Teheran

02. Januar 2016 23:20; Akt: 05.01.2016 10:39 Print

Mob greift Botschaft Saudiarabiens an

Nach der Hinrichtung eines schiitischen Geistlichen schlägt die Wut im Iran in Gewalt um. Der Ton auf höchster Ebene verschärft sich ebenfalls.

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Abbruch sämtlicher Handelsbeziehungen zum Iran: Der saudische Aussenminister Adel al-Jubeir (25. Oktober 2015). Nach Protesten kappt auch Bahrain die Beziehungen zum Iran. Demonstranten in Teheran. (3. Januar 2016) Der Tod des Geistlichen Nimr al-Nimr sorgt für Aufruhr: Proteste in der Stadt Daih in Bahrain. (3. Januar 2016) Nach diesem schweren Zwischenfall ordnet Saudiarabien die Schliessung der iranischen Botschaft in Riad an: Iranische Demonstranten hatten Brandsätze gegen die Botschaft Saudiarabiens geschleudert. (2. Januar 2016) In der Nacht hatte ein wütender Mob die Botschaft Saudiarabiens in Teheran angegriffen und Teile davon in Brand gesteckt. (2. Januar 2016) Der iranische Präsident Hassan Ruhani hat den Angriff auf die saudische Botschaft verurteilt: Ein Feuerwehrmann im Einsatz. Ruhani sagte: «Der Angriff von Extremisten auf die saudische Botschaft in Teheran ist in keiner Weise zu rechtfertigen und hatte negative Auswirkungen auf das Image des Iran.» Alte Spannungen entladen sich am Tod des Geistlichen Nimr al-Nimr: Demonstranten recken in Teheran vor der saudischen Botschaft ihre Fäuste in die Höhe. (3. Januar 2016) Iranische Polizisten halten die Demonstranten von der saudischen Botschaft fern. (3. Januar 2016) Demonstranten versuchen in Teheran ein neues Strassenschild mit dem Namen des hingerichteten Nimr al-Nimr anzubringen. (3. Januar 2016) Auch die Fahnen der USA und Israels müssen bei der Demonstration gegen Saudiarabien dran glauben. (3. Januar 2016) Über Twitter wurden bereits in der Nacht Bilder vom Angriff versandt: Brennende saudische Botschaft im Iran. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Später konnte die Polizei den Mob zurückdrängen: Polizisten in einiger Distanz zur wütenden Menge. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Einige Teile der Botschaft wurden verwüstet: Laut dem Twitterer Amin Khorami zeigt das Bild einen von den Demonstranten verwüsteten Raum in Der Vertretung Saudiarabiens. (Bild: Amin Khorami, Twitter) Die saudischen Behörden veröfffentlichten Bilder der Exekutierten: Dieses undatierte Foto zeigt Nimr Baker al-Nimr. Am Tag nach der Hinrichtung des Geistlichen kam es zu zahlreichen Demonstrationen in mehreren Ländern: Pakistanische Schiiten protestieren in Karachi. (3. Januar 2016) Zahlreiche schiitische Vertreter veruteilten die Exekution: Der Anführer der libanesischen Hizbollah, Hassan Nasrallah, in einer Fernsehansprache. (3. Januar 2016) Proteste bis nach Indien schon am Tag der Hinrichtung: Schiiten demonstrieren in Srinagar, das während der Sommermonate die Hauptstadt des indischen Teils Kaschmirs ist. (2. Januar 2016) Besonders ausgeprägt waren die Proteste in Bahrain: Ein Demonstrant in Daih, einem Vorort der Hauptstadt Manama. (2. Januar 2016) Sie Sicherheitskräfte in Bahrain setzten Tränengas gegen die vorwiegend jugendlichen Demonstranten ein. Auch Frauen demonstrierten in Bahrain. Auch in Saudiarabien selber kam es zu Protesten: Demonstranten mit Postern al-Nimrs in Tarut. Al-Nimr war einer der Anführer der Proteste von Shiiten während des arabischen Frühlings. Schon zuvor kam es zu Protesten wegen seiner Verhaftung und Verurteilung: Demonstration im ostsaudischen al-Awamiya. (30. September 2012) Eine Anhägerin der shiitischen Huti-Miliz im Jemen demonstriert für al-Nimr vor der saudischen Botschaft in Sanaa. (18. Oktober 2014)

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Eine wütende Menge hat am Samstagabend die Botschaft Saudiarabiens in Teheran angegriffen. Demonstranten warfen Brandsätze auf das Gebäude und drangen auf das Botschaftsgelände vor.

Nach Angaben von Augenzeugen gingen Teile des Gebäudes in Flammen auf, andere Bereiche innerhalb der Botschaft seien verwüstet worden. Die iranische Nachrichtenagentur Tasnim meldete, «eine Gruppe von wütenden Iranern» habe die Botschaft aus Protest gegen die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr in Saudiarabien angegriffen.

Nach Angaben eines Polizeisprechers haben die Sicherheitskräfte die Lage inzwischen wieder unter Kontrolle, es seien keine Demonstranten mehr im Botschaftsgebäude. Die Feuerwehr war vor Ort, um den Brand zu löschen.

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Beide Länder verschärfen den Ton massiv

Der Iran unterstütze «schamlos» den «Terrorismus» und gefährde die regionale Stabilität, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur SPA aus einer Erklärung eines Aussenamtssprechers in Riad. Teheran sei «das letzte Regime auf der Welt, das andere der Unterstützung des Terrorismus bezichtigen dürfe», da Teheran «selbst den Terrorismus unterstützt und von den Vereinten Nationen und zahlreichen Ländern (deswegen) verurteilt wurde». Zuvor hatte das Innenministerium den Ton Teherans bereits als «aggressiv» bezeichnet, das Aussenministerium bestellte den Botschafter Teherans ein.

Zuvor hatte das iranische Aussenministerium den saudischen Gesandten in Teheran herbeizitiert, um gegen die Hinrichtung von al-Nimr zu protestieren. Das Aussenministerium hatte gedroht, Saudiarabien werde «einen hohen Preis» für die Exekution al-Nimrs zahlen. «Die saudiarabische Regierung unterstützt auf der einen Seite terroristische und extremistische Bewegungen und benutzt zugleich die Sprache der Repression und die Todesstrafe gegen ihre inneren Gegner», sagte ein Sprecher. Irans Parlamentspräsident hatte gewarnt, Saudiarabien werde einem «Strudel» entgegensehen, aus dem es nicht entkommen könne.

Die studentische Bassidsch-Miliz rief für Sonntag zu einer Demonstration vor der saudiarabischen Botschaft in Teheran auf.

Geistlicher setzt auf Sturz des Königshauses

Der ranghohe iranische Geistliche Ayatollah Ahmad Chatami sagte: «Dieses reine Blut wird zweifellos das Haus Saud beflecken und es von den Seiten der Geschichte fegen.» Er forderte die islamische Welt auf, die Hinrichtung auf das Schärfste zu verurteilen, wie die Nachrichtenagentur Mehr meldete.

Der schiitische Iran, der mit Riad um die Vorherrschaft in der Region rivalisiert, kritisiert seit langem die Behandlung der Schiiten in Saudiarabien. Die schiitische Minderheit klagt über religiöse und soziale Diskriminierung durch das wahhabitische Herrscherhaus. Die Hinrichtungen drohen die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten in der Region zu verschärfen. Saudiarabien sieht sich als Schutzmacht der sunnitischen Moslems, der Iran als Schutzmacht der Schiiten.

Proteste gegen 47 Hinrichtungen an einem Tag

Das sunnitische Königreich hat den regierungskritischen al-Nimr und 46 weitere Menschen wegen Terrorvorwürfen hingerichtet – und damit einen Sturm der Entrüstung losgetreten. Die Exekution des Geistlichen, der während des Arabischen Frühlings 2011 zu den Anführern der Schiiten-Proteste im Osten des Königreichs gehört hatte, rief am Samstag nicht nur heftigen Protest aus Teheran hervor. Von Libanon bis Indien trugen Shiiten ihren Zorn auf die Strassen.

Die mit Teheran verbündete libanesische Hisbollah-Miliz verurteilte die Hinrichtung al-Nimrs als «abscheuliches Verbrechen». Die shiitische Huti-Miliz im Jemen sprach von einer «eklatanten Verletzung der Menschenrechte». In Bahrain, dessen Regierung mit Riad verbündet ist, protestierten dutzende Jugendliche der schiitischen Bevölkerungsmehrheit gegen die Exekutionen. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein. Auch im indischen Teil Kaschmirs demonstrierten Shiiten.

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Proteste auch in Saudiarabien selber: Shiiten demonstrieren im Osten des Landes. (Video: Reuters)

Einflussreicher Iraker fordert Schliessung der Botschaft

Der bekannte irakische Schiitenpolitiker Chalaf Abdelsamad forderte die Schliessung der erst Mitte Dezember wiedereröffneten saudiarabischen Botschaft in Bagdad. Zudem müsse der Botschafter ausgewiesen werden.

In der den Schiiten heiligen irakischen Stadt Kerbela gingen am Samstag mehrere hundert Menschen auf die Strasse, um gegen die Exekutionen zu protestieren. Auf Transparenten waren Drohungen gegen die sunnitischen Königshäuser in Riad und Bahrain zu lesen. Das Blut von Scheich al-Nimr sei nicht «vergebens» geflossen, sagte Said Saad al-Mussawi. «Wir werden die Erde unter euren Füssen zittern lassen.»

USA warnen Saudiarabien

Die USA warnten das sunnitische Königshaus in Riad vor einer Verschärfung der Spannungen in der Region. Die Hinrichtungen und die Anti-Regierungsproteste als Reaktion auf die Exekutionen könnten die «konfessionellen Spannungen verschärfen», sagte der Sprecher des Aussenministeriums in Washington, John Kirby, am Samstag.

Kirby forderte Riad zudem auf, die Menschenrechte «zu achten und zu schützen». Riad müsse friedliche Kritik an der Regierung zulassen und mit allen Anführern gesellschaftlicher Gruppen zusammenarbeiten, um die Spannungen nach den Hinrichtungen anzubauen», sagte der Aussenamtssprecher.

EU und Europarat protestieren

Die EU protestierte gegen die Hinrichtung der 47 Menschen. Die Union sei gegen die Todesstrafe und besonders gegen Massenhinrichtungen, teilte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini am Samstag in Brüssel mit. Es gebe ernste Bedenken, unter anderem wegen des Rechts auf freie Meinungsäusserung, erklärte Mogherini mit Blick auf Al-Nimrs Hinrichtung. «Dieser Fall hat auch das Potenzial, konfessionelle Spannungen, die bereits viel Schaden in der gesamten Region anrichten, mit gefährlichen Folgen weiter anzuheizen.»

Auch der Europarat hat die Hinrichtungen scharf kritisiert. Die Staatenorganisation und ihre 47 Mitgliedsländer seien «unter allen Umständen gegen die Todesstrafe», erklärte Generalsekretär Thorbjörn Jagland am Samstag in Strassburg. Er sei «ausserordentlich besorgt über die jüngste Zunahme von Hinrichtungen im Königreich, die klar gegen den globalen Trend zur Abschaffung der Todesstrafe geht». Jagland forderte die Regierung in Riad auf, die Todesstrafe zunächst nicht mehr zu vollstrecken.

Aufwiegelung und Waffenbesitz

Al-Nimr hatte während der Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 die Abspaltung der Regionen Katif und Al-Ihsaa im Osten des Landes befürwortet, in denen die meisten der rund zwei Millionen Schiiten Saudi-Arabiens leben.

Al-Nimrs Festnahme im Juli 2012 hatte grosse Protestkundgebungen der Schiiten ausgelöst, bei denen zwei seiner Anhänger getötet worden waren. Im Oktober 2014 wurde Al-Nimr wegen Aufwiegelung, Ungehorsams und Waffenbesitzes von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt. Ende Oktober 2015 wurde das Todesurteil vom Obersten Gerichtshof Saudiarabiens bestätigt.

Al-Nimrs Bruder Mohammed al-Nimr warnte am Samstag, die Hinrichtung des Geistlichen könnte «die Wut der Jugend» entfachen. Er rief die Schiiten auf, friedlich zu protestieren.

Auf der Liste der Hingerichteten steht auch Fares al-Schuwail, der Medienberichten zufolge der oberste religiöse Anführer von al-Qaida in Saudiarabien war. Anfang Dezember hatte der Al-Qaida-Ableger im Jemen mit «Blutvergiessen» gedroht, sollte Riad verurteilte Jihadisten hinrichten.

Mehr Hinrichtungen unter neuem König

Das ultrakonservative Königreich Saudiarabien, in dem eine besonders strenge Auslegung des islamischen Rechts der Scharia gilt, richtete im vergangenen Jahr laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP 153 Menschen hin. Laut Menschenrechtlern waren 2015 so viel Todesurteile vollstreckt worden wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Der Anstieg der Zahl von Hinrichtungen geht einher mit der Machtübernahme von König Salman. Er war Ende Januar 2015 nach dem Tod seines Vorgängers Abdullah auf den Thron gestiegen.

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Molotowcocktails und Zerstörung: Szenen vom Angriff auf die saudische Botschaft in Teheran. (Video: Youtube)

(rub/sda/dapd/afp)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • RoCh am 03.01.2016 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    der verbündete des westens...

    deutschland hat für viel geld kriegsmaterial an saudiarabien geliefert. damit wird gegen die aufständigen in bahrain und jemen vorgegangen. und die usa sind sein langem verbündete mit saudiarabien. bei den grausamen bestrafungen unterscheidet es sich kaum vom is. beide haben den identischen strafenkatalog. und die menschenrechte gegen die minderheiten (schiiten) werden auch mit füssen getreten. das ist also der vorbildliche verbündete des westens?! die saudis unterstützen den is und vorher al-qaida. da diese sich gegen die schiiten richten. und im iran und irak sind schiiten an der macht.

  • clclcl am 02.01.2016 22:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein weiterer Krisenherd

    Bitte nicht noch ein Krisenherd!

  • DerDani am 03.01.2016 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Déjà-vu Gefühl

    Bei mir kommt da so ein déjà-vu Gefühl auf. Bei Ihnen auch?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Chnubali am 03.01.2016 14:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    47 gegen Tausende

    Wenn ie Saudis 47 Personen hinrichten, kann sich die EU aufregen, wenn in Syrien und was weiss ich noch wo US-Streitkräfte tausende ins Jenseits befördert, schweigen sie. Wie Konsequent!

  • Mäd Meks am 03.01.2016 14:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wieso keine Sanktionen aus dem Westen?

    Saudis köpfen 40 Menschen und haben in der UNO hat Saudiarabien den Vorsitz im Menschenrechtsrat inne. Welch eine Ironie!

  • ury am 03.01.2016 14:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wo sind wir eigentlich

    Es sind nicht alle gleich im Lande. Wegen 10 toten Normslos hätte es wohl nie einen solchen Aufruhr gegeben. Und der Papst greift auch wieder aktiv in die Politk ein. Traurig. Die Politik versagt total unter dem Diktat der Lobbyisten und das Volk hat nichts zu sagen, darf dafür brav für alles bezahlen.

  • DerDani am 03.01.2016 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Déjà-vu Gefühl

    Bei mir kommt da so ein déjà-vu Gefühl auf. Bei Ihnen auch?

  • RoCh am 03.01.2016 11:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    der verbündete des westens...

    deutschland hat für viel geld kriegsmaterial an saudiarabien geliefert. damit wird gegen die aufständigen in bahrain und jemen vorgegangen. und die usa sind sein langem verbündete mit saudiarabien. bei den grausamen bestrafungen unterscheidet es sich kaum vom is. beide haben den identischen strafenkatalog. und die menschenrechte gegen die minderheiten (schiiten) werden auch mit füssen getreten. das ist also der vorbildliche verbündete des westens?! die saudis unterstützen den is und vorher al-qaida. da diese sich gegen die schiiten richten. und im iran und irak sind schiiten an der macht.