Harter Alltag

17. November 2012 15:54; Akt: 17.11.2012 16:11 Print

Erstes Bild von Pussy Riot aus der Lagerhaft

Es ist das erste Bild von Nadeschda Tolokonnikova (23) im russischen Arbeitslager. Ein Fotograf der Zeitung Izvestia knipste die Frontfrau von Pussy Riot in grüner Häftlingskleidung.

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Tolokonnikowa (l.) bei ihrem Hofgang mit zwei Mitinsassinnen im Arbeitslager in Mordowien. (Bild: Screenshot Izvestia)

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Alle nationalen und internationalen Proteste, ja selbst der halbherzige Appell des russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew brachten nichts: Die beiden Pussy-Riot-Musikerinnen Nadeschda Tolokonnikowa (23) und Maria Aljochina (24) wurden wegen eines 41 Sekunden langen «Punkgebetes» in der Moskauer Erlöser Kathedrale zu einer zweijährigen Haft in verschiedenen Straflagern verdonnert. Der dritten Musikerin, Jekaterina Samuzewitsch (30) wurde die Strafe überraschend erlassen.

Tolokonnikowa wurde in ein Straflager in der Republik Mordowien im Föderationskreis Wolga, Maria Aljochina in ein Lager bei der entlegenen Stadt Perm im Uralvorland geschickt. «Von allen Möglichkeiten sind diese beiden Straflager die grausamsten», twitterten Anhänger der russischen Punkband.

Jetzt, fast einen Monat später, veröffentlicht die russische Zeitung «Izvestia» Bilder der beiden Gefangenen aus der Lagerhölle. Sie zeigen Tolokonnikowa beim Hofgang mit zwei anderen Mitgefangenen in grüner Sträflingskleidung und Kopftüchern. Beides lässt auf die tiefen Temperaturen schliessen, denen die Frauen in Mordowien, rund 500 Kilometer östlich von Moskau, ausgesetzt sind.

Aljochina leidet mehr

Maria Aljochina scheint der harte Lageralltag im Uralvorland mehr zu schaffen zu machen als ihrer jüngeren Kollegin. So schreibt die «Izvestia», dass Aljochina neben den psychischen offenbar auch an körperlichen Problemen leide. 80 Prozent der weiblichen Insassen würden während Stunden zum Nähen von Polizei- und Militäruniformen eingesetzt. Die wenig begeisterte Aljochina, die lieber in der Küche gearbeitet hätte, sei dazu regelrecht gezwungen worden.

Nebst dem stundenlangen Nähen in schlechtem Licht und gebeugter Haltung leiden die Gefangenen generell unter dem unmenschlichen Gefängnisalltag: Bis zu vierzig Häftlinge sind in einer Zelle zusammengepfercht.

Nur die Stärksten setzen sich durch. Hunger, Gewalt, Vergewaltigung gehören zum Alltag, besonders für die jüngeren Frauen, die von den Älteren terrorisiert werden. «Jeder kennt die Regeln: Traue niemandem, habe niemals Angst und vergib keinem Menschen», sagt eine ehemalige Straflager-Insassin gegenüber der Nachrichtenagentur AP. «Du bist im Niemandsland. Keiner hilft dir. Du musst über alles nachdenken, was du sagst und tust, um nicht zu vergessen, dass du ein Mensch bist.»

Putin: «Sie sitzen zu Recht»

Der Anwalt von Maria Aljochina, so schreibt die «Izvestia», hat die Hoffnung, dass seine Klientinnen bald freikommen. Die Zeichen dafür stehen aber schlecht. Immerhin hat Staatschef Wladimir Putin erst gerade am Freitag seine Haltung gegenüber den beiden inhaftierten Pussy-Riot-Frauen deutlich gemacht. Zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die derzeit auf Staatsbesuch in Moskau weilt, und Putin wegen des Urteil gegen die Musikerinnen kritisierte, soll er gemäss russischen Bloggern gesagt haben: «Die Frauen haben antisemitische Positionen und sitzen zu Recht.»

Putin bezog sich mit dieser Bemerkung auf eine Aktion aus dem Jahr 2008 der Künstlergruppe «Woina», (russisch: Krieg). Tolokonnikowa gehört zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe, die immer wieder provozierende Strassenaktionen organisiert – gegen die in Russland weitverbreitete Ausländerfeindlichkeit.

(gux)