Vom Schatten an die Macht

04. April 2012 22:38; Akt: 04.04.2012 22:38 Print

Ein Muslimbruder will Präsident werden

Er ist Ingenieur, Millionär und streng gläubiger Muslim. Bisher galt Khairat al-Shater als Graue Eminenz der Muslimbrüder. Nun soll er für die Islamisten das ägyptische Präsidentenamt erobern.

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Khairat al-Shater hat gute Chancen, für die Muslimbrüder die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Ägypten zu gewinnen. (Bild: Keystone/AP/Amr Nabil)

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Normalerweise ist die Ankündigung der eigenen Kandidatur ein feierlicher Moment für einen Politiker, der sich um ein hohes Amt bewirbt. Nicht so im Fall Khairat al-Shaters: Er war nicht einmal zugegen, als ihn die Muslimbruderschaft am Sonntag für die ägyptische Präsidentschaftswahl im Mai nominierte und damit ein politisches Erdbeben am Nil auslöste. Stattdessen verlas ihr Vorsitzender Muhammad Badi'e in seinem Namen eine Erklärung, in der sich al-Shater dem Beschluss «beugte». Auf einen öffentlichen Auftritt des 61-Jährigen wartet man seither vergebens. Wer ist Khairat al-Shater, der bald im bevölkerungsreichsten arabischen Land das Sagen haben könnte?

Die Abwesenheit vom Scheinwerferlicht passte zum «Ingenieur», wie al-Shater in Ägypten genannt wird. Der millionenschwere Unternehmer gilt als Nummer zwei der Muslimbrüder und Graue Eminenz, die im Hintergrund diskret die Fäden zieht. Der reservierte Auftakt seines Wahlkampfs mag allerdings auch einem Streit innerhalb der Muslimbruderschaft geschuldet sein. Deren Führung hatte bis zuletzt eine eigene Kandidatur für die Präsidentschaftswahl im Mai ausgeschlossen. In der Öffentlichkeit sollte wohl der Eindruck entstehen, die Gruppe habe sich ihren Wortbruch nicht leicht gemacht und al-Shater praktisch zur Kandidatur zwingen müssen.

Wie reich ist er wirklich?

Die liberale Opposition wies unmittelbar nach der Ankündigung am Sonntag darauf hin, dass al-Shaters verschlossenes Naturell so gar nicht zum Amt des Präsidenten passe. Würde er tatsächlich gewählt, müsste er laut Gesetz sein Vermögen offen legen. Die ägyptische «Ahram Online» zitiert ein Ex-Mitglied der Muslimbrüder, wonach 2007 ein Militärgericht sein Vermögen auf 13 Millionen Dollar bezifferte. Wie reich er wirklich ist und an wie vielen Unternehmen er genau beteiligt ist, weiss vermutlich niemand ausser er selbst. In Ägypten ist er für allem als Textil- und Möbelfabrikant bekannt. Zudem gilt er als Hauptfinancier der Muslimbrüder.

Noch vor nicht allzu langer Zeit lief es für al-Shater nicht so gut. 2006 wurde er während der letzten Repressionswelle des Mubarak-Regimes gegen die Muslimbrüder verhaftet und später wegen angeblicher Waffenschieberei und Geldwäscherei zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Im März 2011 wurde er wenige Tage nach dem Sturz Mubaraks frühzeitig entlassen. Der regierende Militärrat hat die Urteile gegen ihn offenbar aufgehoben oder gedenkt dies noch zu tun, ansonsten dürfte er laut Gesetz gar nicht kandidieren. Beobachter sehen darin einen Beweis, dass es trotz Spannungen zwischen Militärs und Muslimbrüdern eine geheime Verständigung zwischen den beiden Machtzentren gibt.

USA haben kein Problem mit al-Shater

Im westlichen Ausland, wo viele den Aufstieg der Islamisten mit Argwohn verfolgen, ist al-Shater bestens vernetzt. Nach wie vor überrascht er Investoren, welche die Muslimbrüder mit linker Planwirtschaft assozieren, mit seinen neoliberal anmutenden Ansichten: Freie Marktwirtschaft, Privatisierungen, und Auslandinvestitionen sind dem Unternehmer wichtig.

Auch Washington könnte mit al-Shater an der Spitze Ägyptens gut leben. Laut dem US-Magazin «Salon» versprechen die Muslimbrüder zwar Wandel, dürften aber in der Wirtschaftspolitik kaum zu radikalen Korrekturen bereit sein. Gesellschaftlich konservativ-islamisch, wirtschaftlich liberal: Das entspricht in etwa dem Modell der Golfmonarchien, mit denen der Westen beste Beziehungen unterhält.

Wie konservativ al-Shater in gesellschaftlichen Fragen denkt, unterstreicht die Wahlempfehlung der radikal-islamistischen Salafisten, die aus den Parlamentswahlen überraschend als zweitstärkste Kraft hervorgingen. Zusammen mit den Muslimbrüdern stellen sie fast drei Viertel aller Abgeordneten. Sollte al-Shater auch nur annähend alle Wähler aus dem islamistischem Lager für sich gewinnen, ist ihm der Sieg an der Urne so gut wie sicher.

(kri)