Migranten im Eurotunnel

29. Juli 2015 20:04; Akt: 29.07.2015 20:04 Print

Was passiert in Calais – und warum?

Seit Wochen versuchen Flüchtlinge in Calais, durch den Eurotunnel nach Grossbritannien zu gelangen. Fünf Antworten auf ein Drama, das sich zuspitzt.

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Die Flüchtlingskrise in Calais nimmt dramatische Ausmasse an. Während zwischen 3000 und 5000 Migranten auf eine Gelegenheit warten, nach Grossbritannien zu kommen, haben 300 französische Gendarmen das riesige Areal zu überwachen. Die Polizisten betreiben an der Grenze reinste Sisyphos-Arbeit. Jeden Tag greifen sie Flüchtlinge auf, fahren sie ein paar Kilometer hinaus und lassen sie dann gehen. Am nächsten Tag werden es diese Menschen nochmal versuchen. Allein in der Nacht zum 29. Juli 2015 haben etwa 2000 Flüchtlinge versucht, zu dem Tunnel unter dem Ärmelkanal vorzudringen. Seit Monaten kampieren Tausende Flüchtlinge aus Eritrea, Sudan und anderen Ländern rund um die französische Hafenstadt Calais. Die meisten leben im «Dschungel von Calais» in erbärmlichen Bedingungen. Aufgemalte Blumen auf den Zelten drücken die Hoffnung der Heimatlosen aus. Frankreich kündigte angesichts der wachsenden Zahl der Migranten an, Tausende Plätze für Asylbewerber in Unterkünften in Calais schaffen zu wollen. Nach Angaben der Behörden sind in der Region um die nordfranzösische Stadt Calais, wo der Eurotunnel beginnt, rund 3000 Flüchtlinge gestrandet. Seit Jahresbeginn seien 37'000 Migranten gestoppt worden, die sich in Calais auf wartende Lkw oder Züge schleichen und so nach Grossbritannien gelangen wollten. Ein afrikanischer Migrant versucht sein Glück, um mit einem LKW unbemerkt von Calais nach Grossbritannien überzusetzen. Die Lkw-Fahrer machten Ende Juni ihrer Frustration Luft, die Migranten nicht davon abhalten zu können, aufzuspringen. Die Flüchtlinge seien «überall», sagte Lucas Soskinski, der für ein polnisches Unternehmen arbeitet. Gruppenweise liefen die Migranten zwischen den Lkws umher. Sie stiegen in die Anhänger oder versteckten sich auf den Aufhängungen unter dem Wagen. Oft entdeckt die Polizei die Migranten und pfeift sie zurück. «Für die meisten ist Grossbritannien nicht das ersehnte Eldorado, sondern eine Entscheidung mangels Alternativen», resümiert die katholische Hilfsorganisation Secours Catholique, die Flüchtlinge nach ihren Beweggründen befragt hat. Die ganze Nacht halten die Migranten die Fahrer auf Trab: «Wir versuchen, sie zu vertreiben, doch sie laufeb nicht davon. Sie haben keine Angst mehr vor uns», erzählte ein Truckfahrer in der TV-Show «Good Morning Britain». «Sie knackten mein Schloss, zerbrachen das Siegel und schon waren zehn Leute in meinem Truck», sagte ein Kollege. Streikende Hafenarbeiter haben am 23. Juni auf den Gleisen zum Eurotunnel Reifen angezündet und damit die Bahnverbindung zwischen Frankreich und England blockiert. Die Polizei ging gegen die streikenden Hafenarbeiter und versuchte, den Protest aufzulösen. «Wir sind keine Tiere», skandierten die Menschen in Calais am Weltflüchtlingstag am 20. Juni.

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In der Nacht zum Dienstag versuchten knapp 2000 Flüchtlinge aus Frankreich durch den Ärmelkanal-Tunnel nach Grossbritannien zu gelangen. Nicht zum ersten Mal. Seit Wochen stürmen in der nordfranzösischen Stadt Calais gestrandete Menschen aus Äthiopien, Eritrea, dem Sudan und Afghanistan Lkws und Züge, um den Eurotunnel heimlich zu durchqueren.

Bei den Versuchen kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen. Allein seit Anfang Juni kamen auf der französischen Seite des Tunnels acht Flüchtlinge ums Leben.

Warum wollen die Flüchtlinge unbedingt nach Grossbritannien?

Grossbritannien ist für Menschen aus früheren britischen Kolonien wie dem Sudan oder Afghanistan naheliegendes Ziel, um dort Asyl zu beantragen. In ihren Augen ist die Insel das «gelobte Land», weil sie das Gefühl haben, wegen den wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Mutterland und Ex-Kolonie leichter eingebürgert zu werden. Laut Experten versichern ihnen Schmuggler, in Grossbritannien rasch zu gutbezahlten Jobs zu kommen. Die Migranten hoffen auf ein besseres Leben, mit Sicherheit, Bildung und Gesundheit.

Laut der Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, wird England zudem als bessere Destination als Frankreich wahrgenommen, denn dort erhielten Asylbewerber rund 54 Franken Sozialhilfe pro Woche. Französische Politiker werfen den Briten schliesslich vor, einen unregulierten Arbeitsmarkt zu führen, in dem Arbeitserlaubnisse teilweise nicht nötig sind.

Was genau passiert jetzt in Calais? Und warum?

Hinter dem jetzigen Konflikt steckt eine jahrelange Geschichte: Nach mehreren Randalen ordnete im Dezember 2002 der damalige französische Innenminister Nicolas Sarkozy die Schliessung und den Abriss des Flüchtlingslagers von Sangatte bei Calais an. Die Flüchtlinge suchten danach Unterschlupf im nahe gelegenen Wald und bauten dort provisorische Unterkünfte, welche die Behörden im 2009 erneut abreissen liessen.

Damit war das Problem aber nicht gelöst. Im Gegenteil, denn der Flüchtlingsstrom nahm nicht ab. Zurzeit warten Tausende illegale Einwanderer in Calais darauf, durch den Eurotunnel nach Grossbritannien zu gelangen.

Wie ist die Situation für diese Menschen heute?

Die meisten Flüchtlinge übernachten seit Monaten — auch im Winter — unter freiem Himmel, im «Camp des Dunes», einer Industriezone im Osten von Calais. Die Lebensbedingungen sind äusserst prekär. Laut Schätzungen von Hilfsorganisationen teilen sich etwa 800 bis 1000 Menschen täglich einen einzigen Brunnen. Nicht selten kommt es zu Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen.

Seit Januar funktioniert im ehemaligen Freizeitzentrum Jules Ferry eine Durchgangsstation, in der aber nur Frauen und Kinder bleiben dürfen.

Wie wird sich die Lage weiterentwickeln?

Experten glauben, dass sich die Lage verschlimmert, da immer mehr Menschen weltweit vor Krieg und Terror auf der Flucht sind. Und weil Menschenschmuggler mit der Hoffnung von Migranten auf ein besseres Leben ein Riesengeschäft machen.

Was unternehmen die Regierungen Frankreichs und Grossbritannien gegen die Flüchtlingskrise?

Die britische Innenministerin Theresa May will nach einem Treffen mit ihrem französischen Amtskollegen Bernard Cazeneuve zusätzliche 10,5 Millionen Franken für die Grenzsicherung bereitzustellen. Zuvor hatte die britische Regierung bereits 22,5 Millionen Franken für die Sicherheitsmassnahmen am Eurotunnel zugesagt.

(kle)