Terror in Paris

15. November 2015 22:53; Akt: 16.11.2015 09:31 Print

«Sie wollen die ganze Gesellschaft treffen»

Restaurants, Konzerte, Sportveranstaltungen: Die brutalen Terrorangriffe in Paris haben ein neues Ausmass angenommen, sagen Experten und warnen: Jeder von uns kann zum Ziel werden.

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Einer der Attentäter aus dem Konzertsaal konnte indentifiziert werden: Eine zerbrochene Uhr auf dem Boden vor dem Bataclan. (14.11.2015) Die Welt trauert: Hunderte Franzosen und Japaner versammeln sich bei der Französischen Botschaft in Tokyo zur Trauer. Europäische Hauptstädte verstärken die Sicherheitskontrollen: Französische Polizisten kontrollieren Autos in Menton. (14. November) Das französische Militär dreht seine Runden am Fusse des Eiffelturms. Die IS bekennt sich zu den Anschlägen in Paris: Angehörige trauern um ihre Liebsten (14. November 2015) Der Tag danach: Die Einschüsse in den Scheiben erinnern an eine Nacht des Grauens. Stadt in Angst: Bewaffnete Polizisten patrouillieren in der Innenstadt von Paris. (13. November 2015) Mithilfe von sozialen Medien suchen viele Menschen nach ihren Liebsten. Bei der Geiselnahme in der Pariser Konzerthalle Bataclan und der anschliessenden Erstürmung durch die Polizei sind Polizeiangaben zufolge über 100 Menschen getötet worden. Zuschauer werden evakuiert: Bei der Geiselnahme in der Pariser Konzerthalle Bataclan und der anschliessenden Erstürmung durch die Polizei sind Polizeiangaben zufolge über 100 Menschen getötet worden. Präsident Francois Hollande wendet sich nach den Terroranschlägen in einer Fernsehansprache an das Volk und verhängt den Ausnahmezustand (13. November 2015). Französische Feuerwehrmänner helfen einem Verletzten in der Nähe des Bataclan-Clubs. (13. November 2015)A Ein Bus mit einigen der Hunderten geretteten Besucher des Bataclan verlässt den Ort der Geiselnahme. Die Mitglieder der amerikanischen Rockband Eagles of Death Metal um Sänger Jesse Hughes (Archivbild) sollen angeblich in Sicherheit sein. Die Band spielte im Pariser Club Bataclan als die Attentäter den Raum stürmten. Facebook-Statement der Band. Abgesperrt: Polizisten blockieren in der Nähe des Café Bonne eine Strasse. US-Präsident Barack Obama hat die Anschlagsserie von Paris als «einen Angriff auf die ganze Menschheit und unsere universellen Werte» verurteilt. Mit Tüchern bedeckte Opfer der brutalen Anschläge liegen vor einem Pariser Restaurant (13. November 2015). Vor der französischen Botschaft in Berlin werden Kerzen angezündet (13. November 2015). Auch vor der Carillon Bar in Frankreich gedenken Menschen den Opfern. Mit Blumen Kerzen und Kärtchen wird den Opfern und ihren Angehörigen gedenkt. «Terrorangriff»: François Hollande und Frank-Walter Steinmeier waren im Stadion, als sich die Attacken ereigneten. Sanitäter im Einsatz: Beim Place de la Republique in Paris ist es zu einer Schiesserei gekommen. . Unsicherheit macht sich breit: Die Menschen verlassen das Stadium. Vor dem Stade de France ist es zu mehreren Explosionen gekommen. Niemand weiss, wie ihm geschieht. Angst und Verunsicherung: Zuschauer versammeln sich auf dem Spielfeld im Stade de France. Mehrere Personen sind bei den Attacken ums Leben gekommen. Einsatzfahrzeuge vor dem Restaurant Petit Cambodge. Die Lage ist unübersichtlich. Überlebende des Anschlages melden sich bei ihren Angehörigen. Personen rund um die Rue Bichat wurden evakuiert. Unzählige Menschen werden aus der Gefahrenzone in Sicherheit gebracht. Rettungskräfte evakuieren eine Frau aus dem Bataclan Theater und bringen sie in Sicherheit.

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Die Terroranschläge vom 13. November mit mindestens 132 Toten und 350 Verletzten treffen Europa ins Herz: Sportveranstaltungen, Konzerte, Restaurants und Bars – kein Ort scheint mehr sicher zu sein.

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die sich zu den Angriffen bekannte, greife nicht mehr nur politische und militärische Ziele an, sagt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze der «NZZ am Sonntag». «Sie wollen die ganze Gesellschaft treffen.»

Endziel: Apokalyptische Konfrontation mit dem Westen

Bis anhin habe der IS seine Aktionen auf Syrien, den Irak, den Libanon und die Türkei beschränkt, so Schulze. Im Gegensatz zu Al Kaida habe die Organisation noch nicht direkt Aktionen im Westen anvisiert. Attentate seien zwar angekündigt, aber nicht umgesetzt worden. «Jetzt – und das ist das Neue – ist der IS dazu übergegangen, direkte Ziele in Frankreich auszuwählen und anzugreifen», so Schulze.

Endziel des IS sei die apokalyptische Konfrontation mit dem Westen, die bereits die Terrorgruppe Al Kaida (von der sich der IS 2013 trennte) bis 2020 herbeiführen wollte. Das Kalifat des IS in Syrien und im Irak sei der Vorbereiter dieser Apokalypse, erklärt Schulze.

«Jeder kann Ziel eines Mordes werden»

Dabei gehe es dem IS darum, anzugreifen, was er Götzendienst nennt: Konzerte, einen Fussballmatch, Cafés. Denn für die Terroristen gäbe es nur Gläubige oder Götzendiener, die zur Verdammnis verurteilt sind, sagt Schulze: «Der einfache Bürger wird als Götzendiener angesehen. Demnach schrieben Attentäter auch in ihrer Erklärung ‹Wir haben 200 Götzendiener umgebracht›. Für sie gibt es keine zivilen Personen, keine unschuldigen Opfer. Alle können ein direktes Ziel eines solchen Mordes werden.»

Mitgefühl oder Empathie spürten die Attentäter nicht: Es gebe eine Art Tunnel-Rationalität, sagt Schulze, «die Vorstellung, dass man durch einen Tunnel gehen muss, der zum persönlichen Heil, zur Reinigung von Sünden und zur Befreiung dieser Welt führt». Schulze vergleicht dies mit sektenhaftem Verhalten: «Es geht allein darum, diese gottesdienstähnliche Handlung durchzuführen, damit sie am Ende von ihren Sünden befreit sind.»

Neue Interpretation des Islam

Dazu gehörten auch die Selbstmordattentate, die in der islamischen Tradition gar nicht existierten. Diese basieren laut dem Islam-Kenner auf der Vorstellung, dass sich ein Dasein als Muslim nur im Tod vollständig verwirklichen kann, nach dem Motto: «Ich bin Gottes Streiter, darum bin ich. Ich kann nur dann Muslim sein, wenn ich mich mit meinem Leben für den Islam opfere.» Diese Vorstellung habe sich erst in den letzten 30 Jahren herausgebildet.

Die Interpretation der Extremisten habe nichts mit der islamischen Tradition zu tun, sondern sei eine Fortschreibung des Islam: «Das lässt viele Muslime ratlos zurück. Sie verstehen nicht mehr, was hier mit ihrem Islam passiert», so Schulze.

«Kontrollen mit Metalldetektoren und Hunden»

Drohen demnach auch in der Schweiz Angriffe auf die Gesellschaft? Die Schweiz stehe nicht zuoberst auf der Feindesliste der Islamisten, sagt Sicherheitsexpertin Schori Liang der «SonntagsZeitung». Trotzdem brauche es mehr Sicherheitskontrollen: «Wenn mehrere Hundert Menschen zusammenkommen für ein Konzert oder eine Sportveranstaltung, braucht es Kontrollen mit Metalldetektoren und allenfalls mit Hunden», so Schori Liang. Bei Angriffen auf Restaurants sei der Westen jedoch immer machtlos und verwundbar.

Um dem IS das Handwerk zu legen, plädiert Schori Liang darauf, die Finanzmärkte der Terrormiliz zu zerschlagen: «Die Organisation verfügt über sehr viel Geld. Hier muss man ansetzen: Die Geschäfte mit Öl, Antiquitäten, Entführungen und Waffen verhindern.» Auch die Rekrutierung von jungen Dschihadisten müsse gestoppt werden: Schori Liang: «Wir müssen das Produkt, die Idee eines Terror-IS-Staats, zerschlagen.»

(cfr)