Berner Pflegerin bloggt

03. November 2014 18:01; Akt: 04.11.2014 10:31 Print

Von der Bergluft mitten ins Ebola-Gebiet

Sie hätte ablehnen können, doch das wollte sie nicht: Miriam Kasztura reist nach Liberia. Von dort bloggt die Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen für 20 Minuten.

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Bei uns sorgen Einzelfälle für grosse Schlagzeilen. In Westafrika aber ist die Ebola-Seuche tödlicher Alltag geworden: 5000 Menschen sind hier bisher am Ebola-Virus gestorben. Dazu gibt es 10'000 Infizierte. Das sind die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Dunkelziffer liegt um einiges höher. Ein Epizentrum der tödlichen Seuche ist Monrovia. Liberias Hauptstadt gleicht einem Kriegsgebiet: Die Krankheit ist überall. Hierher reist die Berner Pflegefachfrau Miriam Kasztura.

Die 32-Jährige ist für fünf Wochen bei Médécins Sans Frontières (MSF) im Einsatz. In Monrovia betreiben die Ärzte ohne Grenzen ein Behandlungszentrum mit 250 Betten. Doch allein in Monrovia gibt es derzeit über 1500 Krankheitsfälle. Um das eigene Behandlungszentrum unterstützen und entlasten zu können, eröffnet MSF in Monrovia bald ein Transitzentrum, in dem die vermutlich an Ebola Erkrankten rasch isoliert und an das MSF-Behandlungszentrum überwiesen werden. Hier wird Miriam arbeiten – und während einer Woche auf 20minuten.ch ein Tagebuch über ihre Erfahrungen und Beobachtungen führen.

Nur Stunden vor ihrem Abflug nach Liberia hat die Bernerin mit 20 Minuten gesprochen.

Miriam, wie hat dein Umfeld reagiert, als du von der Reise ins Ebola-Gebiet erzählt hast?
Alle haben gesagt, ich solle aufpassen und gesund zurückkommen. Gerade meine Familie ist aber auch sehr stolz.
Mein Vater hat zwar immer etwas Angst. Aber nicht mehr als bei den vorherigen Einsätzen.

Hast du keine Angst, dich anzustecken?
Mit dieser Krankheit ist mehr Angst verbunden als eigentlich nötig ist. Mich genau darüber zu informieren hat mich beruhigt. Keine Frage, die Krankheit ist schlimm, es gibt kein Medikament dagegen. Ebola ist aber nicht wahnsinnig ansteckend. Es gibt viele Krankheiten, die viel ansteckender sind. Etwa die normale Grippe, an der man auch sterben kann. Da kann es sein, dass ich mich in einem Raum, in dem zwei Stunden zuvor ein Grippekranker gehustet hat, anstecke. Was mir aber ein mulmiges Gefühl bereitet: Ebola ist dort überall. In den Behandlungszentren ist es ja klar, dass die Leute krank sind. Aber es kann auch jemand auf dem Markt krank sein oder irgendjemand in der Stadt. Es ist unberechenbar. Leute, die zurückgekommen sind, haben mir erzählt, dass man abends oft im Bett liegt und überlegt, was man den ganzen Tag gemacht hat. Hat man etwas angefasst, was man nicht hätte anfassen sollen? Ich glaube, dieser Einsatz ist vor allem psychisch sehr belastend.

Gehst du freiwillig ins Ebola-Gebiet oder wurdest du von MSF geschickt?
Ich bin bei MSF im Emergency Pool. Die Personen im Emergency Pool müssen innerhalb von 24 Stunden bereit sein, aus der Schweiz in ein Krisengebiet zu reisen. Personen aus diesem Pool werden also geschickt. Bei Ebola ist das etwas anders. Man kann sagen, man wolle nicht gehen. Kollegen von mir haben zum Beispiel abgelehnt. Das ist dann kein Problem. Ich wollte aber schon lange gerne gehen.

Was wirst du in Monrovia tun?
Ich werde in einem Transitzentrum arbeiten, in dem erste Abklärungen und Behandlungen zur Ebola-Erkrankung gemacht werden. Ich bin vor allem für die Triage verantwortlich, das heisst, ich kümmere mich um Leute, die denken, sie hätten Ebola. Ich werde entscheiden müssen, ob sie krank sind oder nicht. Wir stellen eine Diagnose, stellen genaue Fragen zu der Gesundheitsgeschichte der Patienten und stellen Kontakte zu Personen her, die eventuell schon krank waren. Dann verweisen wir die Patienten entweder an ein Ebola-Behandlungszentrum von MSF, falls sie Ebola haben, oder an ein anderes Spital, falls sie an einer anderen Krankheit leiden.

Inwiefern ist dieser Einsatz anders als deine bisherigen?
Schon die Verhaltensregeln sind anders. So auch die Stimmung vor Ort: Die Leute haben Angst vor Ebola. Ich kann mir nicht vorstellen, ob ein normales Leben in Monrovia überhaupt noch möglich ist. Die meisten Spitäler haben zugemacht. Schwangere Frauen haben keinen Ort mehr, wo sie ihre Kinder gebären können. Pfleger und Ärzte gehen nicht mehr zur Arbeit, aus Angst vor dem Virus.

Was erhoffst du dir von dem Einsatz?
Ich habe von aussen schon einen kleineren Ausbruch von Ebola im Kongo miterlebt, war aber nicht direkt in die Pflege involviert. Dieser Einsatz ist ganz anders als das, was ich in den letzten vier Jahren bei MSF gemacht habe. Ich bin froh, dass ich nach Monrovia reisen kann, wo der Ebola-Ausbruch derzeit am schlimmsten ist. Ich habe das Gefühl, dass ich dort am meisten helfen kann.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?
Ich habe eine zweitägige Ausbildung in Brüssel durchlaufen. Wir haben etwa gelernt, die Schutzanzüge richtig an- und auszuziehen. MSF hat strenge Verhaltensregeln, die wir einhalten müssen. Und mindestens einen Tag pro Woche dürfen wir nicht arbeiten.

Was sind das für Verhaltensregeln?
Es gibt eine No-Touch-Policy, das heisst, wir dürfen niemanden berühren. Ausserdem müssen wir einen Sicherheitsabstand von zwei Metern einhalten. Das gilt auch für die Menschen, mit denen ich reise: Sobald wir in Monrovia aus dem Flugzeug steigen, dürfen wir uns nicht mehr berühren. Niemand darf sich in den nächsten sechs Wochen umarmen oder jemandem die Hand schütteln. Nicht einmal den Leuten, mit denen ich wohne.

Was wirst du in den fünf Wochen vermissen?
Wir wohnen geschützt und werden nur im Auto hin- und hergefahren: Die Freiheit, draussen herumzulaufen, werde ich vermissen. Soeben bin ich in Genf am See spazieren gegangen, das geht dort natürlich nicht mehr. Ich bin froh, wenn wir vor Ort funktionierende Telefone haben, damit ich Freunde und meine Familie anrufen kann. Oft bin ich auf den Einsätzen sehr froh, ganz normale Sachen von zuhause zu hören.

Hast du etwas Spezielles aus der Schweiz mitgenommen?
In meiner Tasche ist ziemlich viel Käse, ein paar Würste und Schoggi. Sobald man zwei bis drei Wochen dort gewesen ist, ist es immer ein grosses Fest, wenn man diese Dinge auspackt. Ich hoffe, dass noch jemand anderes mit Käse ankommt.

Lesen Sie morgen, Dienstag, 4. November, was Miriam nach ihrer Ankunft aus Monrovia berichtet.

(cfr/gux)