Indien

17. April 2018 14:31; Akt: 17.04.2018 15:41 Print

Vergewaltigtes Mädchen (8) wird zum Politikum

Tausende Menschen gehen in Indien auf die Strasse. Grund für die Proteste sind zwei brutale Vergewaltigungsfälle, die erst lange ignoriert wurden.

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Seit dem Wochenende kommt es in Indien zu Protesten, die so gross sind wie seit der tödlichen Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Delhi im Jahr 2012 nicht mehr. Anlass der Demonstrationen mit Tausenden Menschen sind zwei Vergewaltigungsfälle, die mittlerweile zum Politikum geworden sind.

Bereits im Januar war die achtjährige Asifa Bano im Bundesstaat Jammu und Kaschmir entführt, unter Drogen gesetzt und fünf Tage lang von mehreren Männern vergewaltigt worden, unter anderem in einem Hindu-Tempel. Sie wurde schliesslich gewürgt und mit einem Stein erschlagen. Das Mädchen gehörte dem Nomadenstamm der muslimischen Bakerwal an. Die mutmasslichen Täter: hinduistische Inder.

Tempelwächter und Polizisten angeklagt

Im Prozess um diese Gruppen-Vergewaltigung und Ermordung haben die acht angeklagten Männer am Montag auf nicht schuldig plädiert. Die Angeklagten seien bereit, sich einem Test mit dem Lügendetektor zu unterziehen, sagte Verteidiger Ankur Sharma nach der Anhörung vor einem Gericht in Kathua. Der Prozess wurde aus Verfahrensgründen auf den 28. April vertagt.

Zu den Angeklagten zählen vier Polizisten und ein Tempelwächter. Dieser soll mit den Polizeibeamten, seinem Sohn, seinem Neffen und einem Freund beschlossen haben, das Mädchen zu töten und alle Beweise für die ihr zugefügten Verbrechen zu vernichten. Die hinduistischen Männer sollen das Verbrechen begangen haben, um als Nomaden lebende Muslime aus einem von Hindus dominierten Gebiet im Süden von Jammu zu vertreiben.

Der Anwalt der Familie des Mädchens, Deepika Singh Rajawat, beantragte am Montag bei Indiens Oberstem Gerichtshof, das Verfahren aus Jammu und Kaschmir in einen anderen Bundesstaat zu verlegen. Er habe Morddrohungen erhalten, weil er den Fall übernommen hatte.

Indien ignorierte den Fall

Bis der Fall in Indien für Entsetzen gesorgt hatte, dauerte es drei Monate. Die «Frankfurter Rundschau» sieht den Grund für die späte Debatte in der Religionszugehörigkeit des Opfers. Asifas Ermordung sei erst zum Thema geworden, als Oppositionsführer Rahul Gandhi eine mitternächtliche Demonstration mit Kerzenlicht anführte. Zuvor hatten indische Frauengruppen und die Medien den Fall weitgehend ignoriert.

Die jüngsten Proteste beziehen sich nicht nur auf Asifas Fall, sondern auch auf die Vergewaltigung einer Jugendlichen durch Kuldeep Singh Sengar, einen Abgeordneten der Regierungspartei BJP im Bundesstaat Uttar Pradesh. Der 50-Jährige entführte und vergewaltigte die junge Frau vor einem Jahr. Diese hatte vor wenigen Tagen versucht, sich selbst zu verbrennen, weil die Polizei ihre Anzeige nicht aufnehmen wollte. Die Frau überlebte. Danach jedoch wurde ihr Vater festgenommen und in seiner Zelle von den Polizisten totgeschlagen.

Proteste könnten Modi gefährlich werden

Wegen dieser beiden Fälle gab es Kundgebungen und Mahnwachen in Delhi, Mumbai und anderen Teilen des Landes. Zwei Minister von Jammu und Kaschmir, die an einer Kundgebung zur Verteidigung der mutmasslichen Täter teilnahmen und der Partei von Indiens Regierungschef Narendra Modi angehören, mussten zurücktreten.

Die Proteste könnten Modi, der nächstes Jahr wiedergewählt werden will, gefährlich werden. Seine Kritiker werfen ihm vor, seine Partei stelle sich schützend vor die Täter, wie die BBC berichtet.

Nach der Gruppenvergewaltigung der Studentin in Delhi 2012 waren zwar die Strafen für Vergewaltiger in Indien deutlich verschärft worden. Die Zahl der Angriffe auf Frauen in dem Land ist aber weiterhin hoch. Jährlich werden 40'000 Fälle angezeigt.

Video: Vergewaltigungen in Indien
Seit einer Gruppenvergewaltigung vor fünf Jahren ist eine Bewegung entstanden: Frauen beschuldigen die Polizei, sich nicht ausreichend um Vergewaltigungsopfer zu kümmern. (Video: Tamedia/AFP)

(mlr/afp)