Beppe Grillo

26. Februar 2013 14:33; Akt: 26.02.2013 15:06 Print

Ein Tsunami fegt durch Italiens Politik

Er wütet gegen die etablierten Parteien und trifft damit den Nerv vieler Menschen: Der Politclown und Internetaktivist Beppe Grillo ist der grosse Sieger der Parlamentswahl in Italien.

Beppe Grillos Wutrede bei seinem letzten Wahlkampfauftritt am 22. Februar in Rom. (Video: YouTube/TheNetDaily)
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Italien, wie es funktioniert, in drei Sätzen: «Selbstverständlich schneidet der Coiffeur den Quartierpolizisten die Haare gratis. So, wie ihnen der Metzger gegenüber das Filet für den Preis einer Wurst verkauft. Dafür parkieren beide straffrei vor ihren Läden.» Abgedruckt vor sieben Jahren in einem Artikel der «Weltwoche», der zeitlos ist. Die Konklusion der Autoren damals: Die Leute wählen immer wieder Berlusconi, weil er einer wie sie, aber der grösste Gauner von allen ist, ein bewundernswerter Mann.

Nun hat Silvio Berlusconi tatsächlich ein nicht mehr für möglich gehaltenes Comeback erlebt. Doch an die Macht kehrt er kaum zurück. Denn der wahre Sieger der Parlamentswahl ist ein anderer: Giuseppe Grillo, genannt Beppe. Der 64-jährige Komiker aus Genua hat mit seiner Bewegung Movimento Cinque Stelle rund ein Viertel aller Stimmen geholt. Sie ist damit aus dem Stand zur stärksten Einzelpartei geworden. Das ist ein Wert, der die meisten Beobachter überrascht, auch wenn Grillo im Vorfeld einiges zugetraut worden war.

Viele Fans unter den Jungen

Die Erklärung für die Abweichung von den Umfragen, die Grillo höchstens 20 Prozent gaben, ist einfach: Italiens Wähler werden vorwiegend via Festnetz-Telefon befragt. Die jüngere Generation, die mit Handy und Internet kommuniziert, wird kaum erfasst. Dabei bildet gerade sie einen wesentlichen Teil von Grillos Anhängerschaft. Jene Italiener, die häufig unfreiwillig im «Hotel Mamma» leben, weil sie keinen Job finden – die Jugendarbeitslosigkeit beträgt rund 35 Prozent. Und die genug haben von den eingangs erwähnten Zuständen.

Der Politclown hat dem Establishment gehörig Feuer unter dem Hintern gemacht. Der Schriftsteller und ehemalige Italienkorrespondent Dante Andrea Franzetti, der in Zürich und Rom lebt, hatte im Vorfeld gegenüber 20 Minuten Online beschrieben, weshalb der bärtige Komiker mit dem strubbligen Haar viele Stimmen holen wird. «Grillo verkörpert die Fundamentalopposition gegen das System, er will den Staat neu gründen. Für viele Italiener hat das emotional eine gewisse Plausibilität.»

Die Schweiz als Vorbild

Noch immer ist der Wahlsieger aber politisch kaum fassbar. Bekannt ist, dass die Fünf-Sterne-Bewegung einen Ausstieg Italiens aus der Europäischen Währungsunion und die Rückkehr zur Lira anstrebt. Der Euro, so Grillo, sei wie ein Strick um den Hals. Weiter will die Bewegung für eine «sozial verträglichere» Wirtschaftspolitik kämpfen, setzt sich für den Ausbau des öffentlichen Verkehrs ein und für einen Baustopp grosser Infrastrukturprojekte.

«Die Leute sind quasi mental bankrott», sagte Beppe Grillo vor zwei Monaten im Gespräch mit «20 Minuten» und stellte der amtierenden Regierung kein gutes Zeugnis aus: «Mario Monti hinterlässt das Land in einem schlechteren Zustand, als es bei seinem Antritt war.» Grillo sieht die Schweiz als Vorbild, er möchte «so viel wie möglich» von ihr kopieren. «Wir wollen dem Volk die Instrumente geben, die es bei euch schon seit hundert Jahren gibt.» Dann sei es nicht mehr wichtig, wer in der Regierung sitze.

«Abgeordnete ohne Vorstrafen»

Einen eigenen Kandidaten dafür stellt seine Bewegung nicht. «Wir haben keinen Leader, wir sind nur das Volk», erklärt Grillo. «Dank uns werden das erste Mal Personen mit einem normalen Lohn und ohne Vorstrafen im Parlament sitzen: Studenten, Hausfrauen, Ärzte, Ingenieure.» Wegen diesen strikten Regeln durfte Beppe Grillo selber nicht als Kandidat für seine Bewegung antreten: 1981 wurde er wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, weil er einen Autounfall verschuldet hatte, bei dem drei Menschen ums Leben kamen.

Seiner Karriere hat das nicht geschadet. Der einstige Fernsehkomiker meidet heute dieses Medium, in dem Silvio Berlusconi im Wahlkampf fast täglich aufgetreten ist. Grillo kommuniziert lieber über seinen Blog, den meistgelesenen in Italien. Und seine öffentlichen Auftritten, bei denen er den Wutbürger markiert und ins Mikrophon brüllt. Als «Tsunami-Tour» hat er seine Kampagne bezeichnet. Nun hat der Tsunami das Parlament erreicht.

Wie es weitergeht, ist unklar. Die etablierten Parteien will Grillo nicht unterstützen. «Diese Wahl ändert die Geschichte des Landes. Ehrlichkeit wird in Italien wieder hoch im Trend sein», liess der Internetaktivist per Twitter verlauten. Vorerst aber droht Italien die Unregierbarkeit und damit Neuwahlen. In diesem Fall sieht SRF-Italienkorrespondent Philipp Zahn schwarz, wie er im Interview erklärte. Beppe Grillo könnte dann auf bis zu 50 Prozent der Stimmen kommen: «Das wäre der politische und wirtschaftliche Super-GAU.»

(pbl/rme)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mary am 26.02.2013 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Italien!

    Einfach lächerlich!

  • Beppe Grillo Anhänger am 26.02.2013 22:30 Report Diesen Beitrag melden

    Movimente 5 Stelle

    Leute informiert euch doch bitte. Seine Bewegung ist durchaus interessant. Nicht einfach auf alles los schiessen!

  • GDMSCH am 26.02.2013 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gute Nacht

    Wenn das die Alternative ist, dann endgültig gute Nacht Italien.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Casiraghi am 27.02.2013 15:18 Report Diesen Beitrag melden

    Da kann Grillo auch nicht helfen

    Italien wird erst ohne Mafia richtig funktionieren können! Das Problem ist, dass die Mafia zu tief Verwurzelt ist! Man kann den Baum von oben schneiden, die Wurzel aber bleibt bestehen.

  • Denker am 27.02.2013 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Jedem Land die Regierung die es Verdient

    Jeder Politiker in Italien hat immer nur in seine eigene Tasche am Volk vorbei gewirtschaftet. Was kann da bei Pepe Grillo schlechter werden... Nun ist doch vielleicht endlich der Zeitpunkt gekommen, dass das ganze korrupte Regierungssystem auf den Kopf gestellt wird. Da Grillo ja keine Qualizion eingehen will, hat er wohl wirklich keine Lust am regieren und so ist er genau der Richtige.... Freuen wir uns auf baldige Neuwahlen in einem Italien, welches es vielleicht so schafft sich eine zeitgemässe Regierung zuzulegen. Forza

    • manu am 27.02.2013 14:56 Report Diesen Beitrag melden

      im weiteren

      ist zu hoffen, dass die neuwahlen dann auch wie "befürchtet" da grillo zur mehrheit verhelfen UND dass das ganze über die grenzen hinweg auch in anderen ländern schule macht. so wie wir das im moment handhaben kann es nicht weiter gehen. ich habe genug davon für die zinsen der reichen arbeiten zu gehen, und nein es geht mir nicht schlecht, aber denen da oben noch viel weniger und es bezahlen auch leute die zinsen, die grad so über die runden kommen.

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  • francesco am 27.02.2013 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    die wahrheit ist

    das momentan halb europa am zittern ist. und deshalb versucht man ihn auf allen möglichen wegen zu diskreditieren. er ist nicht bereit, das alte spiel weiter zu spielen. und das macht ganz ganz vielen angst. die lügen der letzten 20-30 jahre werden ans licht kommen. da müssen sich ganz viele warm anziehen. 20 minuten empfehle ich sich besser zu informieren. und einigen meiner landsleute weiter unten auch.

  • D. Volk am 27.02.2013 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Viva Beppe

    Grillo wehrt sich gegen die Allmacht der Banken und Konzerne, prangert die Bestechlichkeit der Politiker an und kritisiert die EU in ihrer jetzigen neoliberalen Form. Was soll daran schlecht sein?? Zudem haben 75% der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, ein demokratischer Entscheid durch und durch. Kein Wunder, dass ihn die Mainstream-Medien zum Politclown degradieren, denn er sagt ganz einfach die Wahrheit.

  • Pierre Mettraux am 27.02.2013 02:05 Report Diesen Beitrag melden

    Chi mi ama,mi segua!

    Die EU,Banken und Regierungen sorgen sich sehr über Italien und dessen Wahlausgang! Wo waren alle diese Sorgen als man Länder wie Italien, Spanien, Portugal, Griechenland etc. in die EU holte? Italien hat sich immer selbst geliebt! Also! Wer mich liebt der folgt mir! Cesar,Augustus, Romolus und Remus lassen grüssen! Viva Italia und alles was wir an Italien so lieben!