Ihre Story, Ihre Informationen, Ihr Hinweis?
feedback@20minuten.ch 
Demonstranten in der Kälte
05. Februar 2012 17:37; Akt: 05.02.2012 17:37 Print
«Wir verändern Russland Schritt für Schritt»
von Luzia Tschirky, Moskau - In Moskau sind am Samstag Zehntausende gegen Putin auf die Strasse gegangen. Mit Schnaps, Humor und Filzstiefeln haben sie dem russischen Winter getrotzt - und für faire Wahlen protestiert.
Es ist minus 25 Grad. In Moskau stehen die Menschen am Samstag dennoch Schlange, um an der grössten Demonstration seit über 20 Jahren teilzunehmen. Erstmals hat die Regierung eine Demonstration der Putin-Gegner mitten durch die Stadt erlaubt. Die Menschen werden durch Sicherheitsschleusen gedrängt, wie am Flughafen. «Dawaite Dawaite», ruft die Polizei – man soll sich beeilen, schliesslich frieren auch die russischen Staatsangestellten.
Bildstrecken Demonstrationen für und gegen Putin Infografik Der KremlDass die Temperaturen in Moskau unter -25 Grad Celsius fallen, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Dass mehrere Zehntausend Russen bei dieser Kälte auf die Strasse gehen, hingegen schon: «Bei solchen Temperaturen bleibe ich normalerweise zu Hause», sagt Tanja und zieht den Pelzkragen ihrer Jacke tiefer ins Gesicht. In ihrer Jackentasche mit dabei: eine kleine Flasche Schnaps - für den absoluten Notfall. Wer an diesem Tag russische Filzstiefel angezogen hat, wird von den anderen um seine warmen Füsse beneidet.
Anfangs waren es 20 Demonstranten
Die Kälte lässt die Demonstranten noch enger zusammenrücken, und mit dem Slogan «Russland ohne Putin» schiebt sich der Zug los. Die unterschiedlichsten Gruppen haben sich an diesem Samstag zusammengefunden: Nationalisten, Kommunisten, Linksextreme und Parteilose. Auch wenn die Meinungen weit auseinandergehen, eint sie die Haltung gegenüber Putin. Noch vor ein paar Monaten wäre eine Demonstration in einem solchen Umfang undenkbar gewesen. Olga kann sich noch gut erinnern, als sich vor den Parlamentswahlen im Dezember erst ein kleines Grüppchen von rund 20 Leuten versammelt hatte, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Heute ist alles anders. Zwei Ereignisse haben den Ausschlag dafür gegeben. Die Parlamentswahlen im letzten Dezember waren höchstwahrscheinlich gefälscht. Und wenige Monate zuvor hatte Putin angekündigt, wieder zu den Präsidentenwahlen anzutreten. «Ich habe damals vor dem Fernseher richtig geweint», erinnert sich Olga. Wie viele andere fühlt sie sich von der Regierung für dumm verkauft.
Über die zugefrorene Moskwa geht die Demonstration weiter. Hinter den wehenden Fahnen und Transparenten der Demonstranten sieht man den Kreml. Dass die Demonstrationen Putin nicht mehr ganz geheuer sind, zeigt das riesige Polizeiaufgebot an diesem Wochenende. Über 9000 Polizisten säumen die Strassen. Die meisten sind nicht älter als die jungen Demonstranten. Bedrohlich wirken die Sicherheitskräfte nicht, eher verängstigt. Vermutlich haben auch sie nicht damit gerechnet, dass so viele gegen ihren Präsidenten auf die Strasse gehen werden. Wie viele tatsächlich teilgenommen haben, bleibt allerdings unklar. Die Veranstalter sprechen von 120 000 Personen, die Polizei nur von 36 000. Zusätzlich haben sich auch Anhänger Putins bei den sibirischen Temperaturen im Zentrum Moskaus versammelt. Laut Angaben der Polizei sollen gar 140 000 Demonstranten dem früheren und vermutlich auch künftigen Präsidenten ihre Unterstützung bekundet haben.
Demonstrieren trotz absehbarer Wahl Putins
Unter den Regierungsgegnern wagt kaum jemand zu hoffen, dass Putin Anfang März eine Wahlniederlage einstecken muss. Sie machen sich bereits darauf gefasst, wieder enttäuscht vor dem Fernseher zu sitzen, während ihnen der staatliche Sender das Blaue vom Himmel verspricht. Trotz diesen geringen Erwartungen haben sich die Kritiker am Samstag so zahlreich versammelt. «Ich möchte endlich freie und faire Wahlen», sagt Alexander und hält sein Transparent in die Höhe. Diese Forderung wollen die Demonstrierenden so lange wiederholen, bis auch in Russland eine Veränderung möglich ist. Doch eine Revolution möchte Ilia aus Moskau mit seinem Protest gar nicht anzetteln: «Die Regierung sollte endlich Rücksicht nehmen auf unsere Wünsche.» Dies ist nicht der Fall, wie bereits Putins Reaktionen auf die ersten Demonstrationen nach den Parlamentswahlen zeigten. Die Demonstranten nehmen es mit Humor und machen sich über Putin und Medwedew auf Plakaten lustig.
Wegen der Kälte brechen die Organisationen den Demonstrationszug früher als geplant ab. Die Teilnehmer beeilen sich, nach Hause zurück an die Wärme zu kommen. In der russischen Metro strahlt Olga über das ganze Gesicht. Sie sei richtig stolz auf ihre Mitbürger. Niemals hätte sie gedacht, dass so eine Demonstration in Moskau möglich sein könnte. «In Russland ist nicht gleich am nächsten Tag alles anders, aber wir verändern dieses Land Schritt für Schritt.»
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»
Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.
«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»
Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.
«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»
Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)
Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?
Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
-
Alle 7 Kommentare

























Einseitige Berichtserstattung
Diesem Bericht fehlt die Vollständigkeit. Am gleichen Tag hat in Moskau eine gigantische pro-Putin Demonstation mit ca. 140.000 Teilnehmer statt gefunden. Wo sind die Berichte und Interviews darüber?
Korrekte Berichterstattung
@ Kritischer Leser: "Berichte" und Interviews können Sie überall nachlesen, falls Sie dass überhaupt wollen. Wie Sie sicher wissen, ist mittlerweile bekannt, dasss die "gigantische pro-Putin Demonstration durch Bezahlung der Demonstranten oder durch Repression erfolgt ist. Die Mehrzahl der Teilnehmer der "gigantischen pro-Putin Demonstration" haben dies in Interviews klar zu Ausdruck gebracht. Wladimir Wladimirowitsch Putin selbst hat dies zu guter letzt dann sogar noch bestätigt. Noch Fragen?
@ Herrliberg
Ja, woher wissen sie, dass das auf der anderen Seite nicht auch der Fall ist?
Alternativen und Revolutionsromantik...
Was sind den nüchtern betrachtet die Alternativen zur Putin-Autokratie: die rechstextremen "Nationalbolschewisten" mit ihren Hooliganschlägertrupps, die Jagd auf alle "Nicht-Weissen" machen? Die ewiggestrigen Kommunisten mit ihren Stalinbildchen? die pseudo-demokratische alte Politikergarde aus den 90ern die jetzt einfach sauer ist, dass sie von den Putinleuten von den Futtertrögen vetrieben wurde? Der U20 Grossstadtjugend mag die gigantische Wirtschaftskrise der 90er Jahre nichts sagen, weil sie zu jung waren - aber die meisten Alten wollen doch vor allem Stabilität
Akzeptieren
Bei freien Wahlen heisst es auch, dass Resultat akzeptieren (auch wenn es nicht dem eigenen Wunsch entspricht). Leider hat Russland kaum Alternativen zu Putin zu bieten, welche halbwegs breit abgestützt sind.
Putin
In Moskau sind am Samstag Zehntausende gegen Putin auf die Strasse gegangen und Hunderttausenden für ihn