Kriegsbilanz

24. November 2012 17:05; Akt: 24.11.2012 17:42 Print

Gewinner und Verlierer der Gazakrise

von Kian Ramezani - Acht Tage hat Israels Waffengang im Gazastreifen gedauert. Er hat gezeigt, wie sich die Gewichte im Nahen Osten nach dem Arabischen Frühling verschoben haben.

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Mohammed Mursi - Gewinner
Am ägyptischen Präsidenten kam niemand vorbei. Er war der erste und wichtigste Ansprechpartner aller Seiten. US-Präsident Barack Obama telefonierte mehrmals mit ihm, in Kairo gaben sich die verschiedenen Delegationen die Klinke in die Hand. Am Schluss war es auch die ägyptische Regierung, welche die Nachricht der Waffenruhe verkündete. Mursi hat einen äusserst delikaten Balanceakt gemeistert: Er musste der eigenen Bevölkerung glaubhaft machen, dass er im Unterschied zu seinem Vorgänger Mubarak zu den palästinensischen Brüdern hält. Gleichzeitig durfte er es sich nicht mit den Israelis verderben, denn sonst hätte er nicht Vermittler spielen können. Auch die USA galt es nicht vor den Kopf stossen, die Ägypten mit Milliarden-Krediten unterstützen.
 
Ismail Haniyya – Gewinner
Der Anführer der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen geht gestärkt aus dem achttägigen Schlagabtausch mit Israel hervor. Anders als im Gazakrieg 2008 ist es der einst geächteten Organisation gelungen, sich aus ihrer Isolation zu lösen. Mit Ägypten, Katar und der Türkei weiss sie die einflussreichsten Akteure im Nahen Osten auf ihrer Seite. Für die USA und Europa, welche die Hamas als terroristische Organisation einstufen, dürfte es zunehmend schwierig werden, den Machthabern im Gazastreifen weiter die kalte Schulter zu zeigen.
 
Benjamin Netanjahu – Gewinner
Auch wenn es grosse Teile der israelischen Bevölkerung anders sehen: Die Operation «Wolkensäule» war ein Erfolg. Durch die Waffenruhe hat der Beschuss Israels aus dem Gazastreifen aufgehört. Die Luftwaffe konnte zudem grosse Teile des Raketenarsenals der Hamas zerstören – ohne dass zusätzlich eine riskante Bodenoffensive nötig gewesen wäre. Netanjahus grösster Erfolg: Erstmals konnten die israelischen Streitkräfte das Raketenabwehrsystem «Iron Dome» unter Ernstbedingungen testen. Vor allem im Hinblick auf eine mögliche Auseinandersetzung mit dem Iran dürften diese Erfahrungen von unschätzbarem Wert sein.
 
Barack Obama – Gewinner
Als Supermacht und wichtigster Verbündeter des jüdischen Staats können die USA im Fall eines bewaffneten Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern eigentlich nur verlieren. Da er diesmal nach «nur» acht Tagen beigelegt werden konnte, zählt auch US-Präsident Barack Obama zu den Gewinnern. Öffentlich hielt er zu Israel und seinem legitimen «Recht auf Selbstverteidigung». Gleichzeitig gelang es ihm offenbar, bei den ägyptischen und israelischen Verbündeten genügend Druck für eine Einigung mit der Hamas aufzubauen.
 
Mahmud Ahmadinedschad – Gewinner
Vor dem Hintergrund der harten Sanktionen, dem rapiden Wertverfall der Landeswährung und der internationalen Isolation stellte die Gazakrise eine kleine Verschnaufpause für die iranische Führung dar. Mit den Fajr-Raketen aus iranischer Produktion gelang es der Hamas, bis in die Bevölkerungszentren im Landesinneren vorzudringen. Die Raketeneinschläge in Tel Aviv und in der Nähe von Jerusalem blieben ohne Folgen – «hoben» die Auseinandersetzung psychologisch aber auf eine neue Stufe. Gerade während der anhaltenden Schwäche des syrischen Hauptverbündeten konnte Iran ein wenig seines Einflusses in der Region wieder herstellen.
 
Mahmud Abbas – Verlierer
In dieser Krise am meisten verloren hat wohl der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas. Er war in die Verhandlungen um eine Waffenruhe nicht involviert und in den entscheidenden acht Tagen kaum in Erscheinung getreten. Sein Aufruf zu einem ausserordentlichen arabischen Gipfeltreffen verhallte ungehört. Stattdessen musste er aus den eigenen Reihen Kritik dafür einstecken, dass er nicht persönlich nach Gaza reiste. Vor seiner Nase in Ramallah veranstalteten Hamas-Anhänger Demonstrationen, was er zulassen musste. Wie lange Abbas in der Welt noch für die Palästinenser sprechen kann, ist inzwischen sehr fraglich.
 
Recep Tayyip Erdogan – Verlierer
Der türkische Regierungschef ist wahrscheinlich der unerwartetste Verlierer. Er ist es gewohnt, dass ihm die Herzen der Muslime zufliegen und er seinen Einfluss geltend machen kann. In der Worten seines Aussenministers Ahmet Davutoglu «kann sich in dieser Region ohne die Zustimmung der Türkei nicht einmal ein Blatt bewegen». Im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern und Israel sowie Syrien und Israel war die Türkei früher deshalb erste Anlaufstelle. Das ist vorbei: Mit seiner extremen, anti-israelischen Rhetorik wird Erdogan von den Israelis nicht mehr als Vermittler akzeptiert. Nach dem Arabischen Frühling kann die Türkei zudem nicht mehr den Anspruch erheben, die einzige muslimische Demokratie im Nahen Osten zu sein.
 
Baschar Assad – Verlierer
Während die Hamas in vielerlei Hinsicht einen Sieg davongetragen hat, ist ihr einst mächtigster Verbündeter in der Region völlig von der Bildfläche verschwunden: Syrien und sein Präsident Baschar Assad. Die innenpolitische Lage erlaubt es ihm kaum, in der Region in Erscheinung zu treten. Wegen des brutalen Vorgehens seiner Truppen gegen Zivilisten ist er zudem für die arabische Öffentlichkeit ein Geächteter. Wie lange sich Assad an der Macht halten kann, ist ungewiss. Ausserhalb Syriens Grenzen ist er hingegen heute schon nahezu irrelevant. Das hat die Gazakrise schonungslos aufgezeigt.
 
Hassan Nasrallah – Verlierer
Auch der Hisbollah-Chef im Libanon hat keinen guten Gazakrieg gehabt. Zwar rief er zur Unterstützung der Hamas auf, tat selbst aber nichts – was den Leuten unweigerlich in Erinnerung rief, dass er seit dem Libanonkrieg 2006 keine Raketen mehr Richtung Israel abgefeuert hat. Dass er dem Schlächter Assad weiterhin die Stange hält, trägt auch nicht gerade zu seinem Ansehen als Widerstandskämpfer bei. Manche Beobachter glauben, dass er seine Raketen für eine mögliche Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran spart.