Gift am Türgriff?

14. März 2018 12:49; Akt: 14.03.2018 12:49 Print

BMW des Spions steht im Zentrum der Ermittlungen

Wie genau wurden Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet? Die Antwort kann noch Wochen dauern, aber: Sein Auto könnte eine wichtige Rolle spielen.

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Zum roten BMW, den der vergiftete Ex-Doppelagent Sergej Skripal fuhr, existieren mehrere Theorien: Das Nervengift Nowitschok könnte auf dem Türgriff des Autos gewesen sein ... ... oder auch durch die Lüftung ins Innere des Wagens gelangt sein. Die Polizei will herausfinden, wo Skripal und seine Tochter mit dem Wagen überall gewesen sind. Noch vor zwei Wochen erfreute sich der russische Ex-Spion Sergej Skripal bester Gesundheit, ebenso seine Tochter Yulia. Doch seit einer Nervengiftattacke am 4. März 2018 kämpfen die beiden im Spital ums Überleben. (Im Bild: Überwachungskamera-Aufnahme von Skripal kurz vor dem Anschlag) Laut Premierministerin Theresa May wurden die beiden mit einem Nervengift namens Nowitschok vergiftet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von hochgiftigen Nervenkampfstoffen, die in etwa 100 Varianten vorkommen. Je nach Variante in sowohl fester, flüssiger als auch pulveriger Form. Erstmals wurde es im Kalten Krieg in der Sowjetunion produziert. Dies mit der Absicht, ein Gift zu entwickeln, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann. Schon ein winziger Tropfen auf der Haut oder in der Atemluft reicht aus, um ... ... die Opfer zu kontaminieren. Nach 30 Sekunden bis zwei Minuten zeigen sich die ersten Symptome. Der Körper reagiert mit Krämpfen, dann setzt die Lähmung ein. Am Ende fällt die Atmung aus und es kommt zum Tod. Als Gegengift gilt ... ... der Stoff Atropin. Dieser stammt von der Tollkirsche und stoppt die von dem Kampfstoff ausgelöste Reizüberflutung im zentralen Nervensystem. Doch auch wer überlebt, muss sich auf schwere und bleibende Schäden einstellen. Kein Wunder: Mindestens eine Nowitschok-Variante ... (Im Bild: Tollkirschbeeren) ... soll fünf- bis achtmal potenter sein als die Cholinesterasehemmer Sarin und VX. Letzteres hat im Februar 2017 zum Tod von Kim Jong-nam, dem Halbbruder von Kim Jong-un, geführt. Er ist auf dem Flughafen von Kuala Lumpur einem Giftmord zum Opfer gefallen. Die Aufnahmen der lokalen Überwachungskameras ... ... zeigen zwei Frauen, die sich Kim aus verschiedenen Richtungen nähern. Eine von ihnen scheint ihn dabei von hinten zu umgreifen und für einige Sekunden etwas über seinen Mund zu halten. Laut einer Autopsie könnten sie ihm das Nervengas VX verabreicht haben. So mysteriös die Attacken auf Sergej Skripal und Kim Jong-nam auch sind. Sie sind bei weitem nicht die Ersten, die einem Giftmord zum Opfer gefallen ist. Schon im alten Rom wurden so unliebsame Menschen um die Ecke gebracht. Obwohl es im alten Rom Vorkoster gab, erwischte es . Claudius' Mörder wurde nie gefasst. Verdächtigt wurden unter anderem seine Gattin Agrippina (Statue im Bild), sein Vorkoster, der Eunuch Halotus sowie sein Leibarzt Gaius Stertinius Xenophon. Möglich ist aber auch, dass das Pilzgericht einfach verdorben war. Auch der Philosoph starb durch Gift. Allerdings wurde er im Jahr 399 nicht Opfer einer hinterlistigen Attacke. Vielmehr war er durch den Gerichtshof Athens offiziell zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt worden – angeblich, weil er sich gegen die Götter versündigt und die Jugend verdorben hatte. Hauptbestandteil des Giftbechers war der Gefleckte Schierling (Conium maculatum). Dieser enthält das Nervengift , das von den Füssen aufsteigend die Skelettmuskulatur lähmt und damit schliesslich auch die Atemmuskulatur – Sokrates erstickte. Die Bremerin tötete. Als ihr die Substanz ausging, gab sie zunächst einige Jahre Ruhe. Dann hörte sie zum ersten Mal von , einer Art Schädlingsvernichtungsmittel, das aus Butterschmalz und Arsen bestand. Dieses mischte sie sieben weiteren Personen unter das Essen. Zum letzten Mal im Jahr 1827. Ein Jahr später wurde sie überführt, 1831 dann öffentlich gehängt. Auch war ein Giftmörder. Zwischen 1897 und 1901 tötete der gebürtige Pole drei Frauen. Sein Vorgehen war dabei immer dasselbe: Erst liess er die Frauen nach aussen so tun, als ob sie seine Ehefrauen wären. Mit der Zeit begann sich dann deren Gesundheitszustand zu verschlechtern, bis sie schliesslich starben. Das erreichte er mit dem Stoff , der so giftig ist wie Blei oder Arsen und zudem als krebserregend gilt. Im Jahr 1902 wurde Chapman schliesslich überführt und zum Tod durch Hängen verurteilt. Das Urteil wurde im darauffolgenden Jahr vollstreckt. 1957 wurde der ukrainische Nationalist und Dissident ins Gesicht gespritzt. (Im Bild: Lew Rebet in Auschwitz, 1941) Das hochwirksame Gift wurde ihm mithilfe eines neuartigen, röhrenförmigen Instruments ins Gesicht geblasen (im Bild). Dieses lähmte Rebets Atmungsorgane innert kurzer Zeit. Das Perfide: Bereits nach wenigen Minuten hatte sich die Substanz verflüchtigt und hinterliess keine Spuren. Das gleiche Schicksal – gleiche Waffe, gleiches Gift, gleiche Stadt, gleicher Täter – ereilte zwei Jahre später auch den ukrainischen Nationalistenführer , der seit 1946 unter dem Namen Popel in Bayern lebte. Wie bei Rebet reichte auch bei Bandera ein einziger Atemzug, um die tödliche Dosis Blausäuregas aus der «KGB-Giftpistole» aufzunehmen. Erneut hatte Bogdan Staschinski den Abzug betätigt. Und das wie zwei Jahre zuvor im Auftrag des KGB. Dass Giftmörder bei ihren Taten mitunter auf Innovationen setzen, zeigt auch der Fall des bulgarischen Dissidenten, der 1978 ums Leben gebracht wurde. Markow wartete in London auf den Bus, als er einen Stich am Bein spürte. Er drehte sich um – und erblickte den Regenschirm seines Nachbarn in der Warteschlange. Drei Tage später war er tot. In seinem Oberschenkel fanden die Ärzte ein winziges Kügelchen, das mit (Ricinus communis) präpariert war. Es wirkt vor allem auf den Magen-Darm-Trakt und bringt die Zellen zum Absterben. Als Täter gilt ein Agent des bulgarischen Geheimdienstes. Offiziell starb Staatspräsident 1993 an Herzversagen. Seine Familienangehörigen glaubten jedoch nie an einen natürlichen Tod. Sie waren davon überzeugt, dass Özal von politischen Gegnern vergiftet worden sei. Sie gaben keine Ruhe ... ... bis Özals Leichnam 2012 exhumiert wurde. Der Bericht der Mediziner nennt vier gefundene Giftstoffe, darunter ein zehnfach erhöhter Wert des Insektizids. (Im Bild: DDT wird zur Kartoffelkäferbekämpfung versprüht, 1953) Kein konkretes Opfer hatten die Mitglieder der japanischen Sekte (Aum-Sekte) im Auge, als sie am 20. März 1995 zur Hauptverkehrszeit einen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn verübten. Dafür hatten sie in fünf im Bahnhof Kasumigaseki zusammentreffenden Pendlerzügen ... ... in Zeitungspapier eingewickelte Kunststoffbeutel deponiert, die das Nervengift enthielten. Die austretenden Dämpfe verbreiteten sich in den betroffenen U-Bahnen und circa 15 U-Bahn-Stationen. Bei dem Anschlag starben zwölf Menschen, Tausende wurden verletzt. 1997 versuchten israelische Geheimdienstagenten als Kanadier getarnt in Amman den politischen Chef der Hamas, , umzubringen. Zwar gelang den Agenten, das Gift gegen Maschal zu verwenden, doch noch bevor sie die tödliche Dosis verabreichen konnten, wurden sie gefasst. Auf Wunsch des jordanischen Königs Hussein I. schickte die israelische Regierung schliesslich einen Arzt, der das richtige Gegengift in seinem Koffer mitbrachte. So konnte das Leben des Attentatsopfers gerettet werden. Welche toxische Substanz damals zum Einsatz kam, ist nicht bekannt. Der islamistische Feldkommandant überlebte mehrere Kriege, darunter den Bürgerkrieg in Tadschikistan, nicht aber den vergifteten Brief, der ihm 2002 im Auftrag des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB übergeben worden war. Um welches Gift es sich handelte, ist nicht gänzlich geklärt. Fest steht aber, dass es ein gewesen sein muss, möglicherweise Sarin. Offiziell starb der Duma-Abgeordnete und Journalist 2003 an einem Hirnödem. Doch seine Parteifreunde bezweifelten das. Schliesslich hatte Schtschekotschichin über den zweiten Tschetschenienkrieg und die Ver­bindung von Staat und Mafia recherchiert. Bis heute sind sie überzeugt davon, dass der Allergiker Schtschekotschichin mit einem starken vergiftet wurde. Um was es sich dabei gehandelt haben könnte, ist völlig unklar. Eine Untersuchung blieb ohne Ergebnis. Der indonesische Menschenrechts- und Anti-Korruptions-Aktivist Munir verabreicht bekommen hatte. Drei Verdächtige wurden später festgenommen und der Hauptverdächtige, der frühere Pilot Pollycarpus Priyanto von der staatlichen Airline Garuda Indonesia, zu 14 Jahren Haft verurteilt. Er hatte während des Flugs Munirs Orangensaft vergiftet. Mit dem Schrecken davon kam 2004 der ukrainische Reformpolitiker . Nach einem Essen mit Vertretern des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes verschlechterte sich sein Zustand rapide: Er litt unter Unterleibs- und Rückenschmerzen, gelähmten Gesichtsmuskeln und ... ... Erbrechen. Dazu gesellten sich eine Chlorakne, die sein Gesicht entstellte. Später zeigte sich, dass ihm verabreicht worden war, das als das gefährlichste aller Dioxine gilt und unter anderem im «Agent Orange» vorkommt, jener Chemikalie, die das US-Militär im Vietnamkrieg zur Entlaubung des Dschungels einsetzte. (Im Bild: Agent-Orange-Einsatz über dem Mekong-Delta, 1969) Nicht immer ist klar, welches Gift eingesetzt wurde. So wie bei , der 2004 in St. Petersburg ermordet wurde. Fest steht nur: Der ehemalige Leibwächter der Putin-Familie starb nach drei Wochen Krankheit an einer starken Verstrahlung am Rückenmark, wie die Autopsie ergab. «Es war, als ob das Immunsystem einfach ausgeschaltet worden wäre», sagte Zepows behandelnder Arzt. Die schwammigen Diagnosen: Motiv soll eine Abrechnung der Petersburger Unterwelt gewesen sein, als deren Pate Zepow galt. 2004 starb Palästinenserführer – woran, ist nach wie vor nicht geklärt. Da seine Witwe damals eine Obduktion ablehnte, blieb die Todesursache im Dunkeln. Zwar scheint der Verdacht, er könne mit Polonium radioaktiv vergiftet worden sein, inzwischen weitgehend ausgeräumt, ... ... die Ermittlungen, an denen auch Experten des Unispitals Lausanne beteiligt waren, geben aber Anlass zu Spekulationen, dass Krankheit und Alter nicht der Grund waren. Die Palästinenser verdächtigen Israel seit Jahren, Arafat ermordet zu haben. Das weist Israel aber zurück. (Im Bild: das Grab Arafats) 2006 starb MI6-Mitarbeiter und Putin-Kritiker an den Folgen einer Vergiftung, die nach heutigem Kenntnisstand Wladimir Putin «wahrscheinlich gebilligt» hat, wie es im Abschlussbericht der Untersuchungen heisst. Litwinenko starb qualvoll an einer Vergiftung mit . Während der letzten drei Wochen seines Lebens litt er zunächst an Durchfällen, Übelkeit und Erbrechen. Später fielen ihm die Haare aus und sein Immunsystem brach zusammen. Das Gift wurde ihm wohl mit einer Tasse Tee verabreicht.

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Im Fall des Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Yulia konzentrieren sich die Ermittler offenbar auf das Auto des 66-Jährigen. Das Nervengift sei auf den Türgriff seines roten BMW verteilt worden, zitiert die «Daily Mail» anonyme Quellen aus Regierungskreisen.

Eine weitere Theorie geht davon aus, dass das Gift über die Lüftung ins Innere des Wagens gelangte oder dass der oder die Täter in das Fahrzeug einbrachen und den Kampfstoff dort verteilten. «Wenn das Auto benutzt wurde, würde das erklären, warum sowohl Skripal als auch seine Tochter eine Giftdosis abbekommen haben», sagte der Ex-Geheimdienstler Philip Ingram der «Daily Mail». Das Nervengift benötige Stunden, um seine Wirkung zu entfalten.

Wo waren Vater und Tochter unterwegs?

Den Ermittlern zufolge fehlen im Bewegungsprofil von Vater und Tochter im Auto 40 Minuten. Die Polizei bittet mögliche Zeugen, sich zu melden, wenn sie gesehen haben, wo die beiden am 4. März vor 13.40 Uhr mit dem BMW 3er mit dem Kennzeichen HD09 WAO unterwegs waren. Was sie in dieser Zeit taten und ob sie jemanden trafen, ist den Beamten zufolge offen. Am späten Mittag stellte Skripal den Wagen auf einem Supermarkt-Parkplatz ab. Seine Wohnung ist nur zehn Fahrminuten von dem Parkplatz entfernt – was die Frage aufwirft, was Vater und Tochter in der übrigen Zeit gemacht haben.

Die Ermittler würden rund um die Uhr arbeiten, sagte Neil Basu von Scotland Yard und dämpfte gleichzeitig die Erwartungen: Die Untersuchung der Frage, wie genau das Gift aus der Nowitschok-Serie verteilt wurde, werde viele Wochen in Anspruch nehmen.

Yulia kam einen Tag vorher an

Bisher hat die Polizei knapp 400 Hinweise erhalten und ist dabei, zig Stunden Material von Überwachungskameras auszuwerten. Den Ermittlungen zufolge war Skripals Tochter erst am Vortag aus Russland angereist und am Heathrow Airport gelandet. Während Skripal selbst britischer Staatsbürger sei, besitze Yulia die russische Staatsbürgerschaft.

Seit Tagen stiefeln Ermittler in Schutzanzügen durch die kleine Stadt. Der Parkplatz, ein Park, das Restaurant und der Pub, in dem die Skripals verkehrten, ein Autoverwertungshof, ein Dorf nahe Salisbury und weitere Schauplätze wurden abgesperrt.

Im Zusammenhang mit der Giftattacke wurden 38 Menschen medizinisch untersucht, sagte Basu. Aber nur die Skripals und der Polizist Nick Bailey, der als Erster am Tatort war, befinden sich noch im Spital. Analysiert wurde das Gift übrigens von Experten des Wissenschafts- und Technologielabors des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down. In dem Forschungszentrum für Chemie- und Biowaffen, das nicht weit von Salisbury entfernt ist, werden mehrere Fahrzeuge auf eine Verseuchung mit dem Gift untersucht, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

(mlr)