Mammutprojekt

26. April 2012 20:33; Akt: 26.04.2012 21:30 Print

Neuer Sarkophag für Tschernobyl-Reaktor

Zum 26. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe erfolgte am Donnerstag der offizielle Baubeginn des neuen Schutzmantels. Zudem gedachte die Ukraine dem schlimmsten Atomunglück aller Zeiten.

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Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Es war der erste nukleare Unfall, der auf der internationalen Bewertungsskala INES mit dem Maximum von sieben Punkten eingestuft wurde. Das heute stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl wurde zwischen 1970 und 1983 erbaut. Dabei wurden vier der insgesamt sechs geplanten Reaktorblöcke fertiggestellt. Im AKW wurden graphitmoderierte Reaktoren des Typs RBMK-1000 eingesetzt, die gravierende Sicherheitsmängel aufwiesen. Gleichwohl galt das Kraftwerk in der Sowjetunion als Musteranlage. Am Anfang des Super-GAUs in Tschernobyl stand ein Experiment. Um festzustellen, wie viel Leistung der Generator nach der Abkopplung vom Netz und von der Dampfversorgung noch liefert, schaltet das Personal im Lenin-Kraftwerk am Abend des 25. April 1986 die Sicherheitssysteme in Block 4 ab. Um 01:23 Uhr kommt es zum Turbinenstillstand. Es entsteht ein Hitzestau. Die Leistung des 1000-Megawatt-Reaktors steigt innerhalb von Sekunden plötzlich drastisch an, eine manuelle Notabschaltung ist nicht mehr möglich. Dampf und Wasserstoff lösen gewaltige Explosionen aus und sprengen die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorgebäudes weg. Der Reaktorkern schmilzt, und der Graphitmantel der Brennelemente fängt Feuer. Eine Wolke aus radioaktiven Spaltprodukten wird in die Luft geschleudert. Das Graphit-Feuer kann neun Tage lang nicht gelöscht werden. Das freigesetzte radioaktive Material verstrahlt bis zu km² Fläche in der Ukraine, Weissrussland und Russland. Greenpeace schätzt, dass in den betroffenen Gebieten rund sieben Millionen Menschen lebten. Hunderttausende von Aufräumarbeitern, so genannte «Liquidatoren», müssen unter lebensgefährlichen Bedingungen den radioaktiven Schutt wegräumen. An den am stärksten verstrahlten Stellen werden die Liquidatoren jeweils nur wenige Sekunden lang eingesetzt. Dennoch werden viele von ihnen lebensbedrohlich verstrahlt. Ein Kraftwerksmitarbeiter zeigt auf den Ort, wo 1986 der Reaktor explodierte. Verfestigter Schaum, Blei-Haufen und Bor-Pulver – von Helikoptern aus abgeworfen – zeugen heute noch von den verzweifelten Versuchen, die nuklearen Prozesse im beschädigten Reaktor zu stoppen. Aus Helikoptern wird neben Blei und Bor auch Dolomit, Sand und Lehm abgeworfen, um die Freisetzung von Spaltprodukten einzudämmen. Die dabei eingesetzten Helikopter stehen – zusammen mit anderen Fahrzeugen und Geräten – heute noch in der Sperrzone herum. Sie sind verstrahlt. Die Aufräumarbeiten dauern drei Jahre. Arbeiter feiern im November 1986 vor Reaktorblock 4 die Errichtung der ersten Hülle des Sarkophags. Auf dem Banner steht: «Wir werden die Vorgabe der Regierung erfüllen!» Dieser erste Sarkophag hat seine Lebenserwartung bereits erreicht und ist brüchig geworden. Der zweite soll für mindestens 100 Jahre die Freisetzung von Strahlung verhindern. Er wird aber frühestens 2014 fertig. Von den rund innerhalb der ersten zehn Jahre. Um den Reaktor wird eine Sperrzone errichtet. Nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt leben in der erst 1970 gegründeten Stadt Pripjat knapp Menschen. Einen Tag nach der Katastrophe befehlen die Behörden die Evakuierung der Industriestadt. Zunächst heisst es, es handle sich um eine reine Vorsichtsmassnahme; alles werde lediglich drei Tage dauern. Doch die Bewohner dürfen nie mehr zurückkehren. Die Strahlenbelastung ist zu hoch. Schritt für Schritt werden später alle Anwohner im Umkreis von 30 Kilometern in Sicherheit gebracht. Aus Pripjat wird eine Geisterstadt. Die kontaminierte Zone reicht weit bis nach Weissrussland hinein, das besonders schwer vom radioaktiven Fallout getroffen wurde. Die Kernschmelze in Tschernobyl und der Austritt von grossen Mengen Radioaktivität ist ein Super-GAU, der über den GAU («Grösster anzunehmender Unfall») hinausgeht. Der GAU bezeichnet den schlimmsten beherrschbaren Störfall, für den das Kraftwerk ausgelegt ist. Auch im Westen hat die Katastrophe Folgen: Die radioaktive Wolke kontaminiert grosse Gebiete in Skandinavien und Mitteleuropa. Hier wird ein westdeutsches Auto an der ostdeutsch-polnischen Grenze dekontaminiert. Schwangere und Kleinkinder unter zehn Jahren wird geraten, auf Gemüse und Milch zu verzichten. Ein wegen der radioaktiven Wolke geschlossener Spielplatz in Wiesbaden. Der Super-GAU in dem sowjetischen AKW stärkt in der Folge die ökologischen und atomkritischen Bewegungen im Westen. Auch in der Schweiz nimmt die Anti-AKW-Bewegung einen starken Aufschwung. Tschernobyl und die Sperrzone entwickeln sich heute immer mehr zu einer eigentlichen Touristenattraktion.

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Es war das bisher schlimmste Atomunglück weltweit: Die Ukraine hat am Donnerstag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor genau 26 Jahren gedacht. Staatschef Viktor Janukowitsch leitete mit einem symbolischen Knopfdruck die Bauarbeiten für die neue Schutzhülle um den Unglücksreaktor ein.

Diese wird umgerechnet schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro kosten. Janukowitsch dankte am Reaktor im Beisein von Bauarbeitern sowie den Botschaftern Chinas und Japans den Geberländern, die bei der Finanzierung des Grossprojekts helfen.

Bislang flossen aus dem Ausland rund 550 Millionen Euro in einen entsprechenden Fonds, den Rest steuert die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung bei. Die 20 000-Tonnen-Konstruktion hat eine Spannweite von 257 Metern. Sie soll 2015 fertiggestellt sein und die kommenden hundert Jahre halten.

Der nach dem Unglück zur Eindämmung der radioaktiven Strahlung errichtete Beton-Sarkophag über dem zerstörten Reaktor war über die Jahre brüchig geworden. Die Regierung der Ukraine hatte deswegen eine neue Schutzhülle in Auftrag gegeben.

Aufräumer der Trümmer fordern IV-Renten

Bei Protesten in Kiew forderten am Donnerstag 500 sogenannte Liquidatoren, die nach dem Super-Gau 1986 die verstrahlten Trümmer in Tschernobyl beseitigt hatten, die Auszahlung ihrer Invalidenrenten in voller Höhe.

Zwar sei 2011 eine Kürzung der Zahlungen per Gerichtsentscheid zurückgenommen worden, sagten Redner nach Angaben örtlicher Medien. Die volle Summe hätten sie aber nicht erhalten.

Opferzahl umstritten

Der Tschernobyl-Block vier war am 26. April 1986 explodiert. Die Detonation wirbelte über Tage radioaktive Teilchen in die Luft, die Strahlung war 400 Mal so stark wie beim US-Atombombenabwurf auf Hiroshima 1945. Von der Ukraine breitete sich die abgeschwächte Wolke über weite Teile Europas aus.

Die Frage, wie viele Todesopfer es einschliesslich der späteren Strahlenopfer gab, ist bis heute umstritten. Die Antworten reichen je nach Annahmen von «weniger als 50» bis zu 60 000 in der Region und sogar 1,44 Millionen weltweit. Meist wird von 10 000 bis 100 000 Toten ausgegangen. 120 000 Menschen wurden umgesiedelt.

Um den Reaktor gibt es bis heute ein grosses Sperrgebiet. Die finanziell angeschlagene Ex-Sowjetrepublik, im Juni Co-Gastgeber der Fussball-EM, hatte 2011 bei einer internationalen Tschernobyl- Geberkonferenz Spendenzusagen von rund 670 Millionen Euro für einen neuen Schutzmantel erhalten.

(sda)