Straussenzucht

24. Februar 2013 22:11; Akt: 24.02.2013 22:11 Print

Kosmetika statt Barbeque

von Martin Suter - Als Fleischlieferanten konnten sich Emus in den USA nicht durchsetzen. Nun soll das «magische» Fett der Straussenvögel die Emu-Züchter retten. Ob das der konservative Amerikaner goutiert?

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Trotz besten Eigenschaften verzichtet der Amerikaner gerne auf Emu-Fleich beim BBQ – aber wer weiss, vielleicht schätzt er ja Emu-Öl bei der Morgentoilette. (Bild: Unknown)

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Als Fleischfresser sind Amerikaner ausgesprochen konservativ. Eine Kontaminierung von Lasagne mit Pferdefleisch wäre in den USA ein viel grösserer Skandal – hier ist Rossfleisch absolut tabu. Die meisten Amerikaner sind auf Rindfleisch versessen, Latinos können nicht ohne Huhn sein und bei vielen Bewohnern asiatischer Herkunft steht Schweinefleisch hoch im Kurs. Aber Emu-Fleisch?

In den frühen 90er-Jahren dachten viele Rancher, sie könnten die Gaumen ihrer Landsleute an das rote Fleisch der exotischen Emus gewöhnen. Die Brust und die Oberschenkel der aus Australien stammenden, bis zwei Meter hohen Straussenvögel liefern würzige Steaks und mageres Hack, das geschmacklich dem «Beef» nahe kommt und nur aus 2 Prozent Fett besteht. Mit dem Gesundheitsargument, hofften die amerikanischen Züchter, könnten sie mehr als nur abenteuerlustige Gourmets für den Emu begeistern.

«Hilft bei fast allen Hautproblemen»

Als die Emu-Welle ihren Höhepunkt erreichte, staksten allein in texanischen Gehegen über 100’000 der flugunfähigen Vögel herum. 1998 soll es landesweit rund 5500 Emu-Ranches gegeben haben, für ein fruchtbares Vogelpaar wurden 45'000 Dollar gezahlt. Doch dann ging es mit dem Emu bergab. Sein Fleisch kam nie richtig an. Entwichene Vögel galten bald als Landplage. Mit dem Image sank die Zahl der Tiere. Zuchtpärchen sind inzwischen fast nichts mehr wert. Die «New York Times» schätzt, dass sich in den USA heute höchstens noch 1000 bis 2000 Rancher auf Emus einlassen.

Emu-Öl könnte jetzt eine Wende einleiten. Gemäss «Times» öffnet das aus der Fettschicht unter der Haut gewonnene Öl wegen seiner angeblich hervorragenden Eigenschaften neue Profitquellen. «Das Öl hilft bei fast allen Hautproblemen» sagte die Bäuerin Clover Quinn von der «Wild Rose Emu Ranch» in Montana zu der Zeitung. Nach Quinns Überzeugung glättet das Öl Falten, heilt Verbrennungen, hilft gegen Akne, Psoriasis, Ekzeme und sogar Arthritis. Geschluckt soll es den Cholesterin-Pegel senken und prämenstruelle Syndrome und Allergien lindern.

Sieben Liter Öl pro Vogel

«Es ist ein sehr nettes Öl», bestätigt Mohammed Alam von der Universität Texas A&M gegenüber der «Times». Doch der Öl- und Fettkenner warnt auch vor übertriebenen Erwartungen: «Es ist nicht magisch und der Mechanismus, wie es wirkt, muss noch untersucht werden.»

Für Quinn und andere Bauern schmiert das Öl ein harziges Geschäft. Das Fleisch selbst ist nämlich nicht profitabel: Emus brauchen zwar 18 Monate bis zur Schlachtreife, liefern jedoch bloss 15 bis 20 Kilo Fleisch. Allein mit dem Erlös aus dem Fleischverkauf holen die Rancher die Futterkosten nicht herein. Auch das aus der Emu-Haut gegerbte Leder, das zu weichen Stiefeln, Taschen und Kleidern verarbeitet wird, wirft nicht viel ab. Öl schenkt mehr ein: Ein Vogel produziert über sieben Liter Öl, die Quinn zu einem Literpreis von über 300 Dollar verkaufen kann. Für die Rentabilität ihrer Zucht, sagt Quinn, «ist das ein enormer Faktor.»

Und der Trend ist positiv: In den letzten Jahren hat sich das Jahresvolumen der wertvollen Flüssigkeit mehr als verdoppelt und erreicht 25'000 Liter, meldet der führende Verarbeiter, LB Processors. Clover Quinn denkt nicht daran, die Emus aufzugeben, ganz im Gegenteil: Sie vergrössert ihren Vogelbestand. Das exotische Fleisch des Emu mag chancenlos sein, sein exotisches Öl ist gefragt.