Molenbeek, Brüssel

17. November 2015 06:43; Akt: 17.11.2015 09:44 Print

«Dieser Stadtteil ist ein Flugfeld für Jihadisten»

Den Ursprung für die Attentate von Paris vermuten Ermittler in einem Stadtteil von Brüssel – nicht zum ersten Mal.

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Im Zentrum der Ermittlungen zu den Attentaten in Paris steht der Brüsseler Stadtteil Molenbeek. Am Montag haben Polizisten dort ganze Wohnblöcke abgeriegelt. Es ist nicht das erste Mal, dass gerade Bewohner dieses Viertels unter Terror-Verdacht stehen: Bei bis dato mindestens fünf Attentaten in Europa führte eine Spur hierhin. Darunter der Angriff auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» im Januar 2015 und das Bombenattentat, bei dem 2004 in Madrid 191 Menschen starben.

Drei Fragen zum Problembezirk

Was macht Molenbeek zum Brennpunkt der europäischen Islamistenszene?
«Molenbeek ist ein Ort, an dem man verschwinden kann», sagt Integrations-Experte Bilal Benyaich zur Nachrichtenagentur Reuters. Ein Kanal schneidet das Viertel von Brüssels Innenstadt ab. Seine Bewohner haben wenig Kontakt zu Aussenstehenden, die belgischen Behörden wenig Ahnung, was sich im Viertel abspielt.

«Die muslimische Gesellschaft in Molenbeek ist sehr geschlossen», sagt Bürgermeisterin Françoise Schepmans zum «Spiegel». Personen, die als Extremisten bekannt sind, und Moscheen im Viertel werden zwar schon länger überwacht. Ein grosser Teil der Radikalisierung spielt sich aber in Privatwohnungen und Hinterzimmern ab. Terror-Experte Edwin Bakker sagt: «Nachbarn haben vielleicht etwas gesehen. Sie melden sich aber nicht bei den Behörden.» Teile von Brüssel fühlen sich laut ihm zudem dem belgischen Staat nicht zugehörig.

Welche Rolle spielt Molenbeek im europäischen Terror?
«Molenbeek ist ein Flugfeld für Jihadisten», sagt der bürgerliche belgische Politiker George Dallemagne. «Sie werden in Frankreich radikalisiert, ziehen dann nach Syrien in den Jihad und wenn sie zurückkommen, finden sie in Molenbeek die nötige Infrastruktur.» Vor allem für den Waffenhandel sei das Viertel wichtig. «Mit 500 bis 1000 Euro kann man hier in einer halben Stunde eine Militärwaffe kaufen», sagt Integrations-Experte Bilal Benyaich. In dieser Hinsicht gleiche der Ort eher einer US-Grossstadt als Europa.

Wieso kriegen die belgischen Behörden die Lage in Molenbeek nicht in den Griff?
Wie die Schweiz ist Belgien ein föderalistischer Staat. Das stellt die belgischen Behörden vor Probleme. «Militante Gruppen können hier vom Radar verschwinden, indem sie nur zehn Kilometer weiterziehen», sagt Terror-Experte Bakker zu Reuters. Alleine Brüssel hat sechs verschiedene Polizeibehörden, die sich gemeinsam um die Sicherheit in der Stadt kümmern. Das verschleppe die Kommunikation zwischen den Behörden.

Der ehemalige belgische Geheimdienstler Claude Moniouet macht zudem die Politiker in Molenbeek verantwortlich. Sie hätten bewusst zugeschaut, wie sich die Parallelgesellschaft in der Stadt radikalisierte. Zur ARD sagt Moniouet: «Die Politiker blieben untätig und haben die Polizei entmutigt, wenn sie ihre Arbeit machen wollte.»

«Die Polizei transportiert einen verdächtigen in Molenbeek ab», schreibt Twitter-User @EuroSandor


(nsa)