Kosovo-Bericht

17. Dezember 2010 07:19; Akt: 17.12.2010 07:19 Print

Stammen Martys Infos aus Albanien?Stammen Martys Infos aus Albanien?

von Peter Blunschi - Dick Martys Bericht über angeblichen Organhandel im Kosovo wirft hohe Wellen – und Fragen auf. Das grösste Problem: Es gibt keine handfesten Beweise.

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Dick Marty bei der Präsentation seines Berichts am Donnerstag in Paris. (Bild: Reuters/Philippe Wojazer)

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Noch im Mai steckten Martys Ermittlungen über kriminelle Machenschaften im Kosovo in einer Sackgasse. Dies schreibt Nick Thorpe, Zentraleuropakorrespondent der BBC, mit Berufung auf «gut platzierte Quellen» in Kosovo, Serbien und Strassburg. Der Tessiner FDP-Ständerat habe mehrere Reisen in die Region unternommen und sei jedes Mal «frustriert» zurückgekehrt. Selbst Ermittler der EULEX-Mission, die Kriegsverbrechen untersuchen, hätten ihm gesagt, beim angeblichen Organhandel handle es sich um «ein Schauermärchen».

Dann sei etwas passiert, so Thorpe. Die für Juni geplante Veröffentlichung des Berichts wurde verschoben. Nun liegt er vor, und Dick Marty liefert mit Berufung auf «Insiderquellen» detaillierte Beschreibungen von zahlreichen Verbrechen, etwa wie Gefangenen Organe entnommen wurden. Verantwortlich sei die kosovarische Befreiungsarmee UCK gewesen, zu deren Kommandanten der heutige Ministerpräsident Hashim Thaci gehörte. Woher aber hatte Marty diese Informationen, nachdem er zuvor nichts erreicht hatte?

Geheimdienste unter Verdacht

Nick Thorpe verweist darauf, dass viele Seiten im Bericht die Aktivitäten der UCK im Nachbarland Albanien schildern. Die einzige logische Schlussfolgerung sei, dass Martys neue Quellen «in Albanien gefunden werden können, vermutlich bei Geheimdiensten, die einst eng mit der UCK zusammengearbeitet hatten». Wieso aber sollten diese den «Brüdern» im Kosovo in den Rücken fallen? Der BBC-Korrespondent glaubt, dass Albanien im Hinblick auf eine EU-Mitgliedschaft «dringend Verbündete in Europa sucht».

Zweifel an dieser Version bleiben, dafür blühen Verschwörungstheorien. In der kosovarischen Hauptstadt Pristina heisst es, Dick Marty habe die Unabhängigkeit Kosovos immer abgelehnt und arbeite nun mit Serbien zusammen, um andere Länder von der Anerkennung der ehemaligen serbischen Provinz abzuhalten. Nur 72 von 192 UNO-Mitgliedsländern haben dies bisher getan, darunter die Schweiz. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung von Martys Bericht, nur vier Tage nach der Parlamentswahl, wirkt auf viele suspekt.

Thacis Autorität beschädigt

Die Analysten sind sich nicht einig, ob er Hashim Thacis Bemühungen, eine neue Regierung zu bilden, erschweren wird. Zumindest habe er seine Autorität gegenüber dem Ausland beschädigt, so der britische «Economist» mit Berufung auf eine «diplomatische Quelle» Nicht nur die Anerkennung Kosovos, auch weitere Schritte wie eine Annäherung an die Europäische Union und ein Dialog mit Serbien dürften schwieriger werden. Bereits verlangt Belgrad eine internationale Untersuchung zu Thacis Rolle beim angeblichen Organhandel.

Zurückhalten geben sich bislang die USA. Washington hatte Thaci trotz seiner anrüchigen Vergangenheit bislang im Interesse der Stabilität unterstützt. Man habe den Bericht «zur Kenntnis genommen» und nehme die Anschuldigungen «sehr ernst», sagte P.J. Crowley, der Sprecher des Aussenministeriums. Er verlangte, dass die im Bericht erwähnten Beweise «für eine vollständige und saubere Untersuchung» zur Verfügung gestellt werden. Bei der EU in Brüssel und in Pristina werden ähnliche Forderungen erhoben.

Doch genau daran hapert es, denn bislang konnte Dick Marty keine handfesten Beweise vorlegen. Im Kosovo jedenfalls geht man in die Offensive: Regierungschef Thaci will den Tessiner Ständerat verklagen. «Der Ball liegt jetzt bei Herrn Marty», sagte eine Quelle aus Pristina dem BBC-Korrespondenten Nick Thorpe.