Karadzic vor Gericht

16. Oktober 2012 10:51; Akt: 16.10.2012 15:14 Print

«Ich sollte ausgezeichnet werden»

Im Prozess gegen den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic hat sich der Angeklagte geäussert. Und dabei jegliche Verbrechen von sich gewiesen.

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Einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher ist am 21. Juli 2008 verhaftet worden: . Als Dr. Dragan Dabic mit Vollbart und grauem Haar blieb der ehemalige Führer der bosnischen Serben lange unerkannt. Karadzic als Dr. Dragan Dabic im Januar 2008 an einer Mediziner-Konferenz in Kikinda, Serbien. Karadzic arbeitete als Arzt in einem Spital. Karadzic 1993 in Genf. Der Hauptvorwurf gegen ihn: Das Massaker an bis zu 8000 bosnischen Moslems in Srebrenica im Juli 1995. Auch die politische Verantwortung für den Artilleriebeschuss der bosnischen Hauptstadt Sarajevo wird ihm zur Last gelegt. Karadzic (r.) mit dem damaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Milosevic stand in Den Haag vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal, starb jedoch 2006 im Gefängnis. Der meistgesuchte bosnisch-serbische Kriegsverbrecher neben Karadzic ist General Ratko Mladic (l.), der mit seinen Truppen das Massaker von Srebrenica anrichtete. Karadzic (l.) und Mladic befanden sich jahrelang auf freiem Fuss, obwohl die beiden vom Den Haager Tribunal als Kriegsverbrecher gesucht wurden. General Mladic (l.) wurde von der serbischen Führung zwar entlassen, weigerte sich aber wochenlang, seinen Posten zu räumen. Ab und zu geht er skifahren – von der IFOR unbehelligt. Die Frau im Bunde: Biljana Plavsic, die damalige Präsidentin der bosnisch-serbischen Republik. Sie sitzt jetzt in einem schwedischen Gefängnis. Nationalistische Obsession: Karadzic zeigt Journalisten 1993 in seinem Hauptquartier in Pale eine ethnische Karte von Bosnien-Herzegowina. Karadzic (M.) in Banja Luka. Der Kriegsverbrecher ist von Bodyguards umgeben. Noch immer geniesst Karadzic im serbischen Bosnien – und auch im eigentlichen Serbien – hohes Ansehen. Die Menschen sehen in ihm ihren Helden und nicht etwa einen Kriegsverbrecher. Karadzics Mutter Jovanka, hier in ihrem Haus in Montenegro, ist ebenfalls stolz auf ihren Sohn. Karadzic, hier zu Besuch in Moskau, wurde 1945 in den Hügeln von Montenegro geboren. Mit 15 Jahren kam er nach Sarajevo, wo er später Psychiater am Kosevo-Spital wurde. Viele seiner späteren Opfer lebten jahrelang in seiner Nachbarschaft. Karadzic schlug sich im ehemaligen Jugoslawien wie mancher andere durch: Er verdiente Geld mit Geschäften neben seiner Berufstätigkeit. So verkaufte er psychiatrische Gefälligkeits-Gutachten. Dafür kam er einige Monate ins Gefängnis. Karadzic schloss sich einem Dichter-Club an und langweilte seine Freunde mit mittelmässiger Poesie. Das Buch «Radovan Karadzic - Der meistgesuchte serbische Kopf» des Journalisten Marko Lopusina an einem Kiosk in Banja Luka.

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Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hat am Dienstag vor dem UNO-Tribunal zum früheren Jugoslawien in Den Haag erneut alle Anschuldigungen des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit zurückgewiesen. «Ich habe alles getan, um einen Krieg zu verhindern», sagte Karadzic. Er sei ein «milder und toleranter Mensch».

Karadzic verteidigt sich vor Gericht selbst und fordert einen Freispruch in allen Anklagepunkten. Er will unter anderem beweisen, dass er keine Schuld am Völkermord von Srebrenica 1995 trägt. Beim schlimmsten Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der damaligen UNO-Schutzzone etwa 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet.

«Ich habe nie etwas gegen Muslime gehabt», betonte Karadzic, der sich den UNO-Richtern vor allem als Psychiater und Dichter präsentierte. Der 67-Jährige will nach eigenen Angaben 300 Entlastungszeugen aufrufen.

100 000 Tote

Karadzic muss sich seit Oktober 2009 wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkriegs vor dem Haager Tribunal verantworten. Er war im Juli 2008 in der serbischen Hauptstadt Belgrad gefasst worden, nachdem er sich 13 Jahre lang versteckt gehalten hatte.

Insgesamt starben im Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995 etwa 100 000 Menschen. Rund 2,2 Millionen weitere Menschen wurden vertrieben.


(Video: YouTube/AlJazeera)

(aeg/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Elsi Keanz am 16.10.2012 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Würde ich an seiner Stelle uach sagen?!?

    Sagen kan er viel. Mann wird im schon das Gegenteil beweisen können! Das müsste die Justiz ja mit links schaffen und dann...

  • hrvat am 16.10.2012 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    noch lange nicht vorbei

    dieser krieg ist noch lange nicht vorbei.er endete 1995 mit dem friedensabkommen von dayton doch dies war nur eine pause denn in letzter zeit bemühen sich wieder serbische extremisten unter der führung von milorad dodik um eine abspaltung von der serbischen republik in bosnien und dies darf nicht geschehen.

  • Helga am 16.10.2012 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Mein Gott.... Jedes Mal wenn ich diese Zahl lese - 8000 Männer und Jungen - es ist kaum zu glauben. Bin selber Ehefrau und Mutter eines Jungen und die Vorstellung seine Liebsten so zu verlieren ist furchtbar!!!!! Bin immer wieder schockiert! Hoffe, dass alle die daran Schuld sind ihre gerechte Strafe erhalten werden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Helevetier am 16.10.2012 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    Das rad dreht sich

    Ja diesen teil der geschichte vergisst man gern... hier waren es nicht die Islamisten wie ihr dieses ja so gern nennt. aber das intressiert ja keinen von euch.... das Rad dreht sich...man kriegt nunmal alles zurück :-)

  • P.Müller am 16.10.2012 16:47 Report Diesen Beitrag melden

    Gerne Freischalten.

    Sobald man etwas auf die Wiederholungen achtet und sich die Frage"Wem nützt es?" stellt, umgehend werden die täglichen Nachrichten anderst aussehen als sie gedacht haben. In Europa vollkommen unbekannt und unterdrückt. In den USA und England wird es zwar veröffentlicht, aber es intressiert heute niemanden mehr, es fliesst ja auch kein Geld mehr. Heute ist Syrien dran, gestern wurde KONI 2012 vorgekocht, vorgestern Lybien, Russland Iran und Nordkorea sind Nonstop dran. Das ist unser System ...

  • F. BASEL am 16.10.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    traurige WELT

    Vater und 2 Brüder wurden einer Bekannten von mir bei Srebrenica ermordet. Vater wurde vor ca. 2 Jahren anhand einem Taschentuch Identifiziert. Unvorstellbar grausam hingerichtet. Solche Aussagen sind für Angehörige ein Schlag ins Gesicht. Mögen alle Ihre Gerechte Strafe durch Gott erfahren.

  • Kerstin K. am 16.10.2012 15:41 Report Diesen Beitrag melden

    Unfassbar!

    Man glaubt es nicht welche Bühne diesem Typ noch geboten wird.

  • hrvat am 16.10.2012 14:57 Report Diesen Beitrag melden

    noch lange nicht vorbei

    dieser krieg ist noch lange nicht vorbei.er endete 1995 mit dem friedensabkommen von dayton doch dies war nur eine pause denn in letzter zeit bemühen sich wieder serbische extremisten unter der führung von milorad dodik um eine abspaltung von der serbischen republik in bosnien und dies darf nicht geschehen.