Vor dem Pussy-Riot-Urteil

17. August 2012 09:13; Akt: 17.08.2012 09:50 Print

«Putin vergibt uns nicht - wir waren zu laut»

von Luzia Tschirky - Um 13 Uhr Schweizer Zeit wird das Urteil gegen Pussy Riot gefällt. Den Angeklagten drohen drei Jahre Gefängnis. Mit Milde rechnet niemand – auch die angeklagte Nadeschda nicht.

Bildstrecke im Grossformat »
Am zu besprechen. : Pussy-Riot-Mitglied Nadescha Tolokonnikowa darf das Gefängnis verlassen. Kaum in Freheit fordert sie ein «Russland ohne Putin». Nadescha Tolokonnikowa zeigt sich in Siegerpose. Kurz davor war bereits Maria Aljochina freigelassen worden. Ein Amnestie-Gesetz ermöglichte ihre Freilassung. Im Hintergrund steht ihr Anwalt Piotr Saikin. In diesem Gefängnis in Nischni Nowgorod sass Aljochina ein. Die 23-jährige Aktivistin und Mutter tritt aus Protest gegen die «unmenschlichen Haftbedingungen» in den Hungerstreik. Tolokonnikowa war in diesem Gefängnis in Krasnojarsk eingesperrt. : Das höchste Moskauer Gericht bestätigt das Urteil gegen die beiden Inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder und wirft Vorwürfe eines politischen Prozesses zurück. «Sie sind keine politischen Häftlinge, sondern einfach nur Rowdys», heisst es. Maria Aljochina, die eine Woche zuvor in den Hungerstreik getreten war, da man sie von ihrer eigenen Bewährungsanhörung ausgeschlossen hatte, wurde in ein Spital eingeliefert. Wende im Prozess gegen drei Mitglieder der russischen Punkband Pussy Riot. Eine der drei verurteilten Frauen, Jekatarina Samuzewitsch, wird im Berufungsverfahren freigesprochen. Die Anwältin von Samuzewitsch sagte vor Gericht, die Aktion habe ohne ihre Mandantin stattgefunden. Samuzewitsch sei bereits wenige Sekunden, nachdem sie die Kirche betreten hatte, festgenommen worden. Als mehrere Pussy-Riot-Künstlerinnen ihr «Punkgebet» aufgeführt hätten, habe sich Samuzewitsch bereits ausserhalb der Kirche befunden. Die zwei anderen Frauen, Maria Alechina und Nadeschda Tolokonnikowa, müssten aber für zwei Jahre ins Gefängnis, teilte das Gericht am mit. Der Berufungsprozess gegen die zweijährige Haftstrafe für die drei Frauen wird fortgesetzt. Die Verteidigung befand das Urteil für falsch: Das Gericht habe in erster Instanz ignoriert, dass es sich um einen politischen und nicht um einen religiösen Protest gehandelt habe, sagte sie. Vor dem Gebäude demonstrierten Anhänger der Band. Die Polizei markierte Präsenz. Zwei Personen wurden festgenommen. Am 17. August 2012 werden die Mitglieder der Punkband Pussy Riot - Jekaterina Samuzewitsch, 30, Maria Aljochina, 24, und Nadeschda Tolokonnikowa, 23 (v.l.) - wegen Rowdytums «aus religiösem Hass» von einem Moskauer Gericht zu je zwei Jahren Straflager verurteilt. Putin kann nicht gnädig sein: Pussy Riot haben ein . «Machen Sie Witze? Natürlich nicht. Eher sollte er uns und Sie um Gnade bitten», schrieb Nadeschda Tolokonnikowa der regierungskritischen Zeitung «Nowaja Gaseta». An ein unanabhängiges Urteil glaubt die 22-Jährige nicht. «Das ist eine Illusion.» Die Anklage gegen die Musikerinnen hatte international Empörung ausgelöst. Auch am Tag der Urteilverküdung kam es vor dem Gerichtssaal in Moskau zu Tumulten und Verhaftungen. Bei den Protesten wurde laut Nachrichtenagentur Interfax der Oppositionsführer ) Bürgerrechtler aus aller Welt haben für den , Proteste gegen Prozess angekündigt. Amnesty International erkennt die drei Musikerinnnen als politische Gefangene an. statt: Der russische Staat und die orthodoxe Kirche gehen hart gegen drei Mitglieder der Punkband Pussy Riot vor. Nadeschda Tolokonnikowam, Maria Aljochina und Jekaterina Samutzewitsch (v.l.) am 8. August 2012 im Gerichtssaal. Bereits am Morgen des , stehen Sicherheitskräfte vor dem Gerichtsgebäude in Moskau präsent. Ebenfalls bereits am Vormittag werden die drei angeklagten Frauen ins Gericht gebracht, im Bild Maria Aljochina. Unterstützung erhalten die drei Pussy-Riot-Mitglieder von der ukrainischen Frauenrechtsbewegung Femen. Am 17. August 2012 fällen sie ein orthodoxes Kreuz, das als Zeichen für die Opfer politischer Repression errichtet worden war. Die für Pussy Riot typischen farbigen Sturmmasken auf einem sozialistischen Monument zu Ehren der sowjetischen Armee in der bulgarischen Hauptstadt Bereits in den Tagen vor der angekündigten Urteilseröffnung kommt es weltweit zu Protesten: Vor dem spanischen Aussenministerium in . Selbst in Südamerika protestierten Frauen gegen den Prozess. Zivile Polizisten verhaften Demonstrantinnen vor der russischen Botschaft in . Drei Demonstrantinnen mit den für Pussy Riot typischen Sturmmasken vor der russischen Botschaft in . Das Symbol von Pussy Riot - und inzwischen ein Symbol für den Protest gegen Putin: Farbige Sturmmasken bei einer Demonstration in am 14. August. Unterstützung für Pussy Riot auch in . Hart gingen die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in vor der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau, wo Pussy Riot Filmaufnahmen machte, die zur Anklage führten. Internationale Künstler solidarisierten sich mit den angeklagten Mitglieder der Frauenband. «Nadeschda rechnet nicht damit, dass Putin ihnen vergeben hat», sagt der Ehemann der angeklagten Nadeschda Tolokonnikowa (im Bild). Er konnte seine Frau nach Monaten erstmals Mitte August im Gefängnis besuchen. Tolokonnikowa gab sich am Rande des Prozesses kämpferisch - obwohl der Mutter einer vierjährigen Tochter mehrere Jahre Haft drohten. Die drei angeklagten Mitglieder der Putin-kritischen Punkband mussten sich während des Prozesses in einem Plexiglas-Häuschen im Gerichtssaal aufhalten. Den Prozess ausgelöst hatte ein lautloser Auftritt der Band in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale. Sie hatten dort Filmaufnahmen gemacht für das Putin-kritische Lied «Gottesmutter, vertreibe Putin». Internationale Bands setzten sich für die drei jungen Frauen ein. haben sich kritisch über die Gefangenschaft der Musikerinnen geäussert. Auch in Russland protestierten Prominente. Die russische Filmregisseurin Olga Darfy tauchte im Juni 2012 am Moskauer Filmfestival in einer Maske auf - eine Anspielung auf die typischen Sturmmasken von Pussy Riot. Ein Künstler hat sich dabei die Lippen zugenäht.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Vor knapp zwei Wochen zeigte sich der russische Präsident Wladimir Putin milde. «Sie sollten nicht zu hart bestraft werden.» Doch die Mitglieder der russischen Protestband Pussy Riot sind überzeugt, dass seine Worte nur ein Spiel vor den Medien waren. Das sagt Peter Verzilow, der Ehemann der 22-jährigen Nadeschda Tolokonnikowa, auf Anfrage von 20 Minuten Online. Nach fast einem halben Jahr im Gefängnis konnte er seine Frau vor ein paar Tagen erstmals besuchen. «Nadeschda rechnet nicht damit, dass Putin ihnen vergeben hat. Dafür war ihr Auftritt viel zu laut und die internationale Aufmerksamkeit zu stark.»

In den letzten Wochen haben sich Musiker aus der ganzen Welt auf die Seite von Pussy Riot gestellt. Paul McCartney hat sich in einem Brief direkt an die Band gewendet. Madonna hat es sogar gewagt, sich an ihrem Konzert in Moskau Pussy Riot auf den Rücken zu schreiben. Trotz Untersuchungshaft haben Pussy Riot die Unterstützung bemerkt. «Verglichen mit der juristischen Maschine sind wir ein Niemand und haben verloren. Auf der anderen Seite haben wir gewonnen. Die ganze Welt weiss nun, dass der Gerichtsfall gegen uns künstlich geschaffen worden ist», sagte die 29-jährige Ekaterina Samutsevich vor Gericht.

Empörung bei der orthodoxen Kirche

Für heute Freitag wird die Urteilsverkündung erwartet. Deswegen sind in über 60 Städten Aktionen unter dem Motto «Free Pussy Riot» geplant. Doch selbst wenn zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung Tausende auf den Strassen sein werden: New York, Paris, Genf oder London ist nicht Moskau. Die orthodoxe Kirche sitzt in Russland fest im Sattel - und das Oberhaupt Kirill hat es sich persönlich zur Aufgabe gemacht die Frauen hinter Gitter zu bringen. Er war es, der sich bei Putin und der politischen Elite über die Aktion von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale beschwert und die Verhaftung durchgesetzt hat.

Viele Gläubige der russisch-orthodoxen Kirche fühlen sich in der Tat beleidigt durch den Auftritt von Pussy Riot. Anna Shamparowa ist eine gemässigte, stille Frau. Auf Pussy Riot angesprochen, ändert sich das schlagartig. «Hooligans sind das – mehrere Jahre Gefängnis haben sie verdient. Es ist eine Schande was sie getan haben», sagt sie. Ihre Tochter Julia ist nicht weniger gläubig als ihre Mutter, sieht die Sache aber nicht so strikt: «Wenn wir richtige Christen sind, dann vergeben wir ihnen.»

Die Art des Protestes von Pussy Riot war selbst für viele Oppositionelle zu extrem. Dessen sei sich die Band bewusst, sagt Peter Verzilow. «Die Menschen sind geteilter Meinung, aber die Mehrheit der Russen hat zumindest gemerkt, wie absurd dieser Gerichtsfall ist.» Während der Verhandlung fielen Sätze wie an einer Hexenjagd im Mittelalter. Der Anwalt von Pussy Riot, Nikolai Polozov, meinte: «Ich habe das Gefühl, auf dem Hof des Untersuchungsgefängnisses wird demnächst ein Scheiterhaufen errichtet.» Die Mächtigen hinter den Richtern zucken derweil die Schultern. «Sie sollen froh sein, dass sie ihr Konzert nicht in einer Moschee aufgeführt haben. Dann hätten die Sicherheitsleute vermutlich nicht genügend Zeit gehabt, sie vor der Öffentlichkeit zu schützen», kommentierte Putin die Frage nach der Verhältnismässigkeit.

Richterin gilt als Hardlinerin

Ein Freispruch, wie ihn die Verteidigung fordert, ist unrealistisch. «Würde sich ein Richter für einen Freispruch entscheiden, würde er umgehend durch einen anderen ersetzt», zitierte die Zeitung «The New Times» einen russischen Juristen anonym. Die Richterin, die über das Schicksal von Pussy Riot entscheidet, gilt als Hardlinerin. In den 180 Fällen, die sie bisher verhandelt hat, befand sie die Angeklagten mit einer Ausnahme immer für schuldig.

Von der möglichen Höchststrafe von sieben Jahren Haft gegen Pussy Riot spricht zwar niemand mehr. Aber die drei angeklagten Mitglieder der Gruppe werden vermutlich die nächsten drei Jahre nicht in Freiheit verbringen. Eine lange Zeit für Peter Verzilow und die 4-jährige Gera, seine gemeinsame Tochter mit Nadeschda Tolkonnikowa.

Und so tönt Pussy Riot

(Quelle: YouTube/PussRiot)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Flanker am 17.08.2012 10:43 Report Diesen Beitrag melden

    Ist halt kein Kuscheljustiz

    Egal was man von der Religion hält, eine Kirche ist kein rechtsfreier Raum und sollte nicht einfach so als Plattform benützt werden. Den jungen Damen sollte schon vorher bekannt gewesen sein das der internationale Ruhm nicht vor ortsüblichen Gesetzen schützt und dass der Alltag im russischen Straffvollzug nicht besonders angenehm ist.

  • J. Petrovic am 17.08.2012 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Absolutes No-Go der Band

    Meiner Meinung nach ist das Handeln des Staates vollkommen korrekt. Ich bin zum Beispiel sehr religiös und das, was die Band da abgezogen hat, ist ein absolutes No-Go.. Nicht falsch verstehen, ist meine Meinung.

    einklappen einklappen
  • miranda am 17.08.2012 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    was ist bloss los mit euch?

    ich krieg gänsehaut wenn ich diese kommentare hier lese. denkt ihr, ohne übertriebene provokation und rebellische aufrufe hätten wir uns von mittelalterlichen sachen wie hexenverbrennung oder frauenunterdrückung weg entwickelt? ich will nicht meine kinder in einer welt aufwachsen sehen, wo die menschen wieder blind der staatsgewalt folgt, sich unterdrücken und ausnutzen lasst. was ist nur los mit euch leute? wo seid ihr, die die sich vor 30 jahren politisch so engagiert haben?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Christ am 17.08.2012 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Auf die Finger klopfen

    Das einzige, was man ihnen vorwerfen kann ist vielleicht Gotteslästerung und Persönlichkeitsverletzung. Doch eine schärfere Verwarnung reicht, rechnet man die Zeit im Gefängnis an müssten sie heute freie Frauen sein. Doch leider ist Russland nach der Wende unter Putin zu faktisch zu einer Diktatur geworden.

    • Nicht-mehr-Christ am 17.08.2012 15:01 Report Diesen Beitrag melden

      @ Christ

      Gotteslästerung? Einer der dümmsten Begriffe, die es gibt. Und mit Sicherheit nicht von einem liebenden Gott erfunden, sondern von Menschen, die Macht wollen. Das ist ein Gott, der nach dem Bild des Menschen geschaffen wurde. Sollte es nicht genau umgekehrt sein?

    einklappen einklappen
  • Antonio Giovenni am 17.08.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur Russland

    Schaut mal nach den USA, Israel und auch vermehrt in der EU. Proteste gegen die Regierungen werden immer häufiger auch in Europa unterdrückt.

  • P. Morell am 17.08.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Länder, andere Sitten

    Meinungsfreiheit ja, aber wenn, dann auf öffentlichem Raum und unmaskiert und nicht auf fremden Grund und Boden, das ist Hausfriedensbruch der übelsten Sorte, was hier geschah. Wir hier in der Schweiz mit unserer Kuscheljustiz können die Härte des Staates nicht verstehen. Aber andere Länder, andere Sitten. Das geht uns nichts an und da haben wir auch - zu Recht - nichts zu melden.

  • miranda am 17.08.2012 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    was ist bloss los mit euch?

    ich krieg gänsehaut wenn ich diese kommentare hier lese. denkt ihr, ohne übertriebene provokation und rebellische aufrufe hätten wir uns von mittelalterlichen sachen wie hexenverbrennung oder frauenunterdrückung weg entwickelt? ich will nicht meine kinder in einer welt aufwachsen sehen, wo die menschen wieder blind der staatsgewalt folgt, sich unterdrücken und ausnutzen lasst. was ist nur los mit euch leute? wo seid ihr, die die sich vor 30 jahren politisch so engagiert haben?

    • P. Morell am 17.08.2012 11:53 Report Diesen Beitrag melden

      Geht uns nichts an

      Zur Beruhigung, das hier geschieht in Russland, nicht in der Schweiz.

    • ich und mich am 17.08.2012 12:45 Report Diesen Beitrag melden

      genau

      danke miranda! ich kann viele dieser kommentare auch überhaupt nicht verstehen!

    einklappen einklappen
  • Bruno S. am 17.08.2012 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Kirche und Staat

    Leider hat es die russisch-orthodoxe Kirche bis jetzt versäumt (nach langem ausschluss- von Staates wegen) sich innerlich zu reformieren. Die Kirche ist in Russland wider erstarkt, aber Weltpolitisch gesehen wird dieser Klüngel inkl. der politischen Diktatur nicht ewig andauern. Könnte man jetzt 100 Jahre in die Zukunft sehen, so bin ich überzeugt, nur schon auf Grund des vermutlich andauernden Informationszeitalter, dass es für diese Systeme keine anhaltende Überlebenschance gibt.