Kindsmissbrauch

11. November 2012 05:16; Akt: 11.11.2012 21:27 Print

Falsche Vorwürfe kosten BBC-Chef den Job

Ein ehemaliger Moderator, der hunderte von Kindern vergewaltigt haben soll und ein Bericht, der falsche Missbrauchsvorwürfe gegen einen Politiker erhebt. Jetzt tritt der BBC-Generaldirektor zurück.

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BBC-Generaldirektor George Entwistle zieht die Konsequenzen aus dem Sexskandal, der seinen Sender erschütterte. (Bild: Keystone/AP/Sang tan)

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Nach falschen Missbrauchs-Anschuldigungen gegen einen britischen Ex-Politiker ist BBC-Chef George Entwistle zurückgetreten. «Ich habe entschieden, dass es die angemessene Reaktion ist, zurückzutreten», sagte Entwistle am Samstagabend in London. «Wir hätten keinen Film ausstrahlen dürfen, der so fundamental falsch ist. Was hier passiert ist, ist komplett inakzeptabel», erklärte Entwistle.

Zwar sei die Sendung von Anwälten abgesegnet gewesen, als Generaldirektor sei er «letztlich verantwortlich für den gesamten Inhalt» der BBC-Sendungen. Entwistle räumte ein, dass der «Newsnight»-Beitrag dem Vertrauen in die BBC geschadet habe. Vor der Ausstrahlung habe er keine Kenntnis von der umstrittenen Sendung gehabt. Rückblickend hätte er sich gewünscht, dass man sich in der Angelegenheit an ihn gewandt hätte.


Die Ausstrahlung eines BBC-Berichts hatte dazu geführt, dass der frühere konservative Politiker Alistair McAlpine fälschlicherweise des Kindsmissbrauchs beschuldigt wurde. Die BBC hatte sich bereits am Freitagabend bei McAlpine entschuldigt.

Opfer entlastete McAlpine

«Newsnight» hatte in den vergangenen Tagen über Steve M. berichtet, der in den 70ern in einem Kinderheim in Wales missbraucht worden war. Obwohl der Täter in der Sendung nicht namentlich identifiziert wurde, kursierte kurz darauf im Internet das Gerücht, es handle sich um McAlpine.

Der frühere Schatzmeister der Konservativen bestritt am Freitag die Vorwürfe, und auch Steve M. selbst teilte mit, dass es sich bei McAlpine nicht um den Täter gehandelt habe.

BBC zuvor schon von «eigenem» Sexskandal erschüttert

Die BBC war in den vergangenen Wochen bereits wegen des Skandals um den ehemaligen BBC-Moderator Jimmy Savile in die Schlagzeilen geraten. Der im vergangenen Jahr verstorbene Savile soll hunderte von jungen Menschen missbraucht haben – im Wissen seiner BBC-Kollegen. Besonders schwer wiegt in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass das investigative BBC-Programm «Newsnight» einen eigenen Bericht über die Vorwürfe gegen den einstigen Starmoderator nicht ausstrahlte. Die BBC hat eine Untersuchung der Vorwürfe angekündigt.

Die Vorwürfe gegen Jimmy Savile hatten Grossbritannien tief erschüttert und zu zahlreichen Spekulationen über weitere mutmassliche prominente Kinderschänder Anlass gegeben - darunter auch diejenigen, die McAlpine trafen.

George Entwistle gab zu, dass die Vorwürfe gegen Savile bereits zu einer «schlimmen Vertrauenskrise» geführt hatten. Der jüngste Fauxpas habe das Fass dann zum Überlaufen gebracht. Entwistle war erst seit Mitte September Generaldirektor von BBC.

Rücktritt findet Verständnis

Der Rücktritt Entwistles stiess in Grossbritannien auf Respekt. Er sei «schade, aber die richtige Entscheidung», sagte Maria Miller, die Ministerin für Kultur, Medien und Sport, in der Nacht zum Sonntag. Chris Patten, Ombudsmann der BBC, nannte den Samstag «einen der traurigsten Abende in meinem öffentlichen Leben». Er lobte «Ehre und Mut», die Entwistle bewiesen habe. John Whittingdale, Vorsitzender des für die BBC zuständigen Parlamentsausschusses für Medien, sagte, «was in den letzten Tagen passiert ist, hat seine (Entwistles) Autorität und Glaubwürdigkeit immens geschmälert». Unter den Umständen wäre es für Entwistle sehr schwer gewesen, weiterzumachen.

Ministerin Miller sagte nun, «es ist unerlässlich, Glaubwürdigkeit und öffentliches Vertrauen in diese wichtige nationale Institution wiederherzustellen». Dabei sei entscheidend, dass die BBC durch ihre interne Organisation sicherstelle, ein erstklassiges Nachrichtenprogramm zu liefern. Die BBC sendet seit 1922.

(jbu/sda)