Mutige Lehrerin

15. Dezember 2012 11:29; Akt: 15.12.2012 15:23 Print

Mit 14 Kindern im kleinen WC verbarrikadiert

Als der Todesschütze zu schiessen begann, dachte Katilin Roig, dass sie und ihre Schüler den Tag nicht überleben würden. Selbst den Polizisten glaubte sie erst kein Wort.

Lehrerin Kaitlin Roig harrte mit ihren 14 Schülern im WC aus und kam auch nicht heraus, als die Polizei sie dazu aufforderte. Sie war nicht die einzige, die Mut bewies.
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Bis zu hundert Schüsse soll Amokläufer Adam Lanza in der Sandy Hook Primarschule abgegeben haben. So viele, dass Katilin Roig befrüchtete, dass sie und ihre Schüler nicht überleben würden. Dabei hatte der Tags so friedlich begonnen. Doch kurz nach der täglichen Begrüssung im Klassenzimmer um 9:40 Uhr – ein immer sehr «glücklicher Bestandteil des Tages», wie die 29-jährige Lehrerin sagt – zerrissen Schusssalven die Ruhe. «Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmt», erinnert sie sich.«Es war grauenhaft. Ich dachte, dass wir alle sterben würden.»

Die Lehrerin handelte blitzschnell, schloss die Tür zum Klassenzimmer und drängte ihre sechs- bis siebenjährigen Schützlinge in das WC des Klassenzimmers. Einige mussten auf die WC-Schüssel steigen, damit alle Platz hatten. Dann schob die Lehrerin ein Gestell vor die Türe, schlüpfte dann selbst in den kleinen, übervollen Raum und schloss von innen ab. «Wir hatten kaum Platz, aber wir waren alle sicher verbarrikadiert. Ich weiss nicht, ob der Schütze unser Klassenzimmer jemals betreten hat. Aber ich wies die Kinder an, absolut ruhig zu sein», so die Lehrerin. «Das sind böse Leute draussen. Wir müssen warten, bis die guten kommen.»

«Ich will nur Weihnachten»

«Einige fingen an zu weinen. Ich strich ihnen über das Gesicht und sagte, dass alles gut werden würde. Ich wollte nicht, dass die Schüsse auf dem Flur das letzte waren, das sie hörten.» Sie habe für die Kindern stark sein wollen – auch wenn sie selbst nicht glaubte, den Tag zu überleben. «Ich dachte, dass wir alle sterben würden. Ich sagte den Kindern, dass ich sie liebe und dass ich sehr glücklich sei, dass sie zu meinen Schülern gehörten.» Jenen die an Gebete glaubten, wies sie an, zu beten. Andere sollten «glückliche Gedanken» haben.

Die Kinder hätten sich grossartig verhalten. «Einige fragten, ob sie draussen nachschauen könnten, ob jemand da draussen sei. Andere sagten, dass sie nicht sterben wollten. ‹Ich will nur Weihnachten›, sagte ein Kind.»

Es ging nicht lange, da hörten die Schüsse auf. Roig aber blieb mit ihren 14 Kindern in der kleinen Kammer verbarrikadiert. Später habe jemand an die Türe geklopft und Stimmen hätten sich als Polizisten ausgegeben. Doch die Lehrerin weigert sich, die Türe zu öffnen. Die Beamten mussten ihre Ausweise unter der Türe durchschieben, um zu beweisen,. dass sie auch wirklich von der Polizei waren. «Ich glaubte ihnen nicht. Ich sagte ihnen: ‹Wenn ihr wirklich von der Polizei seid, dann könnt ihr einen Schlüssel beschaffen, um die Türe zum Badezimmer zu öffnen. Das taten sie dann auch.»

«Er hat viele Menschen gerettet»

Auch andere Lehrer bewiesen grossen Mut und Einsatz. Der Lehrer Theodore Varga hielt mit Kollegen eine Konferenz. «Es war ein wunderbarer Tag», sagte er. Alle seien fröhlich gewesen. Am Vorabend hatten die Viertklässler ein Konzert gegeben. Dann fielen plötzlich die Schüsse. «Ich kann mich nicht einmal erinnern wie viele», sagte Varga.

Irgendjemand hatte die Lautsprecheranlage eingeschaltet, so dass jeder im Gebäude hören konnte, was geschah. «Man konnte die Hysterie hören», schilderte Varga. «Wer auch immer das getan hat, er hat eine Menge Menschen gerettet», sagte er über das Einschalten der Lautsprecheranlage.

Lanzas Amoklauf fand mit dem Selbstmord des 20-Jährigen ein Ende. Als die Polizei eintraf, durchsuchte sie das Gebäude Raum für Raum und brachte Schüler und Lehrer in Sicherheit. Die Beamten wiesen die Kinder an, sich die Augen zuzuhalten und an den Händen zu nehmen, damit sie das Gräuel nicht sehen.

Draussen warteten bereits zahlreiche Eltern auf ihre Kinder. Viele vergeblich.

(gux)