Mammutprozess

11. Dezember 2012 13:52; Akt: 11.12.2012 14:10 Print

Argentinien räumt mit seiner Vergangenheit auf

von Karin Leuthold, Buenos Aires - In Argentinien müssen sich seit zwei Wochen 68 ehemalige Juntamitglieder wegen Kriegsverbrechen verantworten. Zwei davon sind Zivilisten, darunter auch ein Schweizer Doppelbürger.

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Seit dem 28. November 2012 stehen 68 ehemalige Juntamitlieger vor Gericht. Der «Mammutprozess» soll zwei Jahre dauern. (Bild: Keystone/Sergio Goya)

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Es ist ein Mammutprozess, wie es in Argentinien kaum einen gegeben hat: 789 Verbrechen aus der Zeit der Militärdiktatur werden derzeit vor Gericht behandelt. Insgesamt stehen in dem auf zwei Jahre angesetzten Prozess, der den Namen «ESMA III» bekommen hat, 68 ehemalige Juntamitglieder – darunter 30 Militärs und 2 Zivilisten - wegen Folterungen von Oppositionellen zwischen 1976 und 1983 vor Gericht. 900 Zeugen sollen während des Prozesses vorgeladen werden.

Unter den 68 Beschuldigten sind acht Piloten der sogenannten Todesflüge, bei denen Hunderte Regimegegner ins Meer geworfen wurden. Einige der Angeklagten berichten heute noch – dreissig Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur – stolz von ihren Taten. Die halbnackten, betäubten Opfer seien «wie kleine Ameisen» in den Rio-de-la-Plata-Fluss gefallen, hatte der frühere Pilot Emir Sisul Hess seiner Verwandtschaft erzählt, die heute im Zeugenstand steht. Auch der Anwalt Gonzalo Torres de Tolosa muss sich für seine Teilnahme bei den Todesflügen verantworten. Obwohl er ein Zivilist ist, liess sich Torres de Tolosa «Teniente Vaca» («Leutnant Kuh») nennen. An der entsetzlichen Entledigung der Folteropfer nahm der Angeklagte als «Freiwilliger» teil.

Illegale Adoptionen waren kein Kinderklau

Der zweite angeklagte Zivilist ist ein Schweizer-argentinischer Doppelbürger. Juan Alemann, Sohn eines ausgewanderten Schweizer Journalisten, soll in seiner früheren Funktion als Staatssekretär für Finanzen bei der Folterung eines Mannes präsent gewesen sein. Das Folteropfer hatte den Auftrag gehabt, Alemann zu ermorden. Der Anschlag war dem Mann aber misslungen. Nach seiner Verhaftung wurde er in den Kellern der Marine-Technikerschule ESMA gefangen gehalten. Drei Zeugen wollen Juan Alemann im Folterzentrum gesehen haben.

Der Journalist und Ökonom sprach immer wieder seine Sympathie für das Militärregime aus. In einem Interview aus dem Jahr 2005 mit der Zeitschrift «Veintitres» gab er an: «In der ESMA wurde mit Vergnügen gefoltert.» Weder er noch das Regime hätten sich etwas vorzuwerfen, meinte er weiter. In der Annahme, niemals für seine Taten verurteilt zu werden, sprach er offen über den Kinderraub. «Über 200 Frauen haben in Gefangenschaft Kinder geboren. Sie wurden später umgebracht. Die Kinder wurden an Richter weitergegeben. Etwa 30 davon wurden bei Militärfamilien untergebracht.» Die Babys seien die «Überbleibsel», behauptete Alemann. «Die Guerilla-Kämpfer vermehrten sich, während sie Krieg führten.» Die illegale Adoption der Kinder sah Juan Alemann aus einer ganz anderen – und eigenen – Perspektive: «Das war kein Kinderklau. Es braucht einen starken Magen, um die Kinder eines Guerilleros grosszuziehen.»