Projekt in Frankreich

03. August 2011 22:55; Akt: 04.08.2011 07:39 Print

Ein Atomkraftwerk geht unter

Es hört sich an wie Science-Fiction - ist aber real. In Frankreich gibt es Pläne, Atomkraftwerke im Meer zu versenken. Das Projekt heisst «Flexblue» und soll bereits 2013 getestet werden.

Quelle: DCNS/youtube)
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Zwei Jahre hat der französische Schiffsbaukonzern DCNS, der zu 75 Prozent dem Staat Frankreich gehört, im Stillen am Projekt gewerkelt. Nun hat die Firma gemeinsam mit dem Industriekonzern Areva, dem Energiekonzern Electricité de France und der französischen Atomaufsichtsbehörde eine zwei Jahre dauernde Machbarkeitsstudie gestartet - und damit ist Schluss mit der Geheimniskrämerei. Bereits 2013 soll in Cherbourg eine erste Pilotanlage errichtet werden - und ab 2017 sollen die ersten Unterwasser-Reaktoren produziert werden.

Das Projekt heisst«Flexblue» (Flexible Energy Blue). Der Unterwasser-Reaktor sieht ein bisschen aus wie ein U-Boot. Er befindet sich in einem Stahlzylinder, der 100 Meter lang und 15 Meter breit ist und gegen 12 000 Tonnen wiegt. Der Reaktor soll eine Leistung zwischen 50 und 250 Megawatt Strom liefern. Im Vergleich dazu: Die Leistung des AKW Mühleberg beträgt 373 Megawatt.

In einer Tiefe von 100 Metern

Die Reaktoren sollen mit Schiffen, wie sie auch für die Errichtung von Ölplattformen verwendet werden, aufs Meer transportiert und in Küstennähe in einer Tiefe von rund hundert Metern verankert werden. Sie sind unbemannt und werden von einer an der Küste gelegenen Einsatzzentrale aus gesteuert. Sie können aber laut DCNS mit Mini-U-Booten jederzeit angesteuert werden. Der Strom wird unterirdisch über Seekabel ins Stromnetz eingespeist.

Die Kosten für einen solchen Unterwasser-Reaktor werden auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt, deutlich weniger als für den Bau eines grossen AKW an Land, das laut«Ecologist» Investitonen von gegen fünf Milliarden Euro erfordert. Auch der Betrieb des Reaktors soll günstiger sein als bei einem terrestrischen AKW, heisst es bei DCNS. Für Revisionsarbeiten und zum Ersetzen der Brennstäbe kann «Flexblue» dank einem System mit Kammern, in die Luft gepumpt werden kann, einfach wieder an die Oberfläche geholt und auf ein Schiff verladen werden.

DCNS sieht für «Flexblue» ein Verkaufs-Potenzial von gegen 200 Unterwasser-Reaktoren in den nächsten 20 Jahren. Mögliche Käufer seien Schwellenländer oder auf Inseln gelegene Staaten.

Experte: «Sieht gut aus»

Experten sind vorsichtig optimistisch: «Auf dem Papier sieht das Projekt gut aus», sagt Bruno Tertrais von der «Fondation pour la recherche statégique» gegenüber dem Radiosender Europe1. Der Nuklearexperte findet: «Es gibt einen Markt für kleine Reaktoren, insbesondere in Ländern, die sich ein klassisches AKW nicht leisten können».

Das Projekt basiere vollständig auf Techniken, welche DCNS bereits heute in Atom-U-Booten und beim Heizkessel des nuklear angetriebenen Flugzeugträgers Charles De Gaulle eingesetzt habe, sagt CEO Patrick Boissier. «Es ist ein Triumph der französischen Ingenieurskunst», zitiert ihn die «Security & Defence Agenda».

Angst bei Zwischenfällen

Greenpeace und französische AKW-Gegner wollen von «Kunst» allerdings nichts wissen. Sie glauben, das Geschäftsmodell der Franzosen setze auf das Prinzip «Aus den Augen aus dem Sinn». Das Anti-Atomkraft-Netzwerk «Sortir du nucléaire» glaubt, die Anlage sei anfällig auf Stürme und Meeresströmungen. Zudem werde das Meerwasser erwärmt und es könne Radioaktivität austreten. Das sei besonders gefährlich, weil sich diese im Wasser sehr leicht verbreite.

Bei DCNS glaubt man genau ans Gegenteil. Die Reaktoren am Meeresgrund seien sicherer als jene an Land. Denn «Stürme, Erdbeben, Überschwemmungen oder ein Flugzeugabsturz gefährden sie nicht. Selbst ein Tsunami hätte keine Auswirkungen», sagt André Kolmayer, Chef der Nuklearabteilung von DCNS im Interview mit der Zeitung «L'Expansion». Mehr noch: Das AKW unter Wasser sei auch gegen allfällige terroristische Anschläge gut gesichert mit einem Stahlnetz. Zudem ermöglichten die Sicherheitsinstallationen, Angriffe mit Torpedos oder Minen frühzeitig zu erkennen. Torpedos könnten in sicherer Distanz zum AKW unschädlich gemacht werden. Auch für die Meeresfauna und -flora sieht Kolmayer keine Gefahr. Man werde aber all diese Fragen sicher noch im Rahmen einer Studie vertieft abklären.

(uwb)