Blasphemie in Pakistan

20. November 2012 11:14; Akt: 20.11.2012 14:47 Print

Gericht stellt Verfahren gegen junge Rimsha ein

Die junge Christin Rimsha stand in Pakistan wegen Gotteslästerung vor Gericht, weil sie Koranverse verbrannt haben soll. Nun hat die Justiz die Anklage fallengelassen.

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Rimsha wurde der Blasphemie in Pakistan angeklagt. Sie wurde am 8. September 2012 auf Kaution freigelassen. Sie wurde mit dem Helikopter in Rawalpindi fortgebracht. Rimsha wird Blasphemie vorgeworfen, weil sie ein Buch mit Koranversen verbrannt haben soll. Sie wurde Mitte August 2012 festgenommen und sass im Gefängnis.Die christliche Gemeinschaft protestiert in Pakistan gegen die Verurteilung der 11-Jährigen. Wegen des angeblichen Blasphemiefalls musste die christliche Bevölkerung von Mehrabad ausserhalb Islamabad flüchten. Sie fürchteten die Angriffe der aufgebrachten Muslime. Die Christen sind eine Minderheit in Pakistan. Das Alter der Christin Rimsha ist ebenso umstritten wie ihr geistiger Zustand. Einigen Berichten zufolge soll Rimsha am Downsyndrom leiden. Während die Polizei ihr Alter mit 16 Jahren angibt, gibt die Familie an, dass sie elf Jahre alt sei. Ärzte hatten das Mädchen auf unter 14 Jahre geschätzt und gesagt, ihr Intelligenzquotient sei nicht altersgemäss. Die Staatsanwaltschaft jedoch widerspricht diesem Gutachten. Der Fall löste bereits Besorgnis bei westlichen Regierungen und scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen aus. Rimshas Verteidigung - hier ihr Anwalt Tahir Naveed Chaudhry - will, dass der Fall vor einem Jugendgericht verhandelt wird, wo eine mögliche Strafe milder ausfallen würde. Wegen Zweifeln am Antrag auf Entlassung des Mädchens auf Kaution verschob ein Richter die Anhörung. Nun hat der Fall eine Wende erhalten. Die Polizei habe einen islamischen Geistlichen der Jamia Ameenia Moschee festgenommen, der im Verdacht stehe, gefälschte Beweisstücke vorgelegt zu haben. Der Geistliche Hafiz Mohammed Khalid Chishti ist der Imam der Moschee in dem ärmlichen Vorort Mehrabad der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, aus dem Rimsha stammt. Er brachte das Verfahren gegen die junge Christin ins Rollen. Chishti hatte zuvor gesagt, er denke, dass das Mädchen die Verse im Zuge einer christlichen «Verschwörung» gegen Muslime in dem Viertel verbrannt habe. Es habe so weit kommen können, «weil wir nicht früher gegen ihre antiislamischen Taten vorgegangen sind».Chishti wurde nach Polizeiangaben am Samstag festgenommen, nachdem Mitarbeiter des Geistlichen gegenüber den Ermittlern angaben, dass dieser selbst den von Rimsha verbrannten Papieren Seiten aus dem Koran hinzugefügt habe. Die Mitarbeiter sagten den Angaben zufolge bei der Polizei aus, dass sie Chishti davon abbringen wollten, falsche Beweise gegen Rimsha vorzulegen. Chishti habe daraufhin geantwortet, dies sei «der einzige Weg, um die Christen aus dem Viertel zu vertreiben». Indem er heilige Koranverse in die Asche gelegt habe, habe der Geistliche selbst den Koran entweiht, sagte Ermittler Munir Hussain Jaffri. Chishti werde deshalb der Gotteslästerung beschuldigt. Der Geistliche wurde am 2. September mit verbundenen Augen und Handschellen in Begleitung bewaffneter Polizisten zum Gericht gebracht. Dieses ordnete an, dass Chishti zunächst zwei Wochen in Untersuchungshaft bleiben müsse. In Pakistan kann eine Beleidigung des Propheten Mohammed mit dem Tod bestraft werden. Die Verbrennung von Koranversen ahndet das Blasphemiegesetz mit bis zu lebenslanger Haft.

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Die pakistanische Justiz hat die Anklage gegen die junge Christin Rimsha wegen Gotteslästerung aus Mangel an Beweisen fallengelassen. «Der Hohe Gerichtshof in Islamabad hat alle Vorwürfe gegen meine Mandantin verworfen», sagte der Anwalt der Jugendlichen am Dienstag.

Die Verteidigung habe das Gericht darauf hingewiesen, dass es keinen Zeugen gebe, der Rimsha beim Verbrennen von Koranversen gesehen habe. Zudem hätten die Anwälte geltend gemacht, dass das Mädchen noch jung sei und nicht lesen könne.

Rimsha war Mitte August festgenommen worden und sass bis zu ihrer Freilassung gegen Kaution Anfang September in einem Gefängnis für Erwachsene. Dem Mädchen wurde vorgeworfen, Seiten aus dem Koran verbrannt zu haben. In Pakistan steht darauf lebenslange Haft.

Laut einem medizinischen Gutachten soll das Mädchen aus einem ärmlichen Vorort Islamabads 14 Jahre alt sein und einen niedrigen Intelligenzquotienten haben. Einigen Berichten zufolge soll Rimsha aber erst elf Jahre alt sein und am Down-Syndrom leiden.

Der für den Dialog mit den religiösen Minderheiten zuständige Minister Paul Bhatti sagte am Dienstag, die Entscheidung der Justiz werde «ein positives Bild Pakistans an das Ausland senden».

Überraschende Wendung

Das Verfahren hatte eine überraschende Wendung genommen, als die Polizei einem Imam aus der Nachbarschaft der Familie vorwarf, die beschädigten Seiten in die Tasche des Mädchens geschmuggelt zu haben. Der Mann war Anfang September in Gewahrsam genommen und im Oktober auf Kaution freigelassen worden. Gegen ihn wird weiterhin ermittelt, er streitet die Vorwürfe ab.

Es wird vermutet, dass der Imam Christen aus dem Armenviertel vertreiben wollte. Nach der Festnahme des Mädchens flohen denn auch die meisten Christen aus Angst vor Übergriffen von Muslimen aus dem Stadtteil.

Die Einstellung des Verfahrens gegen Rimsha kann vor dem Verfassungsgericht angefochten werden. Das Mädchen und ihre Familie halten sich unter dem Schutz der Regierung an einem unbekannten Ort auf. Die Festnahme Rimshas hatte international, aber auch unter muslimischen Klerikern in Pakistan für Proteste gesorgt.

Umstrittenes Gesetz

Am vergangenen Donnerstag hatte ein pakistanisches Gericht erstmals seit zwei Jahren wieder ein Todesurteil wegen Blasphemie verhängt. Verurteilt wurde ein Mann, der im März vergangenen Jahres festgenommen worden war, weil er angeblich den Propheten Mohammed verunglimpft hatte.

Zuvor war im November 2010 die Christin Asia Bibi wegen Blasphemie zum Tode verurteilt worden. Sie ist seitdem inhaftiert. Ihr Fall hatte ebenfalls weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Papst Benedikt XVI. setzte sich erfolglos für ihre Freilassung ein.

Zwar wurde in Pakistan bisher kein Todesurteil wegen Blasphemie vollstreckt, mehrere Angeklagte wurden aber nach ihrer Freilassung gelyncht. In seiner jetzigen Form wurde das Blasphemie-Gesetz 1986 vom Militärdiktator Muhammad Zia ul-Haq eingeführt.

Islamisten laufen Sturm gegen eine Änderung des Gesetzes, das sie für gottgemacht halten. Das umstrittenes Gesetz verbietet die Beleidigung jeder Religion, wird aber in der Praxis nur bei angeblicher Herabsetzung des Islam angewandt.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Phillipp Stalder am 20.11.2012 14:34 Report Diesen Beitrag melden

    Gottgemacht??!!

    Ein Gottgemachtes Gesetz das von einem Diktator eingeführt wurde...wie bescheuert hört sich das an?!

    einklappen einklappen
  • Urs am 21.11.2012 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung?

    Da leben "moderne" Menschen mit offenen Gedanken auf einem Teil unseres Planeten und auf anderen Teilen Menschen mit so festgefahrenen Ritualen und Vorstellungen .... Sind wir wirklich bereit fûr eine Globalisierung? Da prallen Welten aufeinander.

  • Marco C. am 21.11.2012 06:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ziel erreicht

    Dieser Iman hat sein Ziel erreicht, die Christen in dem Viertel mussten vor Angst abhauen. Mal schauen was für eine Strafe dieser bekommt, nicht wegen Blasphemie, sondern wegen der Falschanschuldigung an einem wehrlosen Mädchen, dass wahrscheinlich um ein Haar mit dem Leben davon gekommen ist.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kathy Z. am 21.11.2012 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hexenverbrennung

    Wäre ihr Schicksal nicht publik geworden, hätte dieses Christenmädchen keine Chance gehabt! Unglaublich! Das erinnert an die Hexenverbrennungen im Christentum. Nur haben wir etwas gelernt!

  • Urs am 21.11.2012 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung?

    Da leben "moderne" Menschen mit offenen Gedanken auf einem Teil unseres Planeten und auf anderen Teilen Menschen mit so festgefahrenen Ritualen und Vorstellungen .... Sind wir wirklich bereit fûr eine Globalisierung? Da prallen Welten aufeinander.

  • Marco C. am 21.11.2012 06:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ziel erreicht

    Dieser Iman hat sein Ziel erreicht, die Christen in dem Viertel mussten vor Angst abhauen. Mal schauen was für eine Strafe dieser bekommt, nicht wegen Blasphemie, sondern wegen der Falschanschuldigung an einem wehrlosen Mädchen, dass wahrscheinlich um ein Haar mit dem Leben davon gekommen ist.

  • Jackmans am 20.11.2012 21:33 Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Gerechtigkeit

    Alle Gesetze der Erde sind nicht gottgemacht, sondern von Menschen aufgesetzt und dienen je nach Situation der Gesellschaft, um Recht und Ordnung aufrecht erhalten zu können. Zumindest sollte es so sein. In Ländern wie Pakistan kann ein jeder praktisch den anderen wegen Blasphemie anklagen, da die Beweisführung beider Seiten kaum realisierbar ist. Ob ein Christ dort wohl die gleichen Chancen hätte, ein Moslem wegen Blasphemie anzuzeigen, möchte ich stark bezweifeln. Aber ein gottgemachtes Gesetz wäre doch für alle gleich...

  • Chv am 20.11.2012 17:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer provozieren

    So lange spielen bis die Christen nicht mehr mitspielen. Ist nur eine Frage der Zeit.