Gewalt gegen Christen

10. Oktober 2011 18:32; Akt: 10.10.2011 18:32 Print

«Diese Taktik kennen wir schon»

von Kian Ramezani - Die Gewalt gegen die Kopten hat in Ägypten einen neuen Höhepunkt erreicht. Der Student Mina Khouzam vermutet im Interview ein durchsichtiges Manöver der Armee.

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Bei Zusammenstössen zwischen Sicherheitskräften und demonstrierenden Kopten sind am 9. Oktober 2011 in Kairo über 24 Menschen getötet worden. Laut einem koptischen Priester starben allein fünf Demonstranten, als sie von einem Armeefahrzeug überfahren wurden. Weitere Opfer wiesen Schusswunden auf. Bei den heftigen Auseinandersetzungen zwischen koptischen Christen, Muslimen und den ägyptischen Streitkräften seien ausserdem über 200 Menschen verletzt worden, hiess es weiter. Kurz nachdem der Demonstrationszug das Gebäude des staatlichen Fernsehens erreicht hatte, kam es aus zunächst ungeklärter Ursache zu Zusammenstössen. Demonstranten warfen Steine auf Polizisten und Soldaten, die das Gebäude bewachten, und setzten Autos in Brand. Die Sicherheitskräfte gaben Schüsse in die Luft ab, um die Menge auseinanderzutreiben. Auf ihrem Demonstrationszug quer durch die Stadt hatten die Kopten Kreuze geschwenkt und «Nieder mit dem Marschall» Hussein Tantawi skandiert, dem Leiter des regierenden Militärrats. «Schlägertypen griffen uns an und ein Militärfahrzeug sprang über den Bürgersteig und überfuhr mindestens zehn Menschen. Ich habe sie gesehen», sagte ein Augenzeuge. Die Auseinandersetzungen dauerten bis lange in die Nacht an. Die Kämpfe breiteten sich auch auf den nahe gelegenen Tahrir-Platz sowie in die umliegenden Straßen aus. Die Militärregierung verhängte für gewisse Gebiete in Kairo eine Ausgangssperre bis 7.00 Uhr. Ministerpräsident Essam Scharaf wandte sich in einer im Fernsehen übertragenen Rede an die Nation und rief das ägyptische Volk zur Einheit auf. Die Kopten werfen dem regierenden Militärrat Nachsichtigkeit bei Angriffen auf Christen im Land vor. Rund zehn Prozent der 80 Millionen Ägypter sind koptische Christen. Viele von ihnen fühlen sich von der muslimischen Bevölkerungsmehrheit benachteiligt.

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Bei Strassenkämpfen zwischen koptischen Christen, Muslimen und den Sicherheitskräften wurden am Sonntagabend in Kairo mindestens 24 Menschen getötet und mehr als 270 weitere verletzt. Den Unruhen, die bis in die Nacht andauerten, war eine zunächst friedliche Demonstration tausender koptischer Christen gegen einen Angriff auf eine Kirche im Süden des Landes vorausgegangen. Im Interview mit 20 Minuten Online äussert der Student Mina Khouzam die Vermutung, dass die Eskalation einmal mehr von höchster Stelle provoziert worden ist.

Wo waren Sie, als die Gewalt ausbrach?
Mina Khouzam: Ich besuchte gerade die Messe, als ich davon hörte. Ich eilte zur Brücke des 6. Oktobers nahe dem Tahrirplatz. Dort herrschte das reine Chaos: Überall brennende Autos, Steine, Glasscherben und brennende Reifen. Der Mob schrie «Islamisch, islamisch!».

Wer sind diese Leute, die ihre koptischen Mitbürger angreifen?
Normale Ägypter, die am Fernsehen hörten, dass die Kopten das Feuer auf die Armee eröffnet haben. Also gingen sie auf die Strasse und fielen über sie her. Dass es völlig unlogisch und unglaubwürdig ist, dass jemand auf die Armee feuert, kommt ihnen nicht in den Sinn.

Ministerpräsident Essam Scharaf sieht «ausländische Kräfte» am Werk. Wen meint er damit?
Den nimmt doch keiner ernst. Er hat nichts zu sagen.

Aber hat er recht, was ausländische Machenschaften anbelangt?
Das sagt die Regierung immer, wenn etwas passiert. Alle warten auf eine Erklärung der Armee. Sie hat nicht viel Zeit, denn die Menschen wollen jetzt Antworten. Schliesslich hat es Tote gegeben.

Wer steckt Ihres Erachtens dahinter?
Einige glauben, der regierende Militärrat will im Vorfeld der Wahlen Chaos verursachen. Diese Taktik kennen wir schon. Mubaraks ehemaliger Innenminister Habib Ibrahim al Adli soll für den Bombenanschlag auf die koptische Kirche in Alexandria vom 1. Januar 2011 verantwortlich sein.

Chaos als willkommener Vorwand für die Armee, die Macht noch etwas länger zu behalten?
Ja. Der regierende Militärrat erweckt momentan den Eindruck, als ob er die Macht nur sehr ungern abgeben möchte.

Hat sich die Lage für die Christen in Ägypten seit dem Sturz Mubaraks verschlechtert?
Es gab Diskriminierung gegen Kopten unter Mubarak und es gibt sie heute noch. Seit seinem Sturz sind erst einige Monate vergangen, für einen Vergleich ist es zu früh.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Muslimen und Christen in Ägypten beschreiben?
Es gibt viele tolerante Muslime, die koptische Nachbarn oder Arbeitskollegen haben, und viel Wert auf nationale Einheit legen. Dann gibt es Fundamentalisten, die sich von Säkularismus und Christentum bedroht fühlen. Und es gibt viele Normalos, die durch Falschmeldungen am Fernsehen aufgehetzt werden können.

Glauben Sie, die Lage wird sich für die Christen verbessern, wenn das Militär die Macht an eine gewählt Regierung übergibt?
Ich hoffe es. Die jetzige Regierung hat in dieser Hinsicht versagt.

Wem werden die Christen in den kommenden Wahlen ihre Stimme geben?
Ich weiss es nicht. In meiner Kirche hat der Pfarrer die Gemeinde aufgefordert, an den Wahlen teilzunehmen, aber ohne eine spezifische Partei zu nennen.

Vielleicht die Partei der Freiheit und Gerechtigkeit, die mit der Muslimbruderschaft verbandelt ist?
Das wage ich zu bezweifeln.