NRA für einmal still

17. Dezember 2012 11:42; Akt: 17.12.2012 20:57 Print

Die Waffenlobby schweigt nach dem Massaker

Die National Rifle Association, die mächtigste Wafffenlobby der USA, schweigt seit dem Amoklauf in Newtown. Die Facebook-Seite ist deaktiviert, getwittert wird nicht mehr. Eine clevere Strategie.

Hollywood-Schauspieler Charlton Heston führte die NRA von 1998 bis 2003 als Präsident und Sprecher an. Nach dem Massaker von Littleton versuchte der Dokumentarfilmer Michael Moore, Heston 2002 zur Waffenkultur der USA zu befragen.
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Drei Tage nach dem schrecklichen Schulmassaker von Newtown, Connecticut, melden sich lauthals Interessengruppen zu Wort, um den freien Waffenbesitz zu verteidigen. Martialisch vorgetragene Rachegelüste gegen den Amokschützen Adam Lanza inklusive.

«Ich wünschte mir um Gottes Willen, dass die Rektorin der Sandy-Hook-Primarschule einen M4-Karabiner (ein sehr effektives Sturmgewehr, Anm. d. Red.) in ihrem Büro gehabt hätte», ereiferte sich am Sonntag der texanische Kongressabgeordnete Louis Gohmert während einer Fernsehdebatte auf dem konservativen Fox-Kanal. «Dann hätte sie, als sie die Schüsse hörte, die Waffe ziehen und den Schützen erledigen, ihm den Kopf wegpusten können, bevor er all diese kleinen Kinder hätte töten können.»

Doch während sich am Wochenende Befürworter und Gegner des unlimitierten Waffenbesitzes stritten, hielt sich eine der grössten und einflussreichsten Waffenlobbys des Landes auffallend zurück: die Nationale Schusswaffenvereinigung, National Rifle Association (NRA).

Dabei hatte die Organisation, die sich selbst als «älteste Bürgerrechtsorganisation der Vereinigten Staaten» bezeichnet und nach eigenen Angaben 4,3 Millionen Personen und 10’700 Vereinigungen als Mitglieder hat, noch am Vortag des Massakers von Connecticut via Twitter stolz herausposaunt: «Unsere Facebook-Seite hat seit heute 1,7 Millionen Likes!»

20 tote Kinder bringen NRA zum Schweigen

Das Schweigen der Waffenfreaks ist umso auffälliger, als dass die NRA nach ähnlichen Zwischenfällen sofort in eine aggressive Verteidigungshaltung gefallen war. Der Waffenbesitz trage zweifellos zur erhöhten Sicherheit bei, insistierte NRA-Präsident David Keene nach tödlichen Zwischenfällen wie etwa dem Kinomassaker in Aurora, Colorado.

Dieses Mal aber ist alles anders. Zwanzig tote Kinder, keines älter als acht Jahre, zwingen selbst die hartgesottensten NRA-Mitglieder für einmal, auf allen medialen Kanälen den Mund zu halten. Die NRA-Facebook-Seite wurde am Freitag deaktiviert, die ansonsten regen Twittereinträge fehlen. Medienanfragen werden mit «Kein Kommentar, bis es genauere Ermittlungsresultate gibt» abgespiesen, Einladungen in Talkshows mit der gleichen Begründung ausgeschlagen.

Waffengegner wollen Momentum für sich nutzen

Es ist eine clevere Strategie, die darauf abzielt, Zeit zu gewinnen und Emotionen, die sich derzeit nur zu leicht gegen die NRA wenden können, auszusitzen. Derweil versuchen die Gegner des freien Waffenbesitzes in Washington, dieses Momentum für sich zu nutzen. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein erklärte, sie wolle in der neuen Legislatur umgehend einen Antrag auf ein Verbot von Sturmgewehren einbringen und im Senat die Waffenkultur des Landes debattieren.

Feinstein weiss, wie sie das Thema für sich nutzen kann. Immerhin war die Senatorin aus Kalifornien eine der Initiantinnen des bundesweiten Verbotes von Sturmgewehren. Dieses war 1994 in Kraft getreten und 2004 abgelaufen, weil es der Kongress unter der Amtszeit von George W. Bush nicht mehr erneuert hatte.

«Was hat unser striktes Waffengesetz gebracht?»

Ob ein abermaliges bundesweites Verbot von Sturmgewehren durchgesetzt werden kann, bleibt fraglich. Im vom Amoklauf erschütterten Städtchen Newtown selbst gehen die Meinungen über schärfere Waffengesetze auseinander. «Kranke Personen kann man nicht davon abhalten, kranke Sachen zu machen. Connecticut hat eines der striktesten Waffengesetze Amerikas - und hat es etwas geholfen?», sagt etwa Eugene Casvant auf Spiegel.de.

In das gleiche Horn stossen in Washington viele republikanische Abgeordnete: Schärfere Gesetze bringen nichts, so ihre Meinung, vielmehr müsse verhindert werden, dass Geisteskranke in den Besitz von Waffen kämen. Für sie steht nicht die Waffengesetzgebung, sondern die Verbesserung etwa der FBI-Datenbank im Vordergrund, damit Personen, die Waffen kaufen wollen, künftig besser durchleuchtet werden können.

(gux)