Letzte Ruhe gestört

06. Dezember 2012 14:52; Akt: 06.12.2012 17:59 Print

Chinesisches Grab blockiert Grossbaustelle

Bis im nächsten April sollen hier zwei neue Hochhäuser stehen. Doch ein Verstorbener könnte die Pläne durchkreuzen. Beziehungsweise seine Nachkommen.

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In der chinesischen Stadt Taiyuan ist ein grösseres Bauprojekt blockiert. Zwei Hochhäuser sollten hier erstellt werden, doch diese Grabstelle stoppt den Bau des einen Gebäudes. Der Bau des zweiten Hochhauses (im Hintergrund) ist derweil schon weit fortgeschritten. Rundum wurde die Erde bereits abgetragen. Der Grabstein steht nun auf einem rund 10 Meter hohen Hügel. Der Bauherr hat den Nachkommen des Verstorbenen einen Betrag von umgerechnet rund 150000 Franken angeboten. Doch so einfach läuft das in China nicht, wo der Ahnenvereherung einen derart wichtigen Stellenwert einnimmt. Denn die Chinesen verstehen den Tod als eine Art Schlaf, aus dem der Verstorbene wieder aufwachen kann. Die Nachkommen des Verstorbenen wollen ein glücksbringendes Datum abwarten, um das Grab zu verlegen. Oder vielleicht spekulieren sie auch auf eine höhere Entschädigung. Dieses Haus war ein echter Hingucker. Es stand auf einer neu gebauten Autobahn, die in die Stadt Wenling führt. Eine Wohnung gehörte Rentner Luo Baogen und seiner Gattin. Erst hatten die beiden sich geweigert, ihr Haus zu verlassen: Die Kompensation reiche nicht aus, befanden die Senioren. Luo Baogen und seine Aussicht: Während das Haus früher umgehend geräumt worden wäre, werde heute Privateigentum mehr geachtet, sagte er. Doch dann kamen die Bagger doch noch. Nachdem sich die Besitzer einer Wohnung erst geweigert hatten, ihre Bleibe zu verlassen, stiegen sie nun doch auf ein Kompensations-Angebot der Behörden ein. Diese boten dem chinesischen Ehepaar umgerechnet 38'000 Franken. Jeder hat seinen Preis. Vielleicht hat sich das Autobahn-Ehepaar ja diese Hausbesitzerin zum Vorbild genommen. Im März 2007 weigerte sich eine Dame namens ... .... Wu Ping ihr Haus zu verlassen, obwohl ein Gericht die Räumung angeordnet hatte. Drei Jahre lang hielt die Chinesin durch, ... ... doch 2010 wurde ihr Heim in Chongqing schliesslich abgerissen.

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Die letzte Ruhe eines Chinesen in der Stadt Taiyuan wird zurzeit empfindlich gestört. An der Stelle des Grabes sollen zwei Hochhäuser entstehen. Die Bauarbeiten sind bereits weit fortgeschritten, eines der beiden neuen Hochhäuser ragt schon ziemlich in die Höhe. Und auch das zweite könnte hochgezogen werden, wenn da nicht dieses Grab wäre. Dieses steht mittlerweile auf einem rund zehn Meter hohen Hügel, die Erde rundherum wurde bereits abgetragen. So berichtete heute die News-Site German.China.org.

Je nach Quelle soll die Bauherrschaft den Nachkommen zwischen umgerechnet 100'000 bis 150'000 Franken als Entschädigung angeboten haben. Doch diese haben vorerst abgelehnt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters wollen sie erst mal ein glücksbringendes Datum abwarten, um das Grab zu versetzen.

Der Tod ist nur ein tiefer Schlaf

Dazu muss man wissen, dass die Ahnenverehrung ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kultur ist. So wird der Tod hier als spezieller Schlaf angesehen, aus dem ein Verstorbener jederzeit wieder aufwachen kann. Es lohnt sich also, dessen Ruhe nicht zu stören und seine Seele gütig zu stimmen. Dazu gehört auch die Grabpflege. Denn das Grab enthält nicht nur die sterblichen Überreste eines Menschen, sondern auch dessen Würde. Und nicht zuletzt gehört eine Grabstätte in China nicht dem Staat, sondern den nächsten Nachfahren des Verstorbenen.

Ein Grab zu versetzen, ist im Reich der Mitte also eine besonders delikate Angelegenheit. Trotzdem sorgte die Verlegung oder gar Zerstörung von Friedhöfen in den letzten Wochen regelmässig für Schlagzeilen. Rund 450 Kilometer südlich von Taiyuan wurden Millionen von Gräbern zerstört. Laut dem Newsportal Worldcrunch.com wollen die Behörden den Boden landwirtschaftlich nutzen.

Wie die Geschichte um das Grab auf der Baustelle von Taiyuan weitergeht, ist zurzeit noch offen. Es ist aber damit zu rechnen, dass ihm dasselbe Schicksal droht wie den sogenannten Nagelhäusern – den Privatgebäuden, die einem grösseren Bauprojekt im Weg stehen. Mit anderen Worten: Die Bauherren werden sich wohl durchsetzen und das Grab – im besten Fall – verlegen.

(kmo)