Proteste in Hongkong

30. September 2014 07:46; Akt: 30.09.2014 17:19 Print

Die höflichsten Demonstranten der Welt

von Roman Neumann, Hongkong - In Hongkong demonstrieren Zehntausende zivilisiert und durchorganisiert. Die Bürger haben etwas entdeckt, was sie nicht kannten – und kaum erklären können.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

In diesen tiefen Häuserschluchten, wo oben die Reichen hinter verspiegelten Scheiben sitzen und unten das Volk verdrossen seines Weges geht, wo sich niemand grüsst, sich niemand in die Augen schaut – in dieser Stadt macht sich plötzlich ein Gefühl breit, das niemand richtig erklären kann. Ein Gemeinschaftsgefühl, ein Ziehen am selben Strick, als hätten diese braven Bürger nie anders gelebt.

Calvin, ein zappeliger 21-Jähriger steht bei einem Lebensmittel-Lager, verteilt Gaben an die Demonstranten und versucht, zu erklären. Er ringt nach Worten, haspelt schliesslich: «Für unsere Stadt ist das einfach nicht normal, das ist unfassbar, sieh dich doch mal um.» Dann sagt er doch noch: «Jeder will das System vorwärtsbringen, deshalb rücken wir zusammen und jeder hilft, wo er kann.» Timothy, sein 26-jähriger Mitstreiter, nickt. «Wir sind plötzlich zu einer Familie geworden, aber ich weiss nicht, woher das kommt.»

Und diese neue Familie strömt auch am Montag wieder aus allen Löchern ins Herz von Hongkong. Mitten in den Finanzdistrikt, zum Regierungssitz. Tausende, ach was, Zehntausende Menschen – alle mit demselben Ziel: Hingehen, aufstehen, dagegenstemmen. Gegen den da oben, diese aus Peking gesteuerte Marionette: Regierungschef Leung Chun Ying.

Zwei Männer tragen ihn durch die Menge, das Konterfei des Teufels. Wohin sich sein feixendes Gesicht wendet, brandet Wut auf. Die Menge schimpft: Zurücktreten soll er, oder sich zumindest den Fragen und Forderungen der Studenten stellen. Alles – nur nicht schweigen. Als der Zorn verebbt, stimmen drei junge Frauen aus dünner Kehle ein Lied an. Es ist ein Lied des Friedens, die Bürger lernen es in der Schule, weitere stimmen ein, wie ein Flächenbrand breitet es sich aus und schliesslich singen es diese erstaunlichen Widerspenstigen aus voller Brust.

Waberten am Sonntag an der gleichen Stelle im Herzen Hongkongs noch Tränengas-Schwaden durch die Luft, herrscht am Montag Ruhe. Die Polizei hat sich aus der Zone zurückgezogen, überblickt aus der Ferne, wie die Menge wächst und wächst. Der Verkehr ist längst lahmgelegt, auf den riesigen Highways nur die schiere Masse unterwegs. Sie sind einfach da, sitzen und stehen in Gruppen, stimmen manchmal Sprechchöre an, manchmal Gesang – aber alles in geordneten Bahnen, bestens organisiert.

Zwei Mädchen laufen mit Abfallsäcken durch die Menge, holen Müll bei den Grüppchen ab, sammeln Flaschen vom Boden auf. Man soll ihnen bloss nicht nachsagen können, sie hätten die Stadt verschmutzt. Wo Strassen gesperrt sind, hängen Schilder: «Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten, aber wir kämpfen gerade für Demokratie.»

Die Menge verhält sich in stiller Übereinkunft so, wie es sich aus ihrer Sicht gehört: Zigaretten? Die werden abseits geraucht, ausser Sichtweite, während einer Pause. Demonstrieren ist eine ernsthafte Aufgabe, da ziemt es sich nicht. Alkohol? Hat in diesen Tagen und an diesem Ort keinen Platz. Blinde Aggression, Pöbeleien? Weit gefehlt. Wer sich in der Masse aus Versehen anrempelt, entschuldigt sich höflich.

Der Polizei keinen Grund liefern

Cheung Yeuk Man, eine 19-jährige Studentin, strahlt eine Abgeklärtheit aus, als hätte sie das Leben bereits gelebt. Ihre Erklärung für die übereinstimmende Gewaltlosigkeit, das Fehlen jeglicher Chaoten, Pflastersteine oder Molotowcocktails ist so simpel wie clever: «Wir wenden deshalb keine Gewalt an, weil sonst die Polizei einen Grund hätte, uns niederzuschlagen. So aber wenden sie Gewalt gegen friedliche Menschen an.»

In anderen Ländern wäre eine Ansammlung Zehntausender junger Menschen in dieser Friedlichkeit undenkbar. Unruhestifter, etwa junge Männer mit sinnlosem Geltungs- und Zerstörungsdrang, gibt es in Hongkong nicht. Die Starken helfen den Schwachen. Etwa beim Überqueren von Geländern, beim Tragen von Schachteln voller Trinkflaschen, immer eine helfende Hand, wohin das Auge blickt.

«Wir sind Mäuse, sie sind Elefanten»

Zu Bergen türmen sie die Vorräte auf, die Wasserflaschen, Handtücher, Regenschirme, Mundschütze, Kekse, Bananen, Cracker, Brote, Taschentücher, Klarsichtfolien, Schutzbrillen – alles, was nötig ist und dereinst nötig sein könnte, ist vorhanden.

Der Montag endet friedlich, kein Zusammentreffen mit der Polizei, keine Verletzten. Doch dieser Frieden, ein Kontrast zu den vergangenen drei Tagen, ist trügerisch. Studentin Cheung Yeuk erwartet die Polizei bald. Aber gehen will sie nicht. «Erst wenn CY Leung zu uns spricht, wenn er sich den Problemen stellt, erst dann haben wir unser Ziel erreicht.» Doch Calvin warnt: «Wir sind Mäuse, sie sind Elefanten. Wenn sie wollen, zerdrücken sie uns.»

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Max Muster am 30.09.2014 08:05 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich, Phänomenal

    Tiefste Demut empfinde ich, wenn ich dieses Bild von HK vermittelt bekomme. Diese Entschlossenheit und Einheit (dazu vollkommen friedfertig!) sind gewaltig!

  • Kurt G. am 30.09.2014 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wandel

    Wunderbar! Es findet ein positiver Wandel statt in den verschiedensten Ecken der Welt. Die Menschen wollen Frieden und Demokratie, Empathie hält Einkehr.... Ich hoffe für ALLE Lebewesen dieser Erde.

    einklappen einklappen
  • Dirk am 30.09.2014 08:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mein ...

    ... Respekt gilt allen Studenten in HK! Wenn sich ein Volk derart geschlossen und friedlich verhält und Auflehnt, wird es einen Umbruch geben. ... die Elefanten wollen es nur noch nicht wahr haben und klammern sich an jeden Strohhalm.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jerome am 01.10.2014 12:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So

    Wie uns Mahatma Gandhi gelehrt hat.

  • myalea am 01.10.2014 12:05 Report Diesen Beitrag melden

    das macht Hoffnung,

    das wir Menschen doch noch nicht ganz verloren sind...das ein Umdenken stattfindet....toll ich bin guten Mutes.....

  • Rainer B. Thrug am 30.09.2014 22:25 Report Diesen Beitrag melden

    Die sollten lieber arbeiten

    Studenten demonstrieren ja nur um nicht zu arbeiten. Die behindern doch nur die Wirtschaft. Und was soll denn so schlimm an Peking sein? Die bringen Wohlstand und Stabilität und machen das weitaus besser als andere Regionen der Welt. Putin hätte schon längst die Panzer aufgefahren, aber Peking akzeptiert eben die Meinungsäusserung, solange sie nicht die stille Mehrheit Hongkongs allzu lange einschränken. China muss sich nicht vom Westen aufgewiegelten Studenten sagen lassen, was sie zu tun haben.

  • A.M. am 30.09.2014 20:48 Report Diesen Beitrag melden

    Meinung

    Ich finde, man sollte den Vergleich zu Ferguson ziehen. Es geht zwar um unterschiedliche Dinge, doch Übereinstimmungen, wie z.B. die Gewaltbereitschaft der Polizei, existieren. Ich persönlich empfinde nichts als Solidarität für die Grundprinzipien beider Demonstrationen. Warum mussten sie sich doch so stark unterscheiden, obwohl wir es besser wissen sollten ?

  • Kritiker am 30.09.2014 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Wie war das auf dem Maidan nochmals?

    Nach der Logik die ich hier bisher mitbekommen habe sind diese Demonstranten alle von der EU, den USA oder sonstwem bezahlt und ferngesteuert. Ein paar 1000 Studenten repräsentieren zudem nicht Hong Kong und seit ein paar Monaten durch den eiskalten Winter demonstrieren sie auch nicht.Oder ist die Meinung hier etwa dass man in einer Demokratie nicht mehr demonstrieren darf? Die Mehrheit hier hat keine wirkliche Ahnung was in HK oder UKR wirklich abgeht aber eine Meinung nach einem einzigen Bericht hat sie, sehr interessant!