Vergifteter Ex-Spion

14. April 2018 20:06; Akt: 15.04.2018 20:07 Print

Hatte Skripal Kampfstoff aus dem Westen im Blut?

Russland wirft der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen vor, den Nachweis eines vom Westen eingesetzten Kampfstoffs verschwiegen zu haben. Der Bericht sei manipuliert.

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Kritik an Russland: Das OPCW-Hauptquartier in Den Haag. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen hat die britischen Untersuchungsergebnisse im Fall Skripal bestätigt. Julia Skripal konnte das Spital in Salisbury inzwischen verlassen. Sergej Skripal ist auf dem Weg der Besserung. Dies teilt das britische Krankenhaus mit, in das er nach dem Anschlag vom 4. März zusammen mit seiner Tochter Julia eingeliefert wurde. Skripals Zustand ist laut den Ärzten nicht mehr lebensbedrohlich. Ein Flugzeug mit mutmasslich 46 Diplomaten an Bord ist in Moskau gelandet. Wirft der britischen Regierung vor, dass der Anschlag zur Ablenkung von Brexit diene. (Moskau, 2. April 2018) Der deutsche Aussenminister will auf Russland zugehen: Heiko Maas sprach am Mittwoch vor der UNO in New York (28. März 2018) Die britische Botschaft in Moskau: Russland hat die Briten angewiesen, das Botschaftspersonal um mehr als 50 Diplomaten zu reduzieren. Russland weist nun selbst ausländische Diplomaten aus. Massenausweisung in London: Russische Diplomaten verlassen die Botschaft. Der russische Geheimdienst werde sich viele Jahre nicht von diesem Schlag erholen, schrieb der britische Aussenminister. Russland will diese «Gemeinheit» nicht einfach hinnehmen. «Das alles ist ein Ergebnis des kolossalen Drucks aus Washington», sagte der russische Aussenminister. Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern würde gerne russische Geheimdienstmitarbeiter ausweisen, doch gibt es in ihrem Land keine. Die Spionage-Affäre um den Giftanschlag auf den früheren Spion Sergej Skripal in Grossbritannien eskaliert: Über ein Dutzend Staaten gab am 26. März bekannt, dass sie russische Personen ausweisen. Die USA schickt 60 russische Geheimdienstmitarbeiter weg, in Deutschland sind es 4 (im Bild: Die russische Botschaft in Berlin). Insgesamt beteiligen sich 14 EU-Staaten an der Aktion, darunter Frankreich (4 Diplomaten werden ausgewiesen), Italien (2), Polen (4), Dänemark (2), Tschechien (3), die Niederlande (2), Lettland (1), Estland (1) oder Litauen (3) (im Bild die russische Botschaft in Vilnius). Die Ukraine weist 13 Diplomaten aus. Bereits am 14. März 2018 hatte die britische Premierministerin Theresa May bekannt gegeben, dass sie 23 russische Diplomaten ausweise. Russland liess zuvor ein Ultimatum verstreichen. May liess keinen Zweifel daran, dass sie offizielle Vertreter Russlands als Drahtzieher des Giftanschlags auf den früheren Spion Sergej Skripal und dessen Tochter betrachtet: «Der russische Staat ist des versuchten Mordes schuldig», sagte sie vor dem Unterhaus. Russlands Antwort auf die Ausweisung russischer Diplomaten werde «sehr bald» folgen, sagte Aussenminister Sergej Lawrow der Agentur Interfax zufolge. Bevor diese öffentlich erklärt werde, wolle Moskau sie aber zunächst den Briten mitteilen. Nach dem Nachweis von Nervengiftspuren in einem Pub sowie einem Restaurant im englischen Salisbury riefen die Gesundheitsbehörden am Sonntag, 11. März 2018, Besucher der Lokalitäten auf, ihre Kleidung und persönliche Dinge zu waschen. Die britischen Strafverfolgungsbehörden werten die Vergiftung als Mordversuch. An den Ermittlungen sind mehr als 250 Beamte beteiligt, darunter 180 Soldaten. Zu ihnen zählen auch Experten für Chemiewaffen: Spezialisten bei der Arbeit in Salisbury. (4. März 2018) Skripal und seine Tochter Yulia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie befinden sich nach einer Vergiftung in einem kritischen Zustand im Spital: Das Spital von Salisbury, wo sie behandelt werden. (Archivbild) Der Ex-Spion Sergei Skripal wurde kurz vor dem Anschlag von einer Überwachungskamera gefilmt. Ein mutmassliches Bild der ebenfalls vergifteten Julia Skripal. (6. März 2018) 2006 vor einem russischen Militärgericht: Sergei Skripal bespricht sich mit seiner Anwältin.

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Russland erhebt im Fall des vergifteten Ex-Spions Sergei Skripal Manipulationsvorwürfe gegen die internationalen Chemiewaffenexperten der OPCW. Aussenminister Sergei Lawrow sagte, die Organisation habe nicht alle Ergebnisse der Analyse im Labor Spiez publiziert.

Im Untersuchungsbericht der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) seien Erkenntnisse zu einem vom Westen entwickelten Kampfstoff verschwiegen worden, sagte Lawrow am Samstag in Moskau. Das Labor Spiez habe nach Lawrows Aussagen in den Proben vom Tatort Spuren des Nervengifts BZ nachgewiesen.

Vom Westen genutzt

Im Bericht der OPCW sei diese Information aber nicht aufgetaucht. Auch die Symptome des Ex-Spions und seiner Tochter Julia deuteten darauf hin, dass der Kampfstoff BZ bei dem Angriff verwendet worden sei.

Eine solche Substanz sei weder in der Sowjetunion noch Russland entwickelt worden, sagte Lawrow. Das Nervengift sei aber von den USA, Grossbritannien und anderen Nato-Staaten genutzt worden.

Zweifel an Nachweis von Nowitschok

Laut Lawrow, der sich auf «vertrauliche Informationen» berief, hatten die Experten des auf die Analyse von C-Kampfstoffen spezialisierte Labor in Spiez BE ihre Untersuchungsergebnisse an die OPCW übermittelt. Es stelle sich die Frage, wieso ihre Erkenntnisse nicht in den Bericht der Organisation eingeflossen seien.

Nach Angaben Lawrows wiesen die Schweizer Experten in den Proben der Skripals auch Spuren eines Gifts aus der Nowitschok-Gruppe nach. Es seien beträchtliche Mengen des Kampfstoffs A-234 festgestellt worden.

Diese Angaben zweifelte der russische Aussenminister wiederum an. Nach seiner Aussage wäre ein Angriff mit einer grösseren Dosis des Gifts tödlich verlaufen.

Name im Bericht nicht erwähnt

Die OPCW hatte am Donnerstag in einem Kurzbericht erklärt, bei einer Untersuchung von Blutproben von Skripal und seiner Tochter seien die Erkenntnisse Grossbritanniens «in Bezug auf die Identität der toxischen Chemikalie» bestätigt worden. Das verwendete Gift wird in dem Bericht allerdings nicht benannt.

Die britischen Behörden gehen davon aus, dass bei dem Anschlag im englischen Salisbury ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. London macht daher Moskau für den Giftanschlag vom 4. März verantwortlich.

Seit 2013 im Visier

Nach britischen Angaben vom Freitag waren Skripal und seine Tochter Julia bereits seit 2013 im Visier des russischen Geheimdienstes. Damals seien E-Mail-Konten von Julia Skripal das Ziel von Cyberexperten des Militärgeheimdienstes GRU gewesen, erklärte der britische nationale Sicherheitsberater Mark Sedwill.

Die russische Regierung weist eine Verwicklung in den Anschlag zurück und will die Schlussfolgerungen der OPCW nicht anerkennen, solange nicht auch russischen Experten Zugang zu den in dem Bericht erwähnten Proben gewährt wird. Der Fall führte zu einer schweren diplomatischen Krise zwischen Russland und Grossbritannien sowie zahlreichen weiteren westlichen Staaten.

(bee/sda)