Brand in Titisee

27. November 2012 15:54; Akt: 27.11.2012 17:40 Print

Ein Dorf trauert

Bei einem der verheerendsten Feuer in Süddeutschland kamen am Montag 14 Menschen ums Leben, 13 davon Behinderte. Überlebende, Helfer und Anwohner sind fassungslos.

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Nur vereinzelte schwarze Brandspuren an der Fassade zeugen von dem verheerenden Feuer. Einsam steht ein Rollstuhl auf der Grasfläche vor dem Gebäude der Caritas, am Rande von Titisee-Neustadt im Schwarzwald. Er ist von dem verheerenden Feuer in der Behindertenwerkstatt verschont geblieben.

Nicht so 14 Menschen, die in der Behindertenwerkstatt gearbeitet haben. Zehn behinderte Frauen im Alter von 28 bis 68 Jahren sowie drei Männer im Alter von 45 bis 68 Jahren und eine 50-jährige Betreuerin kamen ums Leben. Zudem wurden neun Personen verletzt. Bei ihnen handelt es sich um behinderte Menschen aus der Werkstatt und zwei Feuerwehrleute, wie ein Polizeisprecher am Dienstag sagte. Sie hatten in dem brennenden Gebäude Rauchvergiftungen erlitten und befinden sich im Krankenhaus.

Fassungslosigkeit

Auch das blitzschnellen Eingreifen der ersten 25 Feuerwehrleute, die vor Ort waren und heldenhaften Einsatz leisteten, um mehr als hundert Männer, Frauen und Jugendliche aus der lichterloh brennenden Werkstatt zu retten, konnte diesen 14 Menschen nicht mehr helfen. Feuerwehrkommandant Gotthard Benitz zieht mit tränenerstickter Stimme eine traurige Bilanz: «Eine solche Tragödie habe ich noch nicht erlebt.» Er ringt um Worte, während neben ihm der herbeigeeilte Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, Worte der Trauer und Fassungslosigkeit in Kameramikrofone spricht.

(Video: Youtube/nfgAKTUELL5)

Trauerfeier für Samstag angekündigt

Armin Hinterseh, Bürgermeister von Titisee-Neustadt, hat eine Trauerfeier für Samstag angekündigt. «Es gibt ein grosses Bedürfnis der Hinterbliebenen und Bürger, gemeinsam Abschied zu nehmen», sagte er. Auch die Rettungskräfte hätten diesen Wunsch geäussert. Voraussichtlich am Samstag werde es in Titisee-Neustadt einen ökumenischen Gottesdienst geben.

Unverändert gross ist das Interesse an Hilfsangeboten. Die am Montag nach dem Brand eingerichtete Telefon-Hotline im Rathaus der 12'000 Einwohner zählenden Gemeinde werde stark nachgefragt, sagte der Bürgermeister. Was zu der Katastrophe geführt hat, ist weiterhin unklar. Eine Sonderkommission mit 36 Beamten arbeitet mit Hochdruck an der Aufklärung der Brandursache. Am späteren Dienstagnachmittag will die Polizei auf einer Pressekonferenz über den Stand der Ermittlungen informieren.

Polizei: «Explosionen sind reine Spekulation»

In verschiedenen Medien wurde spekuliert, dass es zu einer oder mehreren Explosion gekommen war. Unter anderem kursieren Berichte, wonach ein explodiertes Heizgerät den verheerenden Brand ausgelöst haben könnte. Die Gerüchte wollte ein Polizeisprecher nicht bestätigen – bei den explosionsartigen Geräuschen könne es sich auch um berstende Scheiben gehandelt haben. Der «Südkurier» schreibt, dass in der Werkstatt brennbares Material verarbeitet worden sei. Das hat wohl dazu geführt, dass sich das Feuer derart rasend schnell ausbreiten konnte. Die Beschäftigten der Caritas-Werkstätte waren in Festtagsstimmung: Noch am Montagabend hätte ein Weihnachtsmarkt den Auftakt für die Festtage eröffnen sollen.

Hinweise auf fehlende Sicherheitseinrichtungen oder Mängel beim Brandschutz habe es nach einer ersten Beurteilung nicht gegeben, sagte ein Feuerwehrsprecher der Nachrichtenagentur dapd. Die automatische Brandmeldeanlage habe funktioniert, der Brandschutz habe zumindest ein Ausbreiten auf andere Stockwerke verhindert. Eine Sprinkleranlage habe es in dem betroffenen Neubau nicht gegeben.

Dies sei in einem derartigen Gebäude auch nicht üblich, sagt Bezirksbrandmeister Thomas Finis gegenüber der «Bild». Doch nach der Katastrophe soll ein Umdenken stattfinden. Die Deutsche Hospiz Stiftung fordere nun, soziale Einrichtungen verpflichtend mit Sprinklern auszustatten. Das berichtet die «Neue Osnabrücker Zeitung». Schliesslich gebe es für Flughäfen entsprechende Richtlinien, und was für diese gelte, müsse erst recht für Einrichtungen der Pflege- und Behindertenfürsorge gelten, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Pflegebedürftige und Behinderte hätten keine Chance, sich selbst zu retten

Wer am Fenster stand, hatte eine Chance

Auf dem Online-Portal «Südkuriers» beschreibt Friedrich Kerler, seit 25 Jahren Chef eines Entsorgungsbetriebs direkt gegenüber der Behindertenwerkstatt, wie er die Katastrophe erlebt hat: «Ich höre den Alarmmelder und denke mir nicht viel dabei. Dann sehe ich ein kleines Bisschen weissen Rauch da drinnen, jemand ruft. Doch praktisch im nächsten Moment quillt unglaublich dichter Qualm heraus, Menschen rennen und schreien. Einige der Behinderten, die es heraus schaffen, stehen um mich herum und sind ausser sich, weil sie noch Freunde drin haben und nicht helfen können.»

Wer am Fenster gestanden hatte, als das Feuer ausbrach, hatte eine Überlebenschance, so Kerlers Einschätzung. Für diejenigen, die vom Rauch überrumpelt wurden, kam alles zu spät.

(jam)