Grundeinkommen in Finnland

11. Januar 2017 09:54; Akt: 11.01.2017 09:54 Print

«Ich bin befreit vom Sklaven-Dasein»

Der sechsfache Vater Juha Järvinen ist einer von 2000 arbeitslosen Finnen, die in den nächsten zwei Jahren ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten.

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Juha Järvinen feiert dieses Jahr doppelt Weihnachten: Ende Dezember erhielt der Finne den Bescheid, dass er zu der Gruppe von 2000 Arbeitslosen gehört, die am landesweiten Experiment mit dem bedingungslosen Grundeinkommen teilnimmt. «Als ich den Brief von der Kela sah, schrie ich nur: Yes!», erzählt er finnischen Medien.

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Kela ist das finnische Sozialversicherungsamt, das zusammen mit drei Universitäten das Pilotprojekt leitet. Das Ziel des «spektakulären, aber akademischen Experiments»: Die hohe Arbeitslosenquote von gut acht Prozent senken, indem für Arbeitslose Anreize für den schnellen Eintritt ins Erwerbsleben geschaffen werden.

Bislang schreckten viele Finnen davor zurück, denn mit der Annahme eines temporären oder schlecht bezahlten Jobs wurden auch die Sozialleistungen gekürzt, das Gesamteinkommen verringerte sich oft. «Wenn mir jetzt eine temporäre Arbeit angeboten wird, kann ich zusagen», sagt Järvinen. «Zuvor musste ich aufgrund der Kürzungen bei den Leistungen ablehnen. Aber ich will arbeiten. In der Vergangenheit fühlte es sich aber an, als würde ich bestraft, wenn ich arbeite.»

«Nur herumliegen und Wodka trinken hält keiner aus»

Das finnische Experiment mit dem Grundeinkommen sei eine richtige und nötige Antwort auf die sich verändernde Arbeitswelt mit all den Automatisierungen – obwohl «viele denken würden, dass wenn man ein Grundeinkommen erhalte, man nur noch Spass haben, auf dem Sofa herumliegen und Wodka trinken könne.» Auf die Dauer halte das aber keiner aus, so Järvinen, denn die Menschen seien soziale und aktive Wesen, die arbeiten wollten, um sich mehr leisten zu können.

Järvinen erhält mit dem 560-Euro-Grundeinkommen, das seit Montag ausbezahlt wird, zwar 90 Euro weniger als zuvor über die Sozialleistungen. Das nimmt er aber gerne in Kauf: «Das Grundeinkommen erlaubt es mir, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Da mir so der Rücken gestärkt wird, kann ich Dinge wieder freier ausprobieren und habe mehr Alternativen.»

Firmenkonkurs mit sechs Kindern

Er schätze ein einfaches Leben und sei ein Künstlertyp, der immer wieder neue Ideen habe, kreativ immer aktiv sei, schreibt er über sich in etwas holprigem Englisch auf Facebook. «Deswegen bedeutet mir der Test mit dem Grundeinkommen vielleicht auch mehr als anderen.» Dass der Finne nicht auf der faulen Haut herumliegt, davon zeugt seine Facebook-Seite. Fotografie und das Bauen von Ledertrommeln scheinen zu seinen vielen Leidenschaften zu gehören.

Der Mann aus der westfinnischen Stadt Kurikka ist der ideale Teilnehmer für das Projekt: Er hat sechs Kinder, seine Frau arbeitet als Krankenschwester. Auf staatliche Unterstützung ist er angewiesen, seit seine Firma für dekorative Fensterrahmen vor fünf Jahren Konkurs ging.

«Ich fühle mich wieder wie ein mündiger Bürger»

Die monatlichen 560 Euro allein reichen der Grossfamilie nicht. Doch bringe das Zusatzeinkommen eine grosse Erleichterung und werde hauptsächlich für die täglichen Lebensmitteleinkäufe verwendet. Jetzt müsse er sich nicht mehr konstant um die Besorgungen des Lebensnotwendigsten sorgen. «Ich fühle mich wirklich wieder als mündiger Bürger, ich bin befreit vom Sklavendasein in diesem dummen System, das versucht, Arbeitslosen Jobs aufzudrängen, die es gar nicht mehr wirklich gibt.»

Nebst den jetzt ins Auge gefassten Temporärjobs will Järvinen wieder ein eigenes Unternehmen aufbauen. «Jetzt kann ich das wagen. Jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, die Zukunft meiner Kinder aufs Spiel zu setzen.»

Diese Pläne müssen aber noch warten: Järvinen weilt derzeit in Afrika – und verrichtet unbezahlte Freiwilligenarbeit.

(gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Urs am 11.01.2017 10:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heutige Zeit

    Eine Bekannte von mir sucht Arbeit für ein halbes Jahr, bekam bis jetzt aber nur für ein Praktikum eine Zusage, aber dort ist der Lohn geringer als wenn man sich beim RAV meldet. So entschied sie sich, ein halbes Jahr Arbeitslosengeld zu nehmen. Eigentlich schon krass, man bekommt mehr Geld fürs Nichtstun anstatt für ein anstrengendes Praktikum...

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  • Stefan Hirt am 11.01.2017 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    "Mündiger Bürger"

    Ist schon sehr mündig, wenn man fürs Nichtstun Geld in die Tasche kriegt. Wohl eher abhängig und unmündig. Wo ich ihm aber absolut Recht gebe, ist dass sich Arbeit lohnen muss. Es kann nicht sein, dass sich das Einkommen verringert, wenn jemand einen Job macht.

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  • silo74 am 11.01.2017 11:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kunstschaffende

    Er sagt, er sei Künstler und arbeiten ist Sklaverei. Da kann ich nur den Kopf schütteln.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Andy Crypt am 12.01.2017 14:13 Report Diesen Beitrag melden

    Befreiung vom Sklaven-Dasein

    Kann dem Titel voll und ganz zustimmen. Ich hoffe das macht in einer erweiterten Form Schule. Ich wünsche mir ein für alle gleiches Einkommen, Arbeit sollte mit Anerkennung und Dankbarkeit bezahlt werden, nicht mit Geld. Würde dazu führen das die richtigen Arbeiten gehen, die die nicht anders können und wirklich fähig sind, nicht die Habgierigen. Damit es funktioniert muss das das durch die Habgier in der Vergangenheit eingesammelte Kapital eingezogen werden. Allfälliger Personalmangel kann leicht durch Technik kompensiert werden.

  • Helvetia am 12.01.2017 09:42 Report Diesen Beitrag melden

    Wir sind alle Sklaven

    Er fühlt sich als Sklave? Andere Sklaven bezahlen seine Lust nach Freiheit! Sehr komische und egoistische Einstellung.

  • René am 11.01.2017 18:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Träumen darf man.

    Der Schlüssel zum Grundeinkommen ist, kostenlose Energie im Überfluss. Wenn wir es schaffen sollten, die Energie probleme zu lösen. Und wir dank den unendlichen Energievorkommen alles produzieren können, werden wir kein Geld mehr brauchen. Da wir alles zu jeder Zeit produzieren können wird der Kapitalismus sein Ende finden.

  • citoyen am 11.01.2017 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    560 ?

    Die Finnen sind offenbar viel bescheidener als die damaligen Initianten hierzulande. Trotzdem: das ist und bleibt eine Krücke. Finnland macht eine falsche Wirtschaftspolitik, die zu wenige Jobs schafft. Und eine falsche Schulpolitik (von unseren Linken hochgelobt) mit 20% Jugendarbeitslosigkeit.

  • Simi am 11.01.2017 18:14 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Werte schaffen

    Das Grundeinkommen ist eine Befreiung von alteingesessenen sinnlosen strukturen. Es schafft Autonomie für den einzelnen und befreit tatsächlich von der Sklavenarbeit wie man es heutzutage kennt. Das Model heisse ich sehr wilkommen. Es wird unser Wertesystem grundsätzlich verändern und unnütze systeme abschaffen die ja ohnehin unmenge an kosten erzeugen. RAV SOZIALAMT IV und alle die auf unterdrückung und erpressung aus sind. BRAVO FINLAND

    • beno am 11.01.2017 18:20 Report Diesen Beitrag melden

      weiterträumen

      und dann hast Du,völlig befreit, mit einer Hand in deinem Nachttopf aufgewacht..

    • HElvetia am 12.01.2017 09:45 Report Diesen Beitrag melden

      Falsche Einstellung

      Simi, irgend ein anderer Sklave bezahlt für das Grundeinkommen. Sei dir dessen bewusst! Auch die Solidarität hat seine Grenzen. Insbesondere, wenn sie von gewissen Subjekten ausgenützt wird. Und von diesen haben wir zuhauf!

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