Alles verloren

14. Mai 2015 23:58; Akt: 18.05.2015 18:17 Print

Ein Tessiner in den Trümmern Nepals

von Dario Ornaghi - Stefano Mancini betreibt in einem kleinen Ort in Nepal eine Papeterie. Die verheerenden Erdbeben zerstörten sein kleines Lebenswerk. Er sendet einen berührenden Appell in die Schweiz.

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«Erst vor einer halben Stunde gab es wieder einen Erdstoss», erzählt der 54-jährige Stefano Mancini. «Die ohnehin schon stark beschädigten Häuser sind dabei endgültig zusammengebrochen.» Der Tessiner aus Bellinzona lebt bereits seit fünf Jahren in Nepal, im kleinen Ort Sundarijal Patibar, nordöstlich der Hauptstadt Katmandu. Hier betreibt er eine Papeterie und beschäftigt 15 Leute.

Das verheerende Erdbeben vom 25. April, das über 8000 Tote forderte, sowie das erneut tödlich Nachbeben vom Dienstag haben auch hier enorme Schäden hinterlassen. «Ich helfe, wo ich kann», sagt Mancini. «So schaufle ich Gräben und Risse in der Hauptstrasse zu. Und mit Materialien meines zerstörten Gewächshauses versuche ich, einen Unterschlupf für einen Teil der Dorfgemeinschaft zu bauen.»

«Ich habe sie eigenhändig aus den Trümmern gezogen – tot»

Er selbst habe vor zweieinhalb Wochen enormes Glück gehabt: «Ein kleines Wunder, denn ich war nur 50 Meter von meinem Laden entfernt, als die Erde zu beben begann. Ich sah, wie mein Geschäft wie ein Kartenhaus einstürzte. Der Laden war bis auf zwei Personen leer. Ich habe sie eigenhändig aus den Trümmern gezogen – beide waren tot.»

Insgesamt betrauert die kleine Gemeinschaft den Tod von zwölf Menschen. Und noch ist der Schrecken nicht ausgestanden. Es wird vor neuen Nachbeben gewarnt, die Angst vor der Naturkatastrophe ist allgegenwärtig. «Wir durchleben die Hölle. Viele schlafen im Freien, es gibt fast nichts zu essen und die hygienischen Bedingungen sind nicht gut.» Der Tessiner hat einige Nachbarn bei sich aufgenommen, auch eine Schwangere. «Doch bald werde ich kein Geld mehr haben, dann reicht es weder für mich noch für die anderen.»

«In der Schweiz wäre ich von der Sozialhilfe abhängig»

Die Zukunft bereitet Mancini Kopfzerbrechen: «Wie neu anfangen? Und wie die Löhne jener bezahlen, die noch ärmer sind als ich?», fragt er sich. Doch er weiss, dass die Lösung nur im Wiederaufbau liegt. «Von meinen 54 Jahren habe ich 30 in Indien und Nepal verbracht. In der Schweiz hätte ich weder einen Job noch Hoffnung, sondern wäre von der Sozialhilfe abhängig. Das will ich für mich nicht. Da bleibe ich lieber hier und helfe.»
Das dringend benötigte Geld für den Wiederaufbau versickert laut Mancini in der «korrupten Regierung» und einigen Beamten, «die sich am Leid der Menschen bereichern».

Deswegen appelliert er an die Öffentlichkeit: «Das, was wir in Sundarijal machen können, ist abhängig von der Grosszügigkeit anderer. Meine alten Freunde aus dem Tessin, die nicht gerade vermögend sind, haben mir 3000 Franken geschickt. Eine wunderbare Geste. Und doch ist es nicht viel angesichts der riesigen Zerstörung.»