Flugzeugabsturz

27. Juni 2008 10:52; Akt: 09.07.2008 22:11 Print

Das Mysterium von Ustica

von Tina Fassbind - Warum weist das Flugzeugwrack Sprengstoffspuren auf? Was sucht eine libysche MiG über Süditalien? Wieso sterben Zeugen des Unglücks unter mysteriösen Umständen? Die Flugzeugtragödie von Ustica ist 28 Jahre her – aber noch immer sind viele Fragen offen. Eine Chronologie der Katastrophe.

Bildstrecke im Grossformat »

Fehler gesehen?

Es war kurz nach 20 Uhr am 27. Juni 1980, als das Passagierflugzeug des Typs DC 9 von Bologna in Richtung Palermo startete. An Bord sassen 81 Passagiere – darunter 30 Kinder. Das Itavia-Flugzeug startete mit zwei Stunden Verspätung, ansonsten verlief alles nach Plan. Um 21.13 Uhr hätte die Maschine in Palermo landen sollen – sie kam aber nie dort an. Der Flug endete in einer Tragödie.

Um 20.58 Uhr erfolgte der letzte Funkkontakt. Bereits um 21.04 Uhr blieb ein weiterer Anruf unbeantwortet. In den frühen Morgenstunden des 28. Junis fanden Helikopter die Wrackteile des Flugzeugs vor Ustica, nördlich von Sizilien. An der Unglücksstelle wurden die sterblichen Überreste von 38 Passagieren gefunden. Alle anderen Opfer der Flugzeugkatastrophe blieben bis heute verschollen.

Viel Nahrung für Verschwörungstheoretiker

Nach der Bergung des Wracks stellten Experten fest, dass sich in einzelnen Flugzeugteilen Sprengstoffspuren fanden, die entweder von einer Rakete oder von einer Bombe stammen könnten. Als dann einen Monat nach dem Absturz des Passagierflugzeugs das Wrack einer libyschen MiG-23 in den Bergen der süditalienischen Region Kalabrien gefunden wurde, brachte man die beiden Ereignisse sofort in einen Zusammenhang.

Die Hypothesen und Verschwörungstheorien zum Unglückshergang überschlugen sich. Es war von der Explosion einer Bombe an Bord die Rede. Aber auch die Theorie, dass die starken Radarstrahlen eines Nato-Frühwarnflugzeuges versehentlich eine Rakete eines italienischen Starfighters gezündet hätten, machte die Runde.

War Gaddafi das Ziel?

Vergangene Woche nun – 28 Jahre nach der Tragödie von Ustica - liess der damalige Staatsschef Francesco Cossiga verlauten, dass französische Marine-Jagdflugzeuge das Flugzeug der italienischen Fluggesellschaft Itavia abgeschossen hätten. «Die Franzosen wussten, dass ein Flugzeug mit Gaddafi dort unterwegs war. Die Wahrheit ist, dass der Diktator sich retten konnte, weil der italienische Militärgeheimdienst Sismi ihn gewarnt hatte», sagte Cossiga zur italienischen Zeitung «La Repubblica».

Diese Theorie deckt sich mit den jahrelangen Recherchen, die Hinterbliebene der Unfallopfer betrieben haben. «Gaddafi wurde noch in der Luft vom italienischen Geheimdienst gewarnt und drehte um», sagt der italienische Musiker Pippo Pollina, der im Auftrag der Hinterbliebenen die Liedermacheroper «Ultimo volo» über das Unglück von Ustica komponiert hat und seit drei Jahren in engem Kontakt mit den Angehörigen steht. «Zwei MiGs waren zum Begleitschutz von Gaddafi mitgeflogen. Sie wendeten etwas später. Einer der MiG-Piloten versuchte, sich im Radarschatten der DC 9 zu verstecken. Dabei wurde er von den Franzosen abgeschossen – und mit ihm vermutlich auch das Passagierflugzeug», behauptet Pollina – ein nicht nur in Italien, sondern auch in der Schweiz sehr populärer Liedermacher.

Zeugen leben gefährlich

Als die MiG in den süditalienischen Bergen gefunden wurde, habe man laut Pollina versucht, die dortige Bevölkerung zu bestechen, damit sie den Fund nicht verraten. Auch die folgenden Gerichtsverhandlungen rund um den Flugzeugabsturz seien von seltsamen Zufällen geprägt gewesen: «Einzelne Zeugen sind kurz vor ihrer Aussage unter mysteriösen Umständen gestorben oder haben eine Woche vorher Selbstmord begangen.»

Sogar die Unglückspiloten von Ramstein (siehe Link-Box) hätten am Prozess um das Unglück von Ustica aussagen sollen. Sie waren damals als Militärpiloten in der Nähe der Unfallstelle stationiert und sahen die Flugbewegungen am Unglückstag auf ihrem Radar. «Es ist kein Zufall, dass sie ausgerechnet zwei Wochen vor dem Gerichtstermin in Ramstein abgestürzt sind», glaubt Pollina. Ein Indiz dafür sei auch, dass die Ermittlungen rund um das Unglück von Ramstein so rasch ad acta gelegt worden sind.

Die Hinterbliebenen der Opfer von Ustica und von Ramstein haben nun damit begonnen, mit Vereinten Kräften auf die Klärung der beiden Flugzeugunglücke hinzuwirken.

Der Fall wird neu aufgerollt

Einen Teilerfolg haben sie bereits erzielt: Durch die Aussage des ehemaligen Staatschefs Cossiga werden die Ermittlungen zum Unglückshergang in Ustica wieder aufgenommen, nachdem man im Januar 2007 den Fall juristisch bereits als abgeschlossen bezeichnet hat. Damals hatte der Kassationsgerichtshof in Rom zwei Generäle vom Vorwurf freigesprochen, die Ermittlungen mit der Vernichtung von Beweismaterial behindert zu haben. Nun will die Staatsanwaltschaft in Rom die Theorie des Raketenabschusses durch die Franzosen genauer verfolgen.

Mehr über die Reaktionen der Hinterbliebenen zu den Aussagen Cossigas und zur aktuellen Situation rund um die Tragödie von Ustica finden Sie hier.