Terror in Paris

18. November 2015 12:23; Akt: 18.11.2015 12:46 Print

Angst vor Spannungen in Frankreich steigt

Die Anschläge vom 13. November haben in Frankreich Wut geschürt. Wird sich diese Wut gegen alle Muslime richten?

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Festnahme eines mutmasslichen Islamisten in der Region Toulouse. Am 17. November 2015 steht Frankreich noch immer unter Schock. Führt die Wut auf die Attentäter zu zunehmender Islamophobie im Land? (Symbolbild) Die angespannte Stimmung nach den Anschlägen hat zu Panikreaktionen geführt; in mehreren Stadtvierteln gab es Fehlalarme, offenbar wegen Feuerwerkskörpern.(15. November 2015) 128 Hausdurchsuchungen durchgeführt: französische Polizisten bei einer Razzia in Strassburg. (16. November 2015) Ein Mädchen zündet vor der Le-Carillon-Bar in Paris eine Kerze an. Hunderte verfolgen vor der Kathedrale Notre Dame die Gedenkfeier. (15. November 2015) In Notre Dame wird zum Gedenken der Todesopfer ein Gottesdienst abgehalten. (15. November 2015) Dieser Pass wurde beim Stade de France gefunden. Der französische Präsident François Hollande während der Attacken in Paris im Stade de France. (13. November) Die französische Luftwaffe setzt die Angriffe gegen den IS im Norden Syriens fort. (15. November 2015) Ein Junge legt vor dem japanischen Restaurant in der Rue de Charonne in Paris Blumen nieder. (14.11.2015) Frankreich bombardiert die IS-Hochburg Raqqa in Syrien: eine Mirage 2000 der französischen Armee. (Archivbild) Das Fahndungsfoto des flüchtigen Attentäters Abdeslam Salah. Er ist einer der Bataclan-Attentäter: Samy Amimour. Bei Durchsuchungen in Lyon sind ein Raketenwerfer und andere Waffen gefunden worden. Die Flaggen der USA hängen aus Solidarität mit Frankreich weltweit auf halbmast: Das Kapitol in Washington. (15. November 2015) In Belgien werden weitere mutmassliche Terroristen verhaftet. (15. November 2015) Am frühen Abend wurde das Gebiet um den Eiffelturm grossräumig abgesperrt. (14. November 2015) Die Deutschen zeigen sich solidarisch und beleuchten das Brandenburger Tor in den Farben Frankreichs. (14. November) Auch die Tower Bridge in London leuchtet in blau, weiss, rot. Angehörige trauern um ihre Liebsten. (14. November 2015) Die Einschusslöcher in den Scheiben erinnern an eine Nacht des Grauens. Bei der Geiselnahme in der Pariser Konzerthalle Bataclan und der anschliessenden Erstürmung durch die Polizei sind Polizeiangaben zufolge über 100 Menschen getötet worden. Zuschauer werden aus der Konzerthalle Bataclan evakuiert. Französische Feuerwehrmänner helfen einem Verletzten in der Nähe des Bataclan-Clubs. (13. November 2015)A Abgesperrt: Polizisten blockieren in der Nähe des Café Bonne eine Strasse. Mit Tüchern bedeckte Opfer der brutalen Anschläge liegen vor einem Pariser Restaurant (13. November 2015). Vor der französischen Botschaft in Berlin werden Kerzen angezündet (13. November 2015). Auch vor der Bar Carillon in Frankreich gedenken Menschen der Opfer. Mit Blumen, Kerzen und Kärtchen wird der Opfern und ihrer Angehörigen gedacht.

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Hätte Präsident François Hollande vor einigen Wochen im Parlament von einem «Feind im Innern» der französischen Gesellschaft gesprochen, wäre er laut der «New York Times» auf massiven Widerstand gestossen – besonders aus den Reihen seines eigenen Parti Socialiste.

Als er die gleichen Worte aber nach dem Anschlag vom 13. November gebrauchte, reagierten die Abgeordneten fast ausnahmslos mit Klatschen und dem Singen der Marseillaise. Selbst Marine le Pen, Anführerin des rechtsextremen Front National und eigentlich erbitterte Widersacherin von Hollandes Politik, hatte lobende Worte für den Präsidenten übrig. Die Gewalt hat die Franzosen näher zusammengebracht.

«Jeder ist verdächtig»

Gleichzeitig verschiebt sich die französische Politik auch gegen rechts. «Der Front National wird sicher wachsen», sagt Bernard Godard, Experte für die Beziehung zwischen Frankreich und seiner muslimischen Bevölkerung, zur NYT. Negative Gefühle gegenüber den fast 6 Millionen Muslimen im Land seien bisher meist verdeckt worden. Jetzt werde Islamophobie zunehmend salonfähig.

«Es gibt ein ernstzunehmendes Risiko, dass die öffentliche Meinung in Frankreich radikaler wird», sagt Godard. «Vielleicht werden die Leute den Islam in Frankreich bald nicht mehr in der Öffentlichkeit tolerieren.» Seit den Anschlägen ist es zu Spannungen zwischen Muslimen und anderen Franzosen gekommen. Auch die Polizei reagiert härter auf Muslime. «Jeder ist verdächtig», sagt Verkäufer Aykut Kasaroglu. Er sei auf dem Weg ins Fitnesscenter aufgehalten und kontrolliert worden.

«Der Front National ist nicht islamophob»

Anderer Meinung ist Nino Galetti, der Büroleiter der deutschen Konrad-Adenauer-Stiftung in Paris. «Hier ist knapp jeder Zehnte ein Muslim. Das sind viel grössere Dimensionen, als sie in Deutschland oder der Schweiz anzutreffen sind», sagt er zu 20 Minuten. Eine grundsätzlich islamophobe Stimmung könne er sich deshalb in Frankreich nicht vorstellen. «Die Leute haben so viel mit Muslimen zu tun. Wenn sie einkaufen, wenn sie einen Handwerker zu sich nach Hause bestellen. Eine Aufspaltung in Franzosen und muslimische Franzosen kann ich mir deshalb nicht gut vorstellen.»

Nicht zu unterschätzen sei auch die laizistische Tradition in Frankreich, die eine strenge Trennung zwischen Kirche und Staat vorsieht. «Man spricht hier nicht über Religion. Das ziemt sich nicht», sagt Galetti. Das mache einen grossen Unterschied zu Deutschland und der Schweiz aus. Selbst der rechtsextreme Front National ist laut Galetti nicht per se islamophob. «Der FN politisiert gegen Einwanderer und Kriminelle. Er will Jihadisten aus Syrien in Gewahrsam nehmen und Hassprediger ausweisen», sagt Galetti. Spezifisch islamfeindlich sei der FN aber nicht. «Dafür hat sich die Partei selbst viel zu weit von der Religion als solcher distanziert.»

Was er dafür ganz klar spüre, sei eine Betroffenheit, die über diejenige der Attentate auf «Charlie Hebdo» hinausgehe. «Die Redaktion des Satiremagazins hat bewusst provoziert. Auch wenn das keinen Anschlag rechtfertigt, hat sie sich damit zum Ziel für Extremisten gemacht. Jetzt haben die Terroristen aber ganz normale Franzosen angegriffen. Das hat den Schock in der Bevölkerung ungemein verstärkt.»

(nsa)