Bombenentschärfer

09. März 2010 14:42; Akt: 09.03.2010 15:50 Print

Wenn die Langeweile der beste Freund istWenn die Langeweile der beste Freund ist

von Matt Ford, APN - Lange Zeit hat sich niemand so richtig für die Arbeit der Bombenentschärfer im Irak interessiert. Seit der Oscar-Preisverleihung hat sich das schlagartig geändert.

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Seitdem «Tödliches Kommando - The Hurt Locker» in der Nacht auf Montag sechs Oscars abräumte, schwelgen die US-Spezialisten im Ruhm, der so plötzlich aus Hollywood kam. Das Drama wirft die Frage auf, ob in der Wirklichkeit auch adrenalinsüchtige Draufgänger am Werke sind, die den ganzen Tag in sperrigen Schutzanzügen herumlaufen und notfalls auch mal den Bombenleger auf eigene Fast durch dunkle Gassen hetzen.

Diesen Eindruck vermittelt zumindest der Film, in dem Stabsunteroffizier William James (Jeremy Renner) neuer Chef eines Räumkommandos wird. Er wird als brillanter Bombenentschärfer, aber auch als egomanischer Angeber dargestellt. Die Figur geht auf die Erfahrungen des Drehbuchschreibers zurück, der ein solches Spezialistenteam 2004 im Irak begleitete. Doch der dargestellte Bombenentschärfer, der unter seinem Bett Bombenteile als Andenken aufbewahrt, stösst bei den echten US-Spezialisten im Irak auf ein geteiltes Echo.

Bombenspezialist: Hauptfigur ist ein «schiesswütiger Cowboy»

«Dieser Typ ist doch eher ein schiesswütiger Cowboy», sagt Feldwebel Jeremy Phillips, der Leiter einer Gruppe von Bombenentschärfern in der Provinz Majsan im Osten des Iraks. «Und das ist genau die Art von Persönlichkeit, die wir nicht gebrauchen können.» Der 30 Jahre alte Soldat nennt den Film «grob überzeichnet und nicht angemessen». Obergefreiter Stephen Dobbins stimmt ihm zu: «Unsere Gruppenführer halten sich nicht für unverwundbar - und wenn sie es täten, dürften sie nicht arbeiten.» Das Wichtigste bei einem Einsatz sei es, dass das Team heil nach Hause komme.

Trotz aller Kritik an der Hauptfigur sind einige Soldaten von dem Film begeistert: «Obwohl er doch etwas überzogen ist, hat er mir richtig gut gefallen», sagt etwa Feldwebel William Adomeit.

Jeder Bombenleger hat eigene Handschrift

Die meisten Sprengstoffexperten werfen den Filmemachern vor, sich einige künstlerische Freiheit genommen zu haben. In der Wirklichkeit würden die Entschärfer nicht den Bombenbauer durch dunkle Gassen verfolgen oder ohne Eskorte durch Bagdad fahren.

Es gehöre zwar zu den vordringlichen Aufgaben der Bombenspezialisten, Informationen über Anschläge zu sammeln und Beweise zu sichern. Doch so wie im Film sollten sie besser nicht vorgehen. Wer Teile der gefährlichsten Sprengsätze als Trophäen sammelt, so wie James, der würde ganz schnell der Unterschlagung von Beweismitteln beschuldigt. Denn die Bombenteile seien wichtig, um mehr über den Konstrukteur herauszufinden. «Jeder Bombenleger hat seine eigene Handschrift», sagt Gruppenführer Phillips. «Sie benutzen immer die gleiche Art Klebeband oder eine bestimmte Sorte Batterien.»

Bis September Kampftruppen abziehen

Der Filmtitel «The Hurt Locker» ist dem US-Soldatenslang entnommen. Der Begriff kann für eine schwere Verwundung verwendet werden, aber auch für einen Ort, an den niemand gehen möchte oder für eine schwierige Situation, in der sich ein Bombenspezialist befindet, wenn eine Sprenglandung losgeht.

Der Film spielt 2004, sechs Jahre danach sind Bomben immer noch die grösste Gefahr für Iraker. Da die USA versprochen haben, bis September alle Kampftruppen aus dem Land abzuziehen, sind sie derzeit damit beschäftigt, die irakischen Streitkräfte auf die Übernahme der kompletten Verantwortung vorzubereiten. «Wir wurden nicht wirklich zu Lehrern ausgebildet», sagt Stabsunteroffizier Andrew Krueger. «Das muss man sich alles während der Arbeit selbst beibringen.»

Adrenalin-Kick geniessen

Den charakteristischen Schutzanzug, den die Entschärfer im Film ständig tragen, lassen die echten Experten aber die meiste Zeit in ihrem Wagen. Schliesslich soll die Bombe aus so grosser Entfernung und so sicher wie möglich entschärft werden.

Eine dargestellte Besonderheit entspreche aber durchaus der Realität, räumen die Experten ein: Nämlich dass die Entschärfer den Adrenalin-Kick nach einem erfolgreichen Einsatz geniessen. Dieses Gefühl verspüren die US-Soldaten aber immer seltener - ihre Einsätze sind wegen der besseren Sicherheitslage rar geworden. Dobbins fasst die Grundregel so zusammen: «Wenn wir langsam sind und nichts los ist, heisst das, alles läuft genau richtig.»