Blick auf die USA, Teil 2

29. Dezember 2017 17:48; Akt: 30.12.2017 01:11 Print

Amerika als Vorbild für die Welt – aus, vorbei?

von Martin Suter - Militärisch, wirtschaftlich und kulturell scheint es mit der Supermacht bergab zu gehen. Stimmt der Eindruck? Teil 2 unseres Blicks auf die USA.

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Wolken ziehen über dem Capitol in Washington auf. Amerika ist nicht mehr so stark wie einst. (27. Februar 2013) Der Ruf der USA in der Welt hat seit Jahren gelitten. (Bild: Protest von Serben gegen die USA am 21. Februar 2008 in Kosovo.) Anstelle der liberalen Demokratie nach Vorbild der USA gewinnen autokratische Regierungsmodelle an Boden. Bild: Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan ist die Demokratie in der Türkei unterhöhlt worden. (21. November 2017) Der Autokrat Erdogan (r.) macht gemeinsame Sache mit anderen undemokratischen Führern wie Russlands Präsident Wladimir Putin (Mitte) und dem iranischen Präsidenten Hassan Rouhani. (Bild: Pressekonferenz in Sotschi am Schwarzen Meer am 22. November 2017.) Die amerikanische Demokratie erscheint auch geschwächt nach dem erfolgreichen Beeinflussungsversuch Russlands während der Präsidentschaftswahlen von 2016. Die russische Einflussnahme wird vom Sonderermittler Robert Mueller (r.) untersucht. (21. April 2016) Ein dominierendes Thema in den USA ist derzeit die Aufdeckung sexueller Missetaten, wie sie etwa Hollywood-Filmproduzent Harvey Weinstein angelastet werden. (28. April 2017) Auch Politiker werden entlarvt: etwa der demokratische Senator Al Franken aus Minnesota, der Frauen begrapscht haben soll. (27.November 2017) Diese Storys erfreuen sich eines extremen Interesses bei den Medien. (Bild: Pressekonferenz von Al Franken am 27. November 2017 in Washington.) Aber sie geraten zunehmend in den Sog politischer Rivalitäten. (Bild: der republikanische Senatskandidat Roy Moore in Alabama, der eine 14-Jährige verführt haben soll, am 25. September 2017.) Im Sommer beherrschten umstrittene Statuen zum US-Bürgerkrieg die öffentliche Debatte. Doch diese Diskussionen führen nirgendwo hin. (Bild: Statue eines konförderierten Soldaten in Durham, North Carolina, wird am 14. August 2017 zerstört.) Gleichermassen den Charakter einer amerikanischen Nabelschau hat das Gerangel um die Anti-Rassismus-Proteste von Profispielern der Football-Liga NFL. Initiiert hat sie Colin Kaepernick, der frühere Quarterback der San Francisco 49ers. (1. Januar 2017) Technologisch sind amerikanische Grosskonzerne wie Apple führend. (Bild: Apple-CEO Tim Cooke am 21. März 2016 vor einer Grafik mit dem neuen Hauptquartier.) Doch China holt auf. Zu seinen führenden Konzernen zählt der Online-Handelsriese Alibaba, gegründet von Jack Ma. (Bild: Ma an einer Start-up-Veranstaltung in Hongkong am 21. November 2017.) Inzwischen werden in China mehr Start-ups gegründet als in den USA. (Bild: Ein Model stellt am 25. Mai 2015 an der Consumer Electronics Show (CES) Asia in Shanghai ein Sensorkleid vor.) Eine rivalisierende Macht könnte Amerika wachrütteln. Im Oktober 1957 schickte die Sowjetunion den ersten Satelliten überhaupt in eine Erdumlaufbahn. Dieser «Sputnik-Schock» stimulierte die USA zu einer beispiellosen Anstrengung, die 1969 in der ersten Landung von Menschen auf dem Mond gipfelte. (Bild: Testsatellit Sputnik 1 im Flugmuseum von Seattle.) Präsident Donald Trump will an die frühere Grösse Amerikas anknüpfen. Sein Slogan: «Make America Great Again» wird dies allein aber nicht vollbringen. (1. Juni 2016)

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Die Hinweise verdichten sich: Die seit dem Ende des Kalten Kriegs dominanten USA geraten zunehmend ins Hintertreffen. In drei Punkten lässt sich dies mit Trends beim Militär und der strategischen Weltlage verdeutlichen (nachzulesen hier).

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Ist Amerika noch ein Vorbild?

Für einen drohenden Niedergang der Supermacht sprechen auch noch weitere Punkte, abseits des militärischen und geopolitischen Bereichs:

1. Liberale Demokratie zieht als Kulturexport nicht mehr

Demokratische Regierungssysteme nach dem Prinzip, das die USA seit bald 230 Jahren vorleben, erreichten im Jahr 2006 ihre grösste Verbreitung. Um die 60 Prozent aller Staaten weltweit waren demokratisch regiert. Danach drehte der Trend: In wichtigen Staaten wie der Türkei, Bangladesch, Kenia oder Nigeria erlahmte die Demokratie. Auch ausserhalb des Wirkungskreises von China und Russland verbreiteten sich autoritäre Regierungsformen.

Selbst der charismatische Ex-US-Präsident Barack Obama hatte nach dem Fiasko des Irak-Kriegs dieser unvorteilhaften Entwicklung wenig entgegenzusetzen. Der populistische Nachfolger Donald Trump wird noch weniger Widerstand gegen antidemokratische und antifreiheitliche Trends leisten. Dass Russland massiv in die letzten Präsidentschaftswahlen eingreifen konnte, führte der Welt zusätzlich vor, wie verletzlich Amerikas Demokratie geworden ist. Das politische Modell USA ist kein Vorbild mehr.

2. Kulturkämpfe weisen auf wachsende Dekadenz hin

Neben Trump dominierten in der öffentlichen Diskussion dieses Jahr Themen mit wenig Lösungspotenzial. Die Enthüllungswelle sexueller Missetaten fegt zwar verdientermassen einen Mann nach dem anderen aus seiner Machtposition. Doch die #MeToo-Bewegung läuft Gefahr, in ein parteipolitisches Hickhack zu münden, was ihre soziale Relevanz mindern könnte.

Wenig zukunftweisend sind die beiden anderen Grossdebatten um historische Denkmäler und den Protest von Sportlerstars gegen Rassismus. Sie stellen eine unergiebige Nabelschau dar, die nirgendwo hinführt. Ernsthafte, auf die Lösung kommender Probleme gerichtete Diskussionen finden in den USA derzeit kaum statt – ein Zeichen zunehmender Dekadenz.

3. Technologische Wachstumsmotoren stottern

Die fünf grossen US-Technologiekonzerne Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft sind in ihren Sparten weltweit führend. Von ihnen abgesehen, büsst die Volkswirtschaft der USA ihre Vorreiterrolle jedoch zunehmend ein. In China werden schon heute mehr Start-up-Firmen gegründet, und die Zahl der chinesischen Patentanmeldungen hat jene in den USA überflügelt.

Es hapert auch bei der industriellen Fertigungskapazität. Während China in der Hochtechnologie auf vollständige Herstellungsketten zurückgreifen kann, können US-Unternehmen längst nicht mehr alle Komponenten ihrer Produkte im eigenen Land fabrizieren. Warnende Stimmen fürchten, dass die Abhängigkeit von chinesischen Herstellern die Spitzenstellung – und die Sicherheit – der US-Rüstungsproduktion untergräbt. Eine Abhilfe gegen diesen Trend ist nicht in Sicht.

4. Trumps «MAGA» ist nicht der «Sputnik-Schock»

Um nicht abzusteigen, müssten sich die USA aufrappeln wie einst im Kalten Krieg. Der vom ersten sowjetischen Satelliten ausgelöste «Sputnik-Schock» löste 1957 eine landesweite Anstrengung aus mit dem Ziel, den angeblichen Rückstand der USA wettzumachen. Zwölf Jahre später landeten Amerikaner als Erste auf dem Mond.

Donald Trump hat mit «Make America Great Again» auch einen neuen Aufbruch auf die Fahnen geschrieben. Doch er strebt nach vergangener Glorie. Nur wenn sich Amerika neue Ziele setzt und diese auch klar verfolgt, kann es den Abstieg ins Mittelmass verhindern.

Der Sputnik erschütterte die USA:


(Quelle: Youtube/David Hoffman)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 29.12.2017 17:52 Report Diesen Beitrag melden

    Kulturell kann man sich

    ja streiten, aber militärisch und wirtschaftlich sind sie der EU immer noch meilenweit voraus. Die neue Konkurrenz sitzt in Asien, da wird es zukünftig für den ganzen Westen enger.

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  • Peppo am 29.12.2017 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    US Wahlen

    Warum wird hier vom Eingreifen Russlands in die US Wahlen berichtet als ob es bewiesene Fakten wären?!

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  • Edmund am 29.12.2017 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst die Moral

    Zuerst geht immer die Moral bachab, hinterher folgt alles andere, siehe History.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Traveller am 30.12.2017 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nach wie vor Vorbild

    Ich wäre stolz Amerikaner zu sein. Zumindest stolzer als Schweizer zu sein. Wer jemals in den USA war wenn wirklich etwas passiert, z.B. Hurricanes, weiss wie diese Nation zusammenhalten kann, wenn sie will. Für mich nach wie vor ein Vorbild und das Land in dem ich leben möchte.

  • Samuel am 30.12.2017 16:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild USA?!?

    Warum sollte man sich ein Land als Vorbild nehmen, das mehrere Schiessereien an Schulen im Jahr hat, nur das Geld zählt und die Reichen immer reicher werden, und die Armen immer ärmer werden, und mehrere Jobs haben und halbwegs über die Runden kommen. In diesem System will niemand leben.

  • Phil Sparks, US-Bürger am 30.12.2017 15:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    AMERICANS FIRST

    Die Europeans sollen sich uns besser anpassen. Teilweise können vor allem die Schweizer nicht fliessend englisch. Das stört uns Amerikaner

    • Schnüffel am 30.12.2017 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Phil Sparks, US-Bürger

      Dafür beherrschen wir mehr als nur eine Sprache. Die Amis jedoch nur ihr Englisch. Da bin ich lieber Schweizerin und spreche Italienisch, Französisch, Deutsch und Englisch. Wetten da komm ich weiter? Wie bei manchen anderen Angelegenheiten auch. Bin froh hier zu leben und nicht in einem Land mit Grössenwahnsinn!!!

    • Janni am 30.12.2017 16:42 Report Diesen Beitrag melden

      aber hallo!

      Wie kommen Sie denn zu der Forderung, dass sich Europa Amerika anpassen soll und nicht umgekehrt? Wenn die Amis nur halb so viele Fremdsprachen sprechen wie die Schweizer, bin ich schon zufrieden.

    • Werner Frei am 30.12.2017 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Phil Sparks, US-Bürger

      Und warum sollten die Amerikaner nicht beispielsweise Deutsch lernen? Nur weil sie mehr sind? Wenn das ein Argument wäre, müssten wir alle Chinesisch sprechen!

    • Peter am 30.12.2017 17:17 Report Diesen Beitrag melden

      Bei uns kann das jedes Kind

      Und uns Schweizer stört gewaltig, dass Amerikaner keinen einzigen Schweizer Dialekt beherrschen.. nicht einen. ..

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  • Somebody am 30.12.2017 15:22 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nur Globalisierung

    Kann den Artikel nicht ernst nehmen nachdem ich über "russische Einmischung in die Wahlen" lesen musste.. die Ängste Amerikas Dominanz zu verlieren müssen allen völlig egal sein.. die USA haben mit Globalisierung angefangen, die Produktion nach China selber verlegt (um Kosten zu sparen) nun haben die die Folgen davon.. und jetzt einfach nur anpassen

  • CC am 30.12.2017 14:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schuldenkönige

    Amerika als Vorbild für die Welt? Das ist wohl ein 1 April Scherz. Sämtliche technischen Erfindungen stammen von nahmhaften europäischen Namen, Amerika hat bis jetzt nur die techischen Erfindungen geklaut. Die machen an einem Tag so viele Schulden, wie andere Länder in 10 Jahren. "Vorbilder". So ein Schwachsinn.