorialfragen.

Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten und Jordanien sind Kunden

Eine eigene Marke setzte Katar auch mit der Aufnahme des taktischen Hauptquartiers der US-Streitkräfte im Nahen Osten. Rund 10'000 amerikanische Soldaten sind dort stationiert. Andere Nationen nutzen Katar ebenfalls als Stützpunkt für ihre Truppen. Auch das ist ein Trumpf im Ärmel des Emirats.

Doch besonders als weltweit grösster Exporteur von flüssigem Erdgas ist das reiche Katar gut vernetzt – und baut auch künftig auf die Einnahmen, die dem Land die Wolkenkratzer und die Jets finanzieren und die unter anderem auch für den Stadionbau bei der Fussballweltmeisterschaft 2022 eingeplant sind. In der aktuellen Krise weist das staatliche Ölunternehmen denn auch klar darauf hin, dass die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und Jordanien zu den Kunden gehören und vom katarischen Erdgas abhängig seien.

Katar hat noch nicht reagiert

Er versichere «unsere entschlossenen Bemühungen, die Versorgung ungestört fortzusetzen», erklärte Unternehmenspräsident Saad Sherida al-Kaabi am letzten Wochenende an die internationale Kundschaft gerichtet. Bislang ist das gelungen, die Isolation in der Region hat sich noch nicht auf den Export niedergeschlagen oder die Märkte belastet.

Aber bislang hat Katar auch noch nicht auf den Affront der Nachbarn reagiert. Es könnte etwa die Dolphin-Energy-Pipeline stilllegen, die täglich rund 56 Millionen Kubikmeter Erdgas in die Vereinigten Arabischen Emirate transportiert, was einem Drittel des dortigen Bedarfs entspricht. Etwa ein Zehntel davon wird nach Oman weitergeleitet.

«Dann gingen sie, glaube ich, aufs Ganze»

Ohne das Erdgas könnten die Arabischen Emirate weder die Klimaanlagen in den grossen Städten bedienen noch die Entsalzungsanlagen, die für ihr Wasser so wichtig sind, unterhalten. «Wenn Katar so etwas machen würde, gingen wohl in Dubai die Lichter aus», sagt Christopher Davidson von der englischen Durham University.

«Das wäre solch eine Eskalation von katarischer Seite, dass die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudiarabien noch eins draufsetzen würden», schätzt er. «Und wenn sie das tun würden, dann gingen sie, glaube ich, aufs Ganze.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mon Dieu am 17.06.2017 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ausgerechnet

    Saudi Arabien, wenn ich die wäre, wär ich mal schön ruhig.?

  • Rösli Hösli am 17.06.2017 18:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld ist Macht

    Demnach sind sie für die Zeit nach dem Öl gerüstet.

  • Onkel Albert am 17.06.2017 23:49 Report Diesen Beitrag melden

    Warnschuss

    Das war ein Schuss vor den Bug. Alle in der Region finanzieren die jeweils befreundeten Organisationen. Katar scheint jedoch eine, fuer die anderen, sprich Saudi-Koalition, Schmerzgrenze ueberschritten zu haben. Das renkt sich schnell wieder ein.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Chris N. am 18.06.2017 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Ähmmm...

    Worum genau geht es in diesem Streit?!

    • JackHunter am 18.06.2017 23:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Chris N.

      Niemand hat eine Ahnung, aber jeder scheint es zu wissen. Hauptsache es hat keinen negativen Einfluss auf den Preis an der Zapfsäule!

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  • Snooker am 18.06.2017 17:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der geplante Krieg

    Man isoliert Katar. Man weiß aber dass Katar den Gashan schliessen wird. Schlussfolgerung. KRIEG.

    • JackHunter am 18.06.2017 23:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Snooker

      Na und?! Gas kann mittlerweile jedes Land irgendwie fördern. Ausserdem ist es eine Chance, uns aus deren Abhängigheit zu lösen.

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  • Afrika-Rolf am 18.06.2017 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist Schuld bei neuem Krieg?

    Es werden viele Waffen in diese Region verkauft. Es wird viel Geld gemacht! Wer ist Schuld wenn es am Golf neue Kriege gibt? Wer nimmt die Flüchtlinge?

  • B. Kerzenmacher am 18.06.2017 16:14 Report Diesen Beitrag melden

    Die...

    Herrscher Katars sind genauso extrem wie die anderen Halsabschneider in Riad oder in Teheran. Die Vergabe der Fussball-WM 2022 an Katar ist der schlechteste Witz der Sportgeschichte seit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Trotzdem muss man diese Entwicklung mit Sorge beobachten. Einen zusätzlichen Krisenherd in dieser Region ist das überflüssigste was es überhaupt braucht. Offensichtlich ist KSA, vollgepumpt mit amerikanischen und europäischen Waffen, der Überzeugung, dass sie einer Auseinandersetzung mit den Iranern standhalten können. Die Intervention im Jemen war ein Vorgeschmack.

  • Paul K. am 18.06.2017 15:00 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere nächste Energiekrise

    Reiche Rohstoffe verleiten Gegner zu einer militärischen Aktion.

    • JackHunter am 18.06.2017 23:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Paul K.

      Nein, Energiekrisen wie in der Vergangenheit wird es wahrscheinlich keine geben. Der Ölpreis beweist es!

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