Acht Jahre Haft

13. November 2012 23:26; Akt: 14.11.2012 08:47 Print

Moderner Rasputin folterte Adelsfamilie

Wie einst Rasputin die Zarin brachte Thierry Tilly eine französische Adelsfamilie dazu, ihm Geld und Château zu überlassen – und sich 6 Jahre zu verbarrikadieren. Jetzt wurde er verurteilt.

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Grigori Jefimowitsch Rasputin schlug Anfang des 20. Jahrhunderts Zarin Alexandra Fjodorowna bis zur Willenlosigkeit in seinen Bann. In seine Fussstapfen trat nun der Franzose Thierry Tilly (48), der der Adelsfamilie de Védrines übel mitspielte: Er bezauberte elf Mitglieder des alteingesessenen Protestantengeschlechts, von der Grossmutter über die Eltern bis zur Tochter im Teenageralter. Die Richterin, vor der Tilly und sein Komplize jetzt standen, verwendete in der Urteilsbegründung vor allem den Ausdruck «Gehirnwäsche».

Doch von Anfang an: Thierry Tilly, ein einfacher Angestellter, erschlich sich ab 1997 das Vertrauen der de Védrines. Über neun Jahre lang manipulierte er die Aristokraten – insgesamt drei Generationen der Familie im Alter von 16 bis 89 Jahren: Elf Familienmitglieder nahmen Tilly nicht nur ab, dass er ein Spion der Nato sei, sondern auch, dass er die Familie vor Freimaurern beschütze, die ihr nach dem Leben trachteten.

Bemerkenswerterweise waren die de Védrines keine hinterwäldlerischen, degenerierten Blaublüter, sondern gebildete, aufgeklärte Menschen. Ein Sohn der Familie arbeitete als Gynäkologe, einer war bei einer Ölfirma tätig.

Isolierung, Folter, Züchtigung

Und doch gelang es Tilly, den Verfolgungswahn der Familie so weit zu kultivieren, dass sich die gesamte Sippe aus Angst, ermordet zu werden, komplett zurückzog: Sechs Jahre lang verbarrikadierten sich die de Védrines in ihrem Château im mittelalterlichen Städtchen Monflanquin im Südwesten Frankreichs.

Verwandte durften sie nicht mehr besuchen, Tilly liess sie hungern, soll die Isolierten sogar gezüchtigt haben. Selbst von Folter ist die Rede: Tilly wollte damit offenbar in Erfahrung bringen, wo angebliche Familienschätze im Schloss versteckt sein könnten.

Millionen für «Beschützerdienste»

Schliesslich verkaufte die Familie ihre gesamten Besitztümer, das herrschaftliche Familiengut inklusive, und übergab Tilly für seine «Beschützerdienste» umgerechnet 5,4 Millionen Franken.

2008 zügelt ein Teil des Clans ins englische Oxford, wo Tilly mittlerweile wohnte. Hier gingen die Schikanen weiter. Eine de Védrines sagt später aus, sie habe mehrere Nächte auf einem Stuhl verbracht, weil sie die anderen nicht in ihrem Bett schlafen liessen und sie körperlich quälten, damit sie nicht schlafe.

«Wir hatten Angst vor allem»

Doch irgendwann trieben Tilly und sein Komplize Jacques Gonzales ihr Spiel zu weit. Christine de Védrines floh 2009 mit Hilfe von Verwandten aus Oxford.

Sie löste sich und ihre Verwandten aus den psychologischen Fesseln des Mannes, den sie als ihren «Guru» betrachteten, und erstattete Anzeige gegen Tilly. «Er musste nicht physisch anwesend sein, um Macht über uns zu haben», sollte sie später aussagen. «Er spielte uns gegeneinander aus. Wir hatten Angst vor allem und jedem.»

In Zürich festgenommen

Tilly wurde im Oktober 2009 in Zürich festgenommen und den französischen Behörden überstellt.

Während seines Prozesses gab Tilly an, ein Nachfahre der Habsburger zu sein. Zudem sei er lange eine Geisel von Freimaurern gewesen. Derweil fand die Polizei bei ihm einen BMW, sieben Luxusuhren und mehr als 370 Flaschen teuersten Wein und Champagner. Die Familie de Védrines indes hatte er in den finanziellen Ruin getrieben.

Ein Gericht in Bordeaux hat Tilly jetzt wegen Freiheitsberaubung, Täuschung, Urkundenfälschung, Gewaltanwendung und Missbrauchs zu acht Jahren Haft verurteilt. Tilly habe die Familie «finanziell und moralisch ausgesaugt», so die Staatsanwaltschaft.

«Nachtragende, provinzielle Aristokraten»

Tilly will das Urteil anfechten – und mit der Beantragung der britischen Staatsbürgerschaft der Strafe entgehen. Da er aber in Frankreich straffällig geworden ist, wird er hier auch die Strafe absitzen müssen. «Das ist erst der Anfang», gab er sich nach der Urteilsverkündung kämpferisch.

Einsicht zeigt Tilly nicht im geringsten. Die Familie de Védrines bezeichnete er während des Prozesses als «eine Truppe nachtragender, gieriger, provinzieller Aristokraten.»

(gux)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pasci am 14.11.2012 17:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    54 Jahre

    Er hat 9 Personen je 6 Jahre geklaut (insgesamt 54 Jahre!) und bekommt nur 8 Jahre? Lebenslänglich hätte er verdient

  • Simsalabim am 14.11.2012 12:54 Report Diesen Beitrag melden

    Filmrechte!

    Das gäbe bestimmt einen super interessanten Film, der muss ja unglaublich raffiniert gewesen sein.

  • Kaiserin Sissi am 14.11.2012 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Ja sicher, ein Habsburger

    Von denen stamme ich auch ab. Von denen gab es viele und heute noch einige. Brutale und nette, G'scheite und weniger G'scheite. Bei meinen Vorfahren wurde "ermordet werden" und pässlich eliminiert, wie man's gerade brauchte. So war das üblich, nicht nur bei den Habsburgern. Aber der? Der träumt wohl davon, ein Habsburger zu sein. Mich nimmt Wunder, was der Karl in Salzburg dazu meint. Der schüttelt den Kopf und zieht seine Augenbrauen hoch. Was will man dazu schon sagen?

  • Beat am 14.11.2012 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Deppen vs Halunken

    Den Täter hart bestrafen! Der soll sein Leben lang nicht mehr auf einen grünen Zweig kommen und alles was er verdient bis aufs Existenzminimum den Leuten zurück zahlen. Ebenfalls sollte man die Blaublüter bestrafen dürfen für ihre Blödheit!!!

  • Melissa am 14.11.2012 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    Rasputin

    Acht und vier Jahre ist eine viel zuviel milde Strafe. Die beiden gehören länger ins Gefängnis. Was ist mit den Opfer?