Enthüllungsbuch

10. Februar 2011 00:04; Akt: 10.02.2011 00:04 Print

Datenklau von Wikileaks-Aussteigern

Daniel Domscheit-Berg war der Weggefährte von Julian Assange – bis er bei Wikileaks ausstieg. Er hat einen Grossteil des Datenmaterials von Wikileaks mitgenommen.

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Enthüllungen über die Enthüllungsplattform: Am Donnerstag veröffentlicht der Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg sein Buch «Inside WikiLeaks». Erste Details aus dem Buch sickerten aber jetzt schon durch. In einem Interview mit dem «Stern» erzählt Daniel Domscheit-Berg, dass ausgeschiedene Mitarbeiter einen grossen Teil des Datenmaterials von Wikileaks sichergestellt – sprich mitgenommen hätten. Wikileaks habe die Geheimdokumente und Informanten nämlich nicht mehr zuverlässig schützen können, so der ehemalige Weggefährte von Julian Assange.

Vergangenen August hatten Daniel Domscheit-Berg und weitere Mitstreiter der Enthüllungsplattform im Streit über den Kurs von Julian Assange den Rücken gekehrt. Daniel Domscheit-Berg wurde intern «der Architekt» genannt, schreibt der «Stern» und habe neben dem Datenmaterial auch noch die von ihm geschaffene Software mitgenommen. Seit September 2010 seien daher bestimmte Funktionen von Wikileaks «nicht mehr aktiv». Den Vorwurf der Sabotage will Domscheit-Berg aber nicht gelten lassen, es handle sich vielmehr um die «Rücknahme geistigen Eigentums», das er der Organisation zur Verfügung gestellt habe.

Technisch auf einem tiefen Stand

Seit seinem Weggang sei die Website wieder auf dem technischen Stand wie zu Anfangszeiten. Es handle sich um ein «Chaos», «stümperhaft zusammen gebasteltes Zeug», mit «wild wuchernden Programmmeilen» und «viel zu angreifbar», zitiert der «Stern» Auszüge aus dem Buch. Um Quellen zu schützen, sei es daher notwendig gewesen, bisher unveröffentlichtes Material mitzunehmen, sagt der frühere deutsche Sprecher von Wikileaks.

Ohne seine Software habe die Plattform keine verschlüsselte Website mehr, wodurch die Sicherheit nicht garantiert werden könne. Dokumente der Bank of America, deren Veröffentlichung Julian Assange mehrfach angekündigt hat, seien nicht unter den mitgenommenen Dokumenten. Es handle sich vielmehr um ältere Bankdaten, welche laut Domscheit-Berg auch «völlig unspektakulär» seien.

Zwiespältiges Verhältnis zu Assange

Zwiespältig äussert sich Daniel Domscheit-Berg auch über seinen früheren Mitstreiter Julian Assange. Er habe noch nie eine so krasse Persönlichkeit erlebt. Er beschreibt den Australier als «freigeistig», «energisch», «genial» aber auch als «paranoid», «machtversessen» und «grössenwahnsinnig».

Auch die Enthüllungsplattform Cryptom hat laut «Spiegel» einzelne Passagen aus dem Buch veröffentlicht. Demnach habe Assange eine Vielzahl von Pseudonymen verwendet – Domscheit-Berg gibt an, selbst gar nicht gewusst zu haben, welche Mitarbeiter in Wahrheit nicht nur weitere Pseudonyme von Assange gewesen seien.

Tiefere Kosten als angegeben

Domscheit-Berg habe Assange auch die Technik für den anonymen Briefkasten weggenommen, schreibt der «Spiegel». Der frühere Wikileaks-Programmierer begründet sein Vorgehen mit dem Satz: «Kinder sollen nicht mit Waffen spielen». Ausserdem macht Domscheit-Berg bekannt, dass die Arbeit am Enthüllungsvideo «Collateral Murder» nicht wie angegeben 50 000 Dollar gekostet habe, sondern lediglich die Miete für ein Ferienhaus in Island und die Flugtickets für Assange.

Vor knapp zwei Wochen ist Domscheit-Berg mit seiner eigenen Enthüllungsplattform ans Netz gegangen. OpenLeaks soll aber einen anderen Umgang mit Informanten und Medien pflegen als Wikileaks, schreibt der «Spiegel». Wer ein Leak melde, könne einen oder mehrere Partner der Plattform für die Veröffentlichung auswählen.

(ske)