Doppelmord in Manhattan

27. Oktober 2012 17:40; Akt: 27.10.2012 20:35 Print

Das Leben der Nanny war ein einziges Chaos

Yoselyn Ortega, die Nanny, die in einer Wohnung an der Upper West Side zwei Kinder erstochen hat, hatte ein herzliches Verhältnis zur Familie der Opfer – aber auch viele, viele Sorgen.

Bildstrecke im Grossformat »
Yoselin Ortega bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt vor dem New Yorker Gericht. Nachdem sie sich nach der tat selbst verletzt hatte, plädierte die 50-jährige Nanny von ihrem Krankenhausbett aus auf «nicht schuldig». Die New Yorker Staatsanwaltschaft sieht das anders: Ihr zufolge hat Ortega den zweijährigen Leo und die sechsjährige Lucia getötet. Die Mutter der Kinder, Marina Krim, kam Medienberichten zufolge nach Hause und sah, wie Ortega sich selbst in den Hals stach. In der Badewanne lagen die erstochenen Kinder. Yoselyn Ortega in der Dominikanischen Republik irgendwann zwischen 1985 und 1990. Der zweijährige Leo war der absolute Liebling seiner Mutter. Auf ihrem Blog schrieb Marina Krim: «Die beste Zeit meines Tages: Wenn ich die Mädchen in der Schule absetze und drei Stunden mit dem kleinen Leo ganz für mich alleine habe. Ich bete diesen Buben an!» Mutter Marina Krim liess ihre Tochter Lucia zusammen mit Brüderchen Leo in der Obhut der Nanny. Das kostete beide Kinder das Leben. Von den drei Kindern lebt nur noch die dreijährige Nessie (l.). Sie war im Schwimmunterricht, als ihre Geschwister Lucia (M) und Leo (r.) ermordet wurden. Die drei Krim-Kinder: Nessie (3), Leo (2) und Lucia (6). Die Nachbarn der Krims sind schockiert, traurig und fassungslos. Reporter besuchen das Appartement, in dem das Verbrechen geschah. Ein Opfer, wahrscheinlich Nanny Ortega, wird ins Spital gebracht. Die Trauer ist riesig. Vor dem Wohnhaus in Upper West Side versammeln sich Menschen, um der Familie Krim ihre Anteilnahme zu zeigen.

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Sie erstach den zweijährigen Leo und die sechsjährige Lucia, während Mutter Marina Krim mit der dreijährigen Nessie beim Schwimmen war. Jetzt liegt Yoselyn Ortega im Spital an einem Beatmungsgerät. Sie hatte sich nach der schrecklichen Tat vor den Augen der heimkehrenden Mutter mehrmals selbst in den Hals gestochen und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Noch hat die Polizei keinerlei Erklärung dafür, was die 50-jährige Kinderfrau zu der grauenhaften Tat getrieben haben könnte. Das Verhältnis zwischen Ortega und der Familie sei ausgezeichnet und herzlich gewesen, es gebe keinerlei Anzeichen für einen Streit oder anderweitige Spannungen.

Menschen in Ortegas nächstem Umfeld aber wollten seit einigen Wochen eine Veränderung im Verhalten der Frau vemerkt haben, wie die «New York Times» schreibt. Etwa Juan Pozo (67), der vor einiger Zeit ein Zimmer in Ortegas Wohnung gemietet hatte. «Sie sagte ihrer Schwester, dass sie ihren Verstand verliere», so der Chauffeur. Die Familie Krim, für die Ortega seit einigen Jahren arbeitete, habe die Nanny sogar zu einem Psychologen geschickt.

Eine neue Jacke

Familienmitglieder Ortegas berichteten der Polizei auch, dass die Kinderfrau «seit einigen Monaten nicht mehr sie selbst war». Einer Nachbarin zufolge habe Ortega sich immer mehr zurückgezogen. Zuvor galt sie als ausgesprochen gesellig und fröhlich. «Früher grüsste sie mich immer, rief mir ‹Hallo, Nachbarin!› zu. Jetzt ging sie an mir vorbei, ohne mich anzublicken.» Ortega wohnte zusammen mit ihrem Sohn, ihrer Schwester und einer Nichte in einem Mietshaus im Stadtteil Hamilton Heights, nördlich von Harlem.

Hier lebte Ortega bereits seit 30 Jahren. Bevor sie für die Krims als Nanny arbeitete, habe Ortega Jobs in Fabriken oder als Putzfrau gehabt. Der Job bei der Familie an der noblen Upper West Side sei für Ortega ein Geschenk des Himmels gewesen. Ihre Nachbarin erzählt, dass Ortega immer wieder von ihrem Job geschwärmt habe. «Sie sagte immer, dass sie dort sehr gut behandelt und bezahlt werde.» Noch anfangs Jahr sei Ortega sehr gerührt gewesen, weil ihr die Krims eine sehr teuere Jacke geschenkt hätten. Doch kurz darauf habe sie aufgehört, begeistert von der Familie und ihrer Arbeit zu berichten.

Kochen und hausieren neben 12-Stunden-Nanny-Job

Dieses Jahr war ein Traum Ortegas geplatzt. Sie hatte mit ihrem Sohn die Wohnung einer Bekannten im Stadtteil Bronx bezogen. Kaum hatten sich die beiden dort eingelebt, war die Freundin unerwartet zurückgekehrt. Ortega musste wieder in die alten, beengten Verhältnisse zurückkehren. «Sie hatte viel Geld in die neue Wohnung investiert. Sie war am Boden zerstört, als sie wieder nach Hamilton Heights kam», sagt Maria Lajara, eine weitere Nachbarin Ortegas. Mehreren Anwohnern fiel auf, dass die 50-Jährige müde, kraftlos und ausgezehrt wirkte.

Immer mehr Geldsorgen plagten sie. Sie begann, neben ihrem 12-Stunden-Job bei der Krim-Familie Mahlzeiten für Partys zu kochen. Dazu verkaufte sie billigen Schmuck und Make-up in der Nachbarschaft. Das Geld fehlte offenbar an allen Ecken und Enden.

«Das ist die Ironie am Ganzen»

Während Ortega im Spital liegt, hat sich die Familie von Kevin und Marina Krim versammelt. Die Eltern von Kevin Krim redeten mit der «New York Times». Auf Ortega angesprochen, sagten sie: «Wir verstehen die Welt nicht mehr. Die beiden haben die Frau wirklich gut behandelt.» Karen Krim fügte an: «Marina arbeitete nicht, sondern blieb mit den Kindern zuhause. Trotzdem wollte sie eine Nanny, die ihr im Haushalt und mit den drei Kindern helfen konnte.» Marina und Kevin Krim seien sehr fürsorgliche Eltern gewesen, die viel Zeit mit ihren Kindern verbrachten, so die Grosseltern. «Sie liessen die Kinder nicht oft in der Obhut der Nanny. Das ist die Ironie am Ganzen.»

Die Gerichtsmedizin hat derweil erste Autopsieergebnisse veröffentlicht. Demnach starb die sechsjährige Lucia aufgrund «mehrerer tiefer Stichwunden», Leo (2) wegen «mehrerer Messerstiche in den Nacken». Beide Kinder seien vollständig bekleidet gewesen. Die Nanny hatte also nie vor, die Geschwister zu baden, als sie sie ins Badezimmer führte. Die Eltern, Marina und Kevin Krim, sowie die dreijährige Nessie wurden von Krims Arbeitgeber in einem Hotel untergebracht. Gut möglich, dass sie nie mehr in ihre Wohnung in der Upper West Side zurückkehren.

(gux)