Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Machtwechsel in Ägypten
07. Februar 2011 08:49; Akt: 07.02.2011 10:40 Print
Der Iran in Lauerstellung
Ängste vor einer islamischen Revolution in Ägypten sind abwegig. Hingegen unterhalten alle demokratisch gewählten Regierungen in der Region enge Beziehungen zum Iran.
Demonstranten in der iranischen Hauptstadt Teheran fordern am Freitag, 4. Februar die Absetzung des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. (Bild: Keystone/AP/Vahid Salemi)
-
Ägypten im Umbruch: Regierung will Demonstranten ködern
-
Wikileaks: Ägypten hat Muslimbrüder dämonisiert
-
Arabische Welt in Aufruhr: Obama ist von seinen Spionen enttäuscht
-
Medien: Ägyptisches Regime geht auf Journalisten los
-
«Tag des Abgangs»: Pattsituation in Ägypten
- Dossiers
-
Arabische Welt in Aufruhr
Während der Westen in Ägypten seine Felle davonschwimmen sieht, herrscht im Iran eitle Freude über den bevorstehenden Abgang Hosni Mubaraks. Der oberste Führer Ali Chamenei spricht von einem «islamischen Erwachen» und sieht Nordafrika im Aufbruch in ein neues Zeitalter. Westliche Ängste über Parallelen zur iranischen Revolution von 1979, als ein Volksaufstand den despotischen, aber pro-westlichen Schah vertrieben hatte, dürften ihn in dieser Wahrnehmung bestätigen. Sinnigerweise glaubt auch die iranische Opposition, die ägyptischen Proteste seien vom Iran inspiriert. Ihr Anführer Mir Hossein Mousavi denkt dabei aber eher an die Massenproteste nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009.
Bildstrecken Aufruhr in Ägypten Infografik Aufruhr in der arabischen Welt Gespanntes VerhältnisDie Beziehungen zwischen Iran und Ägypten sind seit der iranischen Revolution 1979 angespannt. Ajatollah Chomeini brach nach seiner Machtübernahme die diplomatischen Beziehungen zu Ägypten ab, das kurz zuvor Frieden mit Israel geschlossen hatte und ein enger Verbündeter der USA war. Hosni Mubaraks Vorgänger Anwar Sadat pflegte freundschaftliche Beziehungen zum Schah und gewährte diesem in Ägypten Asyl, nachdem er den Iran verlassen musste. Mohammad Reza Pahlawi verstarb auf ägyptischem Boden und liegt bis heute in Kairo begraben. Lange Zeit war eine Strasse in Teheran nach Chalid Islambuli benannt, der Sadat 1980 ermordet hatte. Nach einer kurzen Tauwetterphase verschlechterten sich die Beziehungen angesichts des Gazakriegs 2008/2009 (Operation gegossenes Blei) wieder. Gemäss einer von Wikileaks veröffentlichten Botschaftsdepesche bezeichnete Mubarak die iranische Führung damals als «grosse, fette Lügner».
Weder der eine noch der andere Vergleich trifft den Kern der ägyptischen Unruhen. Eine Machtergreifung der Islamisten ist wenig wahrscheinlich, dafür fehlen ihnen der Rückhalt in der Bevölkerung und ein charismatischer Anführer wie Ajatollah Chomeini. Ebenso abwegig ist, dass sich die Jugend an einem fehlgeschlagenen, eineinhalb Jahre und 2000 Kilometer entfernten Aufstand orientiert. Wenn überhaupt, sollte den USA und Europa eine andere Parallele Sorgen machen.
Freundliche Demokraten, feindliche Diktatoren
Fakt ist, dass alle Länder im Nahen Osten, in denen demokratisch gewählte Regierungen am Werk sind, mehr oder weniger enge Beziehungen zum Iran unterhalten – ausser Israel. Das gilt für den Irak, Libanon, die Türkei und in gewissem Sinn auch für den Gazastreifen. Nie war das Verhältnis zwischen der Türkei und Iran besser, seit dort die islamisch orientierte AKP an der Macht ist. Über ihre Verbündeten von der Hisbollah und Hamas nimmt Iran Einfluss auf die Geschicke Libanons und Gazas. Und die derzeitige irakische Führung setzt sich aus Personen zusammen, die Jahre im iranischen Exil verbracht hatten.
Fakt ist ebenfalls, dass die Regierungen der meisten anderen Länder dem Iran feindlich gegenüber stehen, etwa Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Jordanien. Ausser Ägypten und Jordanien haben sie zwar Israel nicht anerkannt, doch gelten sie als treue Verbündete der USA. Ihre Armeen werden von Washington hochgerüstet, im Gegenzug dulden sie amerikanische Militärstützpunkte auf ihrem Territorium – ein besonderer Dorn in den Augen vieler Araber.
Wahltag ist Zahltag
Iran hat seit der Revolution 1979 unablässig in sein Image auf der arabischen Strasse investiert und will nun die Früchte seiner Arbeit ernten. Jahrelange Propaganda gegen Israel und die USA sowie für die Palästinenser haben das Land auf Konfrontationskurs mit den pro-westlichen arabischen Diktatoren geführt, bei den einfachen Leuten aber Sympathien hervorgerufen.
Hosni Mubarak war sich dieser Kluft zu seinem Volk offenbar sehr bewusst: Laut einer von Wikileaks veröffentlichten Depesche der amerikanischen Botschaft in Kairo soll er den USA 2008 beschieden haben, Sanktionen seien der beste Ansatz gegen den Iran, aber «arabische Staaten würden es nicht wagen, sie mitzutragen». Mit dem Umsturz in Tunesien und der absehbaren Wachablösung in Ägypten öffnen sich für Iran nun erstmals Möglichkeiten, ihren traditionell starken Einfluss im schiitisch geprägten Mittleren Osten auf das sunnitische Nordafrika auszudehnen.
Die israelische Tageszeitung «Haaretz» sinnierte kürzlich in einem Editorial, ob Israel nur mit Diktatoren Frieden schliessen könne. Ebenso könnte sie fragen, warum jedes Land in der Region, das seine Regierung demokratisch wählt, von den USA weg und in die Nähe des Erzfeindes Iran rückt.
Ägypten ist im Moment das einzige arabische Land, in dem der Iran keine Botschaft unterhält. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass diese Lücke bald geschlossen wird.
(kri)
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
-
Alle 19 Kommentare
























ich wünsche mir...
ein Aegypten: -ohne diesen mubarak und seine konsorten -indem die menschen frei sind! -ein land indem verschiedene religionen friedlich nebeneinander leben können! -das den amerikanern nicht hörig ist... -das israel in die schranken weist!! - und nicht abhängig vom "westen" ist!
Träum weiter!
Diese Konsorten Mubarak un Co haben dieser Region 30 Jahre Frieden gebracht! Mit Israel und gegen Islamisten. Nur weil demonstriert wird entsteht keine Demokratie und auch kein Wohlstand.
Nun mal Stopp..
Liebe Leute von Tamedia..nun lasst mal eure Vorkriegsrethorik zum Iran. Eure Leser können die Welt schon selbst in Gut und Böse unterteilen. Mit Sicherheit gehören dazu weder China, Russland noch der Iran.
Bedenklich und Arrogant
Es ist schon bedenklich, wie wenig Ahnung gewisse Leute über die Region und deren Geschichte haben, aber trotzdem herabschauend und mitleidig über Situationen urteilen (und schreiben), über die sie selbst am wenigsten zu berichten haben, weil sie a) nicht den selben kulturellen Background haben, man ist ja hier und nicht dort aufgewachsen. b) über die geschichtliche Enstehung nicht im Bilde ist! Somit, Schuster bleib bei deinen Leisten!