Krise in Venezuela

11. Dezember 2016 08:33; Akt: 11.12.2016 08:33 Print

Die Verzweiflung macht Fischer zu Piraten

von H. Dreier, AP - Venezuela leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise. An der Küste macht sich ein Phänomen breit, das sonst aus Afrika bekannt ist: Piraterie.

Bildstrecke im Grossformat »
Mitten in der Nacht geht die venezolanische Familie Marval aus Punta de Araya auf Fischfang. Weil die Wirtschaft am Boden liegt, verlegen sich immer mehr ehemalige Fischer in der Gegend auf die Piraterie. Die Mitglieder der Marval-Familie wurden bereits Opfer der Piraten. Der Fischer mit dem Spitznamen «El Chukiti» nimmt daher stets eine selbstgebaute Waffe mit. Die Männer der Familie Marval haben eine Selbstverteidigungsgruppe gebildet. Nachts patrouillieren sie durch die Strassen ihrer Wohngegend. Dutzende Fischer kamen bereits ums Leben. Hier trauern im November 2016 Angehörige von neun Toten. Sie sollen von Beamten in den Kopf geschossen worden sein, weil diese sie für Mitglieder einer Gang hielten. Mariela Cabello (r.) trauert um ihren Bruder, einen der Toten. Die Gefängnisse in Venezuela sind überfüllt. In dieser Sammelzelle im Polizeigebäude in Cumana im Küstenstaat Sucre warten Verdächtige auf ihren Prozess. Diese Frauen von verhafteten Verdächtigen werfen den Polizisten vor, die falschen Männer mitgenommen zu haben. Einige Kinder der Familie Marval werden nicht mehr in die Schule geschickt – aus Angst vor Gangs in der Nachbarschaft. Victor Duran (75) aus der Familie Marval ist pensionierter Fischer. Seine Kinder und Enkel führen die Tradition fort, müssen sich jedoch gegen Piraten verteidigen. Bevor es früh morgens gegen zwei Uhr auf See geht, ruhen sich die Fischer der Familie Marval aus. Ein anderes Boot zieht das Boot der Familie Marval auf das Meer hinaus. Jede Nacht riskieren die Männer, ausgeraubt und getötet zu werden. Jorge Marval hält unter einer Plastikplane auf seinem Boot ein Nickerchen. Er hat die ganze Nacht Fische gefangen. Nach der anstrengenden Nacht ziehen die Marval-Männer das Boot an Land. Nachdem sie ihren Fang verkauft haben, ruhen sie sich aus. Kinder lernen früh: Sie spielen auf dem Fischerboot «Piraten». Ein Polizist präsentiert die beschlagnahmte Beute von Piraten. Die haben es mit Vorliebe auf Bootsmotoren abgesehen. Kinder spielen am Strand von Punta de Araya Baseball. Die Armut in der Gegend ist allerorten zu besichtigen. Dieser tote Hund scheint niemanden zu stören. Die sterblichen Überreste der getöteten neun Männer.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Piraten haben Flaco Marvals Bruder und zwei Cousins getötet, und es geht das Gerücht um, dass sie auch hinter ihm her sind. Also greifen er und die anderen Männer in der Familie zu den selbstgebauten Waffen und patrouillieren auf den Strassen des Dorfes. «Wir müssen diese Verbrecher töten, und dann können wir wieder fischen gehen wie früher», sagt er. Aber an der Küste Venezuelas ist nichts mehr wie früher.

Piraten terrorisieren den Küstenstaat Sucre, einst Heimat der viertgrössten Thunfischfangflotte der Welt und einer boomenden Fischereiwirtschaft. Inzwischen ist der Handel zusammengebrochen, wie praktisch jede Branche in Venezuela. Banden von arbeitslosen Fischern machen Jagd auf diejenigen, die sich noch aufs Meer hinaus wagen. Sie stehlen ihren Fang und ihre Motoren, fesseln sie, werfen sie über Bord, und manchmal schiessen sie auf ihre Opfer.

Ölindustrie liegt brach

Solche Überfälle gibt es täglich, Dutzende Fischer kamen dabei ums Leben. «Die Leute können vom Fischfang nicht mehr leben, also setzen sie ihre Boote für den Schmuggel von Benzin oder Drogen und Piraterie ein», sagt der Gewerkschaftsvorsitzende José Antonio García.

Die einst florierende Ölindustrie liegt unter dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro brach. Raffinerien stehen still, und in diesem Monat wurden die Benzinpreise erhöht – im Land mit den grössten Ölreserven der Welt. Im von der Viehwirtschaft geprägten Westen verhungern die Rinder, in den an Bodenschätzen reichen Regionen im Osten wird kein Metall mehr hergestellt, und in der Mitte des Landes stehen Bauern Schlange, um das Getreide zu kaufen, das sie noch selbst anbauen konnten, bevor ihnen der Dünger ausging.

An der Küste beträgt die Ausbeute in diesem Jahr weniger als ein Drittel der 120'000 Tonnen Thunfisch, die Venezuela 2004 produzierte. Im Juni kam es in Sucre zu Unruhen wegen der Lebensmittelknappheit, die sich auf das ganze Land ausbreiteten. Die Familien in Punta de Araya kamen mithilfe der sogenannten Hundesuppe über den Sommer, einem Brei aus Meerwasser und kleinen Fischen, die normalerweise zurück ins Meer geworfen werden.

Schüsse in der Nacht

In der Verzweiflung wird gestohlen, was von besseren Zeiten übrig ist: die Netze, Generatoren und Aussenborder der Fischerboote. Das erlebte auch Familie Marval eines Nachts im September. Erst hörten sie Schüsse, dann kamen die bewaffneten Männer. Sie stahlen den Motor und den Fang und erschossen das älteste Kind von Edecio Marval sowie zwei weitere Menschen. Als sie auch noch Edecios Neffen im Teenageralter töten wollten, protestierte einer der Piraten: «Nein, das ist mein Freund», rief er. Die beiden hatten bis zum vergangenen Jahr gemeinsam gefischt. Die Täter liessen die Gruppe auf dem Meer zurück.

Zu Hause in Punta de Araya meldeten die Marvals den Vorfall, und sie hatten auch den Anführer der Bande erkannt: den 19 Jahre alten El Beta, der 40 Männer unter seinem Kommando hat und nur wenige hundert Meter die Strasse hinunter wohnt. El Beta begann, Flaco Marval zu bedrohen und kündigte an, er werde die gesamte Familie auslöschen.

Die Marvals zogen sich zurück. Wie ihre Nachbarn gingen auch sie nicht mehr ins Spital, weil es im Gebiet von El Beta liegt. Sie schickten ihre Kinder nicht mehr zur Schule und patrouillierten nachts auf den Strassen.

Letzter Ausweg Piraterie

Sucre ging es einmal besser. Doch 2010 verstaatlichte die Regierung den grössten Fischereibetrieb der Region, Pescalba – mit katastrophalen Folgen. Mehr als die Hälfte der Flotte liegt inzwischen nutzlos in den Docks, Rost hat Löcher in die Seiten und Decks der Schiffe gefressen.

So sehen manche den letzten Ausweg in der Piraterie. «Man hört von Piraten und denkt an Männer, die in Afrika Frachtschiffe ausrauben», sagt der Anwalt Luis Morales. «Aber hier rauben nur arme Fischer andere arme Fischer aus.»

In Punta de Araya ist El Beta noch auf freiem Fuss. Die Marvals bekommen immer wieder Warnungen, dass er einen Überfall plane. Sie sind vorbereitet und haben ihre Waffen griffbereit.