Ukraine-Konflikt

01. Januar 2015 22:32; Akt: 05.01.2015 11:20 Print

Kämpferin sammelt auf Facebook über eine Million

Anna Sandalowa versorgt ukrainische Soldaten mit dringend benötigtem Material. Das Geld dafür sammelt sie auf Facebook - weil es dort keine Korruption gibt.

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Wenn der Staat versagt, greifen Bürger zur Selbsthilfe. Nach diesem Grundsatz springen in der Ukraine Selbsthilfegruppen ein, um die im Osten des Landes von Separatisten und Russen belagerte Armee mit fehlender Ausrüstung zu versorgen. Ihre Heldin heisst Anna Sandalowa, und sie arbeitet vor allem mit Facebook.

Wie die «New York Times» in einem Kommentarbeitrag erzählt, gründete die ehemalige Public-Relations-Leiterin aus Kiew im Frühjahr die Gruppe «Hilfe für die ukrainische Armee». Die Stiftung vernetzt über Facebook patriotische Spender mit bedürftigen Empfängern, vor allem bei den Streitkräften. Seit März sind über 1,3 Millionen Dollar zusammengekommen. Geliefert wird laut der «Times» alles, «von Körperpanzern zu Nachtsichtgeräten, Schlafsäcken und Nahrungsmitteln.»

Schaltstelle Facebook

Das Verfahren sei einfach, berichtet die Zeitung. Sandalowa nimmt Verbindung mit Einheiten im Feld auf, die ihr sagen, was sie benötigen. Dann postet die Frau die Begehren auf Facebook, und Interessierte überweisen der Stiftung Geld. Sandalowa kauft die Ware ein und karrt sie zu den Empfängern.

Die «Times» war bei einer Auslieferung dabei. Auf einem Checkpoint ausserhalb der besetzten Stadt Donetsk trifft sie auf Oberstleutnant Natalia Semeniuk. Die Offizierin mit übergehängter AK-47-Kalaschnikow geleitet Sandalowas zwei Minibusse in einen Wald, wo das Ausladen beginnen kann.
Bei den Soldaten stösst der Besuch Sandalowas auf Begeisterung. Angeblich pflegt die uneigennützige Frau ledige Soldaten zu küssen. Bei Donetsk läuft ein kaum mehr als 20-Jähriger tiefrot an, als sie ihm ihre Lippen auf die Wange drückt.

Mehr als die Summe der Teile

Gegenüber der «Times» gibt Sandalowa an, das Lob gebühre nicht ihr, sondern dem sozialen Netzwerk. «Facebook ist ideal für unsere Bedürfnisse», sagt sie. «Es erlaubt uns Einzelpersonen, mehr zu werden als die Summe unserer Teile. Wir können damit Gemeinschaften bilden und Dinge vollbringen, zu denen Zivilpersonen sonst nicht fähig wären.»

Das soziale Netzwerk befriedigt auch Informationsbedürfnisse. Von den offiziellen Medien enttäuschte Ukrainerinnen und Ukrainer benutzen das Web, um zu unabhängigen Informationsquellen vorzustossen. Der auf Facebook verlinkte Blog «Information Resistance» verbindet aktuelle Information über den Krieg mit Analysen. Über die Geschäfte der Regierung führt die Gruppe mit dem Namen «Reanimation Package of Reforms» Buch.

Korruption flächendeckend

Dass inzwischen ein Dutzende von Selbsthilfegruppen entstanden sind, hat viel mit der in der Ukraine vorherrschenden Korruption zu tun. Auf der Karte von transparency.org über die «Wahrnehmung von Korruption 2013» erscheint das osteuropäische Land tiefrot eingefärbt auf Platz 144 von 177 Staaten. Wie immer wieder berichtet wird, versickert ein grosser Teil der offiziellen ausländischen Hilfe im Sumpf von Bestechung und Korruption. 2014 hat die EU der Ukraine Hilfe von 11,1 Milliarden Euro versprochen, und die USA gaben Kreditgarantien für über eine Milliarde Dollar. Nach der Einschätzung des «Times»-Autors wird jedoch «viel von dem Geld gestohlen und noch viel mehr vergeudet.»

Für den Kommentator ist klar, dass wirksame Hilfe über soziale Netzwerke direkt an die Bevölkerung und Streitkräfte geliefert werden soll. Wie das geht, macht Anna Sandalowa vor.

(sut)