Blasphemie in Pakistan

01. Oktober 2012 22:31; Akt: 01.10.2012 22:46 Print

Wende im Fall Rimsha

Im Verfahren gegen die junge Christin Rimsha, die wegen Gotteslästerung in Islamabad vor Gericht muss, habens sieben von neun Belastungszeugen ihre Aussagen gegen den Imam zurückgezogen.

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Rimsha wurde der Blasphemie in Pakistan angeklagt. Sie wurde am 8. September 2012 auf Kaution freigelassen. Sie wurde mit dem Helikopter in Rawalpindi fortgebracht. Rimsha wird Blasphemie vorgeworfen, weil sie ein Buch mit Koranversen verbrannt haben soll. Sie wurde Mitte August 2012 festgenommen und sass im Gefängnis.Die christliche Gemeinschaft protestiert in Pakistan gegen die Verurteilung der 11-Jährigen. Wegen des angeblichen Blasphemiefalls musste die christliche Bevölkerung von Mehrabad ausserhalb Islamabad flüchten. Sie fürchteten die Angriffe der aufgebrachten Muslime. Die Christen sind eine Minderheit in Pakistan. Das Alter der Christin Rimsha ist ebenso umstritten wie ihr geistiger Zustand. Einigen Berichten zufolge soll Rimsha am Downsyndrom leiden. Während die Polizei ihr Alter mit 16 Jahren angibt, gibt die Familie an, dass sie elf Jahre alt sei. Ärzte hatten das Mädchen auf unter 14 Jahre geschätzt und gesagt, ihr Intelligenzquotient sei nicht altersgemäss. Die Staatsanwaltschaft jedoch widerspricht diesem Gutachten. Der Fall löste bereits Besorgnis bei westlichen Regierungen und scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen aus. Rimshas Verteidigung - hier ihr Anwalt Tahir Naveed Chaudhry - will, dass der Fall vor einem Jugendgericht verhandelt wird, wo eine mögliche Strafe milder ausfallen würde. Wegen Zweifeln am Antrag auf Entlassung des Mädchens auf Kaution verschob ein Richter die Anhörung. Nun hat der Fall eine Wende erhalten. Die Polizei habe einen islamischen Geistlichen der Jamia Ameenia Moschee festgenommen, der im Verdacht stehe, gefälschte Beweisstücke vorgelegt zu haben. Der Geistliche Hafiz Mohammed Khalid Chishti ist der Imam der Moschee in dem ärmlichen Vorort Mehrabad der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, aus dem Rimsha stammt. Er brachte das Verfahren gegen die junge Christin ins Rollen. Chishti hatte zuvor gesagt, er denke, dass das Mädchen die Verse im Zuge einer christlichen «Verschwörung» gegen Muslime in dem Viertel verbrannt habe. Es habe so weit kommen können, «weil wir nicht früher gegen ihre antiislamischen Taten vorgegangen sind».Chishti wurde nach Polizeiangaben am Samstag festgenommen, nachdem Mitarbeiter des Geistlichen gegenüber den Ermittlern angaben, dass dieser selbst den von Rimsha verbrannten Papieren Seiten aus dem Koran hinzugefügt habe. Die Mitarbeiter sagten den Angaben zufolge bei der Polizei aus, dass sie Chishti davon abbringen wollten, falsche Beweise gegen Rimsha vorzulegen. Chishti habe daraufhin geantwortet, dies sei «der einzige Weg, um die Christen aus dem Viertel zu vertreiben». Indem er heilige Koranverse in die Asche gelegt habe, habe der Geistliche selbst den Koran entweiht, sagte Ermittler Munir Hussain Jaffri. Chishti werde deshalb der Gotteslästerung beschuldigt. Der Geistliche wurde am 2. September mit verbundenen Augen und Handschellen in Begleitung bewaffneter Polizisten zum Gericht gebracht. Dieses ordnete an, dass Chishti zunächst zwei Wochen in Untersuchungshaft bleiben müsse. In Pakistan kann eine Beleidigung des Propheten Mohammed mit dem Tod bestraft werden. Die Verbrennung von Koranversen ahndet das Blasphemiegesetz mit bis zu lebenslanger Haft.

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Trotz entlastender Aussagen der Polizei zieht sich das Blasphemie-Verfahren gegen eine junge Christin in Pakistan weiter hin. Der Hohe Gerichtshof in Islamabad vertagte seine Beratungen darüber, ob das Verfahren gegen das geistig zurückgebliebene Mädchen namens Rimsha aus Mangel an Beweisen eingestellt werden soll.

Das Gericht legte am Montag den nächsten Termin auf den 17. Oktober. Zuvor hatte der Anwalt eines muslimischen Nachbarn von Rimshas Familie, der die etwa 14 Jahre alte Jugendliche wegen Gotteslästerung angezeigt hatte, um mehr Zeit gebeten.

Die Polizei hat bereits Unterlagen vorgelegt, wonach keine Beweise für die Vorwürfe gefunden wurden. Die Ermittler belasteten stattdessen einen Imam, der Rimsha beschädigte Koranseiten in die Tasche geschmuggelt haben soll. Er wurde festgenommen.

Zeugen ziehen Aussagen gegen Imam zurück

Eine neue Wendung nahm der Fall am Montag, als sieben der neun Belastungszeugen gegen den Imam nach Angaben von dessen Anwalt ihre Aussagen zurückzogen. Anwalt Wajid Ali Gilani sagte: «Die sieben Zeugen haben heute ausgesagt, dass der Imam unschuldig war.» Sie seien von der Polizei gezwungen worden, den Geistlichen zu beschuldigen.

Ein Polizeisprecher sagte, der Rückzug einiger Zeugen würde keinen Unterschied machen. Es gebe genug Beweise dafür, dass der Imam Rimsha zu Unrecht belastet habe.

Das geistig zurückgebliebene Mädchen war Mitte August in Islamabad festgenommen und drei Wochen lang in ein Gefängnis gesperrt worden, bevor sie auf Kaution freikam. Sie und ihre Familie halten sich unter dem Schutz der Regierung an einem unbekannten Ort auf. Die Festnahme Rimshas hatte international, aber auch unter muslimischen Klerikern in Pakistan für Proteste gesorgt.

(sda)