Wut in Ägypten

28. November 2012 04:32; Akt: 28.11.2012 04:32 Print

Hunderttausende protestieren gegen Mursi

Die Proteste gegen den regierenden Islamisten in Ägypten, Mohammed Mursi, werden immer heftiger. Bei den landesweiten Demonstrationen kam es zu heftigen Schlachten. Ein Mann wurde getötet.

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Der Tahrir-Platz ist am 28. November wieder Zentrum der Demonstrationen in Ägypten. Diesmal gegen Mohammed Mursi. Am 27. November findet erneut eine Grossdemonstration gegen Mohammed Mursi statt. Tausende Oppositionelle versammeln sich dafür auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Ihr Protest gilt der Verfassungsänderung Mursis, die ihn über die Justiz stellt. Vor der Demonstration ist es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Bereits am Sonntag, 25.11., kam es zu Protesten: Hunderte Oppositionelle haben die Nacht auf dem Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt Kairo verbracht. Am Morgen versammelten sie sich wieder zu einer Demonstration und sangen sie Anti-Mursi-Lieder. Allein in Kairo demonstrierten über 5000 Menschen. Dabei trafen sie auf die Polizei (Bild) und auf Mursi-Anhänger. Es kam erneut zu Auseinandersetzungen. Auch am Sonntag setzte die Polizei wieder Tränengas gegen die Regierungsgegner ein. Bei den Protesten gegen Mursis Machtausbau wurden zwischen Freitag und Sonntag über 300 Menschen verletzt. Die ägyptischen Aktienkurse sackten wegen der Turbulenzen dramatisch ab. Nach dem Freitagsgebet lieferten sich Anhänger und Gegner des ägyptischen Präsidenten in drei Städten heftige Strassenschlachten - wie etwa in Alexandria. Unter anderem wurden Büros der Muslimbrüder angezündet - wie hier in Alexandria. Tahir-Platz in Kairo steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit: Auch hier prallten Mursi-Gegner und Anhänger zusammen. Mindestens 15 Menschen wurden nach ersten Angaben verletzt - wie dieser Demonstrant in Kairo. Es begann damit, dass die Opposition zu Demonstrationen gegen Mursis eigenhändigen Macht-Ausbau aufriefen. Die Regierungsgegner warfen Mursi die «Hinrichtung der Unabhängigkeit der Justiz» vor. (Bild aus Alexandria) Mursi hatte in einem Verfassungszusatz verfügt, dass von ihm «zum Schutz der Revolution getroffene Entscheidungen» rechtlich nicht mehr angefochten werden können. (Bild aus Alexandria)

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Die Wut der Strasse schlägt den regierenden Islamisten in Ägypten jetzt mit voller Wucht entgegen. Hunderttausende Gegner von Präsident Mohammed Mursi protestierten am Dienstag in Kairo gegen seine umstrittene Verfassungserklärung. Es ist die bislang grösste Protestwelle seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak.

In der Hafenstadt Alexandria kam es zu Schlägereien zwischen Islamisten und Demonstranten. In Kairo starb nach Angaben des Gesundheitsministeriums ein junger Mann, als die Polizei mit Tränengas auf eine Gruppe von Jugendlichen feuerte.

Auch in den Städten Luxor, Assiut, Kena, Tanta, Al-Arisch, Bani Sueif und Suez protestierten Menschen gegen Mursis Erklärung, mit der er sich selbst und das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee vor dem Zugriff der Justiz schützen will. Die Muslimbrüder und die Salafisten sagten eine Solidaritäts-Kundgebung für Mursi kurzfristig ab, «um Blutvergiessen zu verhindern».

Unzufriedene Revolutionäre

Auf dem Tahrir-Platz in der Kairoer Innenstadt versammelten sich mindestens 300'000 Ägypter, die Transparente mit Sprüchen wie «Die Muslimbruderschaft hat die Revolution gestohlen» in den Händen hielten. Mursi steht den Muslimbrüdern nahe.

An der Demonstration auf dem Tahrir-Platz nahmen auch führende Oppositionelle sowie Schauspieler, Anwälte und Journalisten teil. Einige von ihnen riefen: «Oh Mubarak, sag dem Mursi, auf den Thron folgt die Zelle!»

Die Mursi-Gegner zeigten sich von dem Zulauf begeistert. «Die Muslimbrüder haben immer behauptet, dass wir den Tahrir-Platz ohne ihre Unterstützung nicht voll kriegen, jetzt haben wir ihnen gezeigt, dass dies nicht simmt», erklärte ein Aktivist.

Seit fünf Tagen auf dem Tahrir-Platz

Die Gegner des Präsidenten zelten seit fünf Tagen auf dem Platz. Sie wollen erst abziehen, wenn Mursi die Dekrete zu seiner Machtausdehnung zurückgenommen hat.

Bereits vor dem Beginn der Grossdemonstration war es in Kairo zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei gekommen. In der Nähe der US-Botschaft unweit des Tahrir- Platzes warfen die jungen Demonstranten Steine auf Beamte. Die Polizei setzte daraufhin Tränengas ein.

Der Tahrir-Platz ist von hoher symbolischer Bedeutung. Hier nahmen die Proteste ihren Anfang, die zum Sturz des autokratisch regierenden Mubarak und zur Wahl Mursis zu seinem Nachfolger geführt hatten.

Mursi unbeeindruckt

Die Muslimbrüder, denen Mursi vor Amtsantritt angehört hatte, und die Salafisten sagten eine ursprünglich geplante Solidaritätskundgebung für den Präsidenten kurzfristig ab, «um Blutvergiessen zu verhindern».

Mursi will trotz des Widerstandes der Opposition und der Justiz nicht von seiner umstrittenen Position abrücken. Zahlreiche Richter erschienen aus Protest gegen die Entmachtung der Justiz auch am Dienstag nicht zur Arbeit, zum dritten Mal in Folge. Wegen er Unruhen sagten mehrere Reiseveranstalter Ausflüge in die ägyptische Hauptstadt ab.

(sda)