Horror in Nordkorea

29. März 2012 15:18; Akt: 30.03.2012 09:33 Print

Die Flucht aus Lager 14

Shin Dong-hyuk wurde in ein Straflager hineingeboren und sollte dort auch sterben. Mit 23 gelang dem Nordkoreaner die Flucht. An dem, was er als Kind sah und selbst tat, trägt er bis heute.

Shin In Geun spricht über seine Flucht aus dem «härtesten Straflager» Nordkoreas. (Video: Youtube/Moseslakebob)
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200 000 Häftlinge fristen in Nordkorea ein elendes Dasein in Straflagern. Shin Dong-hyuk war einer von ihnen und hatte ein besonders hartes Los gezogen: Er wurde bereits in Gefangenschaft geboren und wusste nichts von einem Leben ausserhalb. Sein Zuhause war das berüchtigte Lager 14, wo das nordkoreanische Regime seine politischen Häftlinge interniert. Die Trostlosigkeit und Brutalität in diesem über 1000 Quadratkilometern grossen Gefängnis waren seine Normalität.

Shin war aus einer sogenannten «Belohnungsehe» hervorgegangen. Sein Vater hatte sich in einem Lagerbetrieb als geschickter Handwerker hervorgetan und bekam als Belohnung eine Frau zugewiesen. Sexuelle Kontakte ausserhalb solch arrangierter Partnerschaften waren unter Todesstrafe verboten. Ebenfalls untersagt waren Versammlungen von mehr als zwei Häftlingen. Einzige Ausnahme bildeten Hinrichtungen, die alle anschauen mussten. Warum das Regime seine Eltern interniert hatte, fragte er nie. Später erfuhr er, dass sein Onkel während des Koreakriegs in den Süden geflüchtet war.

Todesstrafe für Sex und Fluchtversuch

Jede Mahlzeit in Lager 14, einem hermetisch abgeriegelten Mikrokosmos mit eigenen landwirtschaftlichen Betrieben, Minen, Fabriken und Schulen, war identisch: Maisbrei und Kohl. Shin hatte immer Hunger. Das Mittagessen, das seine Mutter für ihn morgens zubereitete, verschlang er augenblicklich, wenn sie das Haus verliess. Er ass auch ihre Ration. Wenn Sie mittags nach Hause kam und nichts zu essen vorfand, schlug sie ihn mit einer Schaufel. Er ass Ratten, Frösche, Schlangen und Insekten – seine einzige Proteinquelle. Wer Essen stahl, wurde hart bestraft. Einmal filzte sein Lehrer die Klasse und fand bei einem Mädchen fünf Maiskörner. Er schlug sie vor ihren Augen mit einem Stock zu Tode.

Bis heute gilt Shin als der einzige in Gefangenschaft geborene Häftling, dem die Flucht aus dieser Hölle gelang. Seine erschütternde Lebensgeschichte wird nun in einem Buch (siehe Box rechts oben) veröffentlicht. Noch heute kennt er alle Lagerregeln auswendig. In seiner Kindheit stellte er sie nicht in Frage. Der Aufforderung, Schulkameraden und Familienmitglieder auszuspionieren, kam er instinktiv nach. Eines Tages hörte er seine Mutter und seinen Bruder über Flucht sprechen und verriet die beiden an einen Wärter. Der meldete es seinem Vorgesetzten und behauptete, den Fluchtplan selbst aufgedeckt zu haben.

Shin wurde mit Verdacht auf Komplizenschaft verhaftet und auf grausamste Weise gefoltert. Er überlebte nur dank eines Greises, der ihn liebevoll pflegte. Später wurde er gezwungen, zusammen mit seinem Vater der Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders aus der ersten Reihe beizuwohnen. In seiner Optik verdienten sie den Tod.

Geschichten aus dem Schlaraffenland

Mit zwanzig Jahren machte Shin Bekanntschaft mit dem Mann, der sein Leben radikal verändern sollte. Er wurde einem neuen Häftling als «Mentor» zugewiesen, was bedeutete, dass er sein Vertrauen gewinnen und ihn dann ausspionieren sollte. Park Yong Chul war ein gepflegt auftretender Mann Mitte Vierzig. Wie sich bald herausstellte, entstammte er der nordkoranischen Elite, hatte in der DDR und der Sowjetunion studiert und viel Zeit im Ausland verbracht. Er erklärte Shin, was Geld ist, Fernsehen, Computer und Mobiltelefone – und dass die Welt rund ist. Das meiste davon verstand Shin nicht oder hielt es für unwichtig. Nicht satt hören konnte er sich hingegen an Parks Erzählungen über Essen: Er beschrieb, wie er in China, Deutschland, England und Russland Poulet, Schweine- und Rindfleisch gegessen hatte.

Im Dezember 2004 begann Shin erstmals über Flucht nachzudenken. Parks aufwieglerische Erzählungen liessen ihn zum ersten Mal von einer anderen Zukunft träumen. Und erstmals verstand er, wo er war und was ihm fehlte. Lager 14 war nicht mehr sein Zuhause. Park wusste, wo es zur chinesischen Grenze ging. Manchmal überkamen Shin Zweifel: Was, wenn nicht er der Spion war, sondern Park? Was mit ihm passieren würde, wenn Park seine Fluchtabsichten verriet, wusste er aus eigener Erfahrung. Doch seine freudige Erwartung übertrumpfte jegliche Ängste. Er stahl warme Kleider von einem anderen Häftling und während einem Arbeitseinsatz in der Nähe des Zauns schlichen sich Park und Shin davon.

Tod am Grenzzaun

Als sie den Zaun erreichten, überkamen Park Zweifel. Im Wissen, dass eine solche Chance vielleicht erst in Monaten oder Jahren wiederkommen würde, griff ihn Shin bei der Hand und rannte los. Er strauchelte und sah, wie sich Park am Stacheldraht zu schaffen machte. Er sah Funken sprühen und roch verbranntes Fleisch. Noch bevor er wieder auf den Beinen war, hatte Park aufgehört, sich zu bewegen. Ohne zu überlegen benutzte er dessen leblosen Körper als Isoliermatte und kroch durch den unter Hochspannung stehenden Zaun. Er war beinahe duch, als er abrutschte und sich schwere Verbrennungen an den Beinen zuzog. Doch er hatte es geschafft. Da erinnerte er sich, dass Park ihm nicht gesagt hatte, in welcher Richtung China lag.

Zunächst brach er in ein Bauerhaus ein und stahl eine Armee-Uniform. So unterschied er sich nicht mehr von unzähligen unterernährten und schlecht gekleideten nordkoreanischen Soldaten. Er übernachtete in Schweineställen, Heuhaufen und Güterzügen und ass alles, was er finden konnte. Er stahl und tauschte seine Beute auf dem Schwarzmarkt. Trotz Hunger, Kälte und Beinschmerzen war er zuversichtlich. Er fühlte sich wie ein Ausserirdischer, der auf die Erde gefallen war. Mit Keksen und Zigaretten bestach er ausgehungerte Grenzsoldaten und erreichte schliesslich über den zugefrorenen Grenzfluss Yalu chinesischen Boden. Von dort gelangte er nach Südkorea. Inzwischen lebt er in Kalifornien.

Das Leben mit der Lüge

Nicht alle neuen Empfindungen in der Freiheit waren angenehm. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand Shin Scham und Reue: «Ich war loyaler gegenüber den Wärtern als meiner Familie», sagt er. Aus Angst vor negativen Reaktionen log er zu Beginn, nicht er hätte seine Mutter und seinen Bruder verraten. «Die Menschen haben eine falsche Vorstellung des Lagers. Nicht nur die Wärter quälen die Häftlinge sondern auch die Häftlinge untereinander. Ich bin einer dieser gemeinen Häftlinge», sagt Shin. Doch er ist überzeugt, dass er sein Leben rehabilitieren kann: Er muss der Aussenwelt begreiflich machen, was das nordkoreanische Regime Kindern antut, die innerhalb des Zauns geboren werden.

(kri)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Wie wollen die Menschen aufbegehren, wenn sie nicht mal wissen, dass es was anderes gibt? – GAFRE

Ist total eindrücklich, wie fest der Mensch auch das Produkt seiner Umwelt ist. – Umwelt

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tobi R. am 30.03.2012 06:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die wirklichen Probleme...

    Zuerst die Artikel von den SBB gelesen - jetzt dieser. Denke das gejamere um Sitzplätze verliert Angesichts dieser Schicksale an Bedeutungslosigkeit. Und Nordkorea ist nicht das einzige Land, welches solche Systeme kennt. Man fühlt sich Machtlos, würde gerne den Menschen in solch schrecklichen Lagern helfen... Nur wie? Die Stimme erheben dürfte die einzige Möglichkeit darstellen. Und das kann jede/r!

  • Sgreubi am 30.03.2012 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Glück

    Wenn man diesen Bericht liest weiss man wieder einmal mehr wie gut es das Schicksal mit uns in der Schweiz Geborenen gemeint hat, ich bin sehr froh und Dankbar darum.

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  • Olav Rhensius am 30.03.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Feriendestination?

    Vielleicht müsste man auch mal fragen wieso gewisse schweizer Politiker (nein, nicht von der netten Linken) dorthin in die Wanderferien fahren...

Die neusten Leser-Kommentare

  • christian am 30.03.2012 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    wegen 5 maiskörnern?

    also ich hab mir das buch gekauft und bins nun am lesen. schon krass... da wird eine 6 jährige vom lehrer wegen diebstahls von 5 maiskörnern zu tode geschlagen vor der ganzen klasse. den kindern wird dann eingetrichtert dass sie es verdient hat und niemand sieht somit den lehrer als bösen an, sondern das kleine mädchen. echt brutal...

  • Olav Rhensius am 30.03.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Feriendestination?

    Vielleicht müsste man auch mal fragen wieso gewisse schweizer Politiker (nein, nicht von der netten Linken) dorthin in die Wanderferien fahren...

  • Sgreubi am 30.03.2012 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Glück

    Wenn man diesen Bericht liest weiss man wieder einmal mehr wie gut es das Schicksal mit uns in der Schweiz Geborenen gemeint hat, ich bin sehr froh und Dankbar darum.

    • Georg am 31.03.2012 10:23 Report Diesen Beitrag melden

      Freiheit durch Geburt?

      Freiheit war niemals gratis, auch für die unsere ist Blut geflossen - nur erinnert sich heute kaum mehr einer daran.

    • Hasennase am 02.04.2012 07:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @georg bitte sagen sie mir...

      Dass sie das nicht ernst meinen?! Sie, wie auch ich, wurden in die freiheit hineingeboren!!! Was früher war, ob blut geflossen ist, sei dahingestellt. Wir leben jetzt!!!

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  • rumpelstilzli am 30.03.2012 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    kämpfen!

    und wir regen uns darüber auf, wenn wir einen ausgebildeten wanderführer für unsichere gebiete brauchen. was gibt es für möglichkeiten, gegen solche zustände in nordkorea (und anderen ländern) anzukämpfen?

    • Politiker am 31.03.2012 10:59 Report Diesen Beitrag melden

      Nein, kämpfen lassen!

      Keine - es gibt Dinge, die nur diejenigen Menschen ändern können, die dort wohnen. So traurig es ist, aber schau Dir mal die Geschichte an: Sie ist voll von Gesellschaften, die sich irgendwann für sich selber wehren mussten und dadurch eine Besserung für sich selber erreichten. Wir müssen anderen Völkern Zeit geben, sich zu entwickeln und können ihnen nicht aufzwingen, was wir für richtig erachten. Auch mir tun solche Geschichten weh, aber es geht nicht, dass wir immer Amerika darum bitten, in solchen Ländern "aufzuräumen". Es gibt sowas wie eine staatliche Unabhängigkeit.

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  • Josha Kuhn am 30.03.2012 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Grundsatzfrage

    Eine gan ehrliche Frage: Wer liest diesen Arikel, macht sich Gedanken wie schlimm es ist um noch im selben Satz zur Meinung zu kommen, nichts dagegen unternehmen zu können??? Es ist tragisch, das wir nicht mal selbst den Mut haben, dorthin zu gehen und für das Recht zu sehen. Stattdessen schieben wir die Schuld auf andere ab um nicht als Schuldige dazustehen!!... WO BLEIBT UNSERE MENSCHLICHKEIT, MIT DER WIR IMMER SO ANGEBEN IN DER SCHWEIZ???

    • Tommy am 30.03.2012 13:46 Report Diesen Beitrag melden

      Was tun?

      Was sollen wir den deiner Meinung nach tun? Mit unseren 80'000 unmotivierten Milizsoldaten die eine Million Nordkoreaner angreifen? Und das am anderen Ende der Welt? Und wieso sollen wir jetzt wieder daran schuld sein? Egal wie sehr man darauf steht, dem Westen für alles die Schuld zu geben. Bei NK kann man das einfach nicht behaupten! Wir beuten die ja nicht aus! Wir treiben so gut wie gar keinen Handel mit denen! Wir kaufen ihnen nichts ab, wo wir sie irgendwie übers Ohr hauen könnten! Wir haben damit gar nichts zu tun! Aber geh du nur nach NK wenn du es schnell ändern willst! Bin gespannt!

    • Realist am 30.03.2012 18:41 Report Diesen Beitrag melden

      Das kann man tun

      Warten! Warten und zusehen. Das System wir bald zusammenbrechen. Die jetzige Führung ist völlig überalter (Kim hat ja wohl nicht viel zu sagen). Wenn man militärisch eingreift hat man nur ein neues Afghanistan, Irak, Libyen oder sonnst was. Kaputt geht's auf jeden Fall aber wenn die Nato oder USA reingehen dann sind sie Schuld. Wenn es intern kaputt geht können sich die Nordkoreaner gemeinsam auf den Wiederaufbau einigen uns da soll der Westen helfen. Nicht vorher. Und auch dann nur helfen und nicht die Hilfe aufdrängen.

    • Tobi am 31.03.2012 20:59 Report Diesen Beitrag melden

      @John Kuhn

      Wie "Realist" schon sagte. Ich glaube auch das warten das einzige ist dass man tun kann. Wir haben nun mal nicht die Macht uns überall einzumischen. Die Leute müssen sich aus eigener Hand befreien, so hart es auch tönt.

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