Putschversuch

29. Juli 2016 13:43; Akt: 29.07.2016 14:23 Print

Opposition warnt Erdogan vor «Hexenjagd»

Die Verhaftungswelle in der Türkei hat nun auch die Wirtschaft erreicht: Drei prominente Unternehmer wurden festgenommen. Für zwei Parteipräsidenten geht das alles zu weit.

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Der türkische Handelsminister spricht von 1 Million Ferien-Annullierungen. Die meisten davon sollen von türkischen Beamten stammen, denen die Ferien gestrichen wurden: Zwei Frauen an einem Strand der Prinzeninseln in Istanbul. (29. Juni 2016) Will sämtliche Klagen wegen Beleidigung zurückziehen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am 29. Juli 2016 in Ankara. Nach dem Putschversuch gestaltet der Präsident die Armee um: Recep Tayyip Erdogan (Mitte) trifft Generäle im Präsidentenpalast in Ankara. (29. Juli 2016) Erdogan hat zahlreiche Bildungsinstitutionen geschlossen: Das Foto zeigt das verschlossene Eingangstor zur Murat Hudagendigar Universität in Istanbul am 27. Juli. Gemäss Amnesty International sollen einige der über 13'000 Verhafteten gefoltert werden. Dieses vom Nachrichtensender CNN veröffentlichte Bild schockierte vor einigen Tagen die Partner der Türkei. «Nein zum Putsch, Demokratie sofort»: Tausende prokurdische Demonstranten haben am Samstag in Istanbul sowohl gegen den Putschversuch in der Türkei als auch gegen die Reaktion von Staatschef Recep Tayyip Erdogan protestiert. (23. Juli 2016) Zu der Kundgebung hatte die wichtigste türkische Kurdenpartei HDP aufgerufen. Sieht keinen Bedarf mehr für die Präsidentengarde: Der türkische Premierminister Binali Yildrim hier im Parlament in Ankara. (19. Juli 2016) Es ging auch um die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe: Die CNN-Journalistin Becky Anderson interviewt Recep Tayyip Erdogan. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu liefert dieses Bild: Es zeigt ein paar der Putschisten in dem Moment, in dem sie sich ergeben. Ein Passant bespuckt ein verhaftetes Armeemitglied (17. Juli 2016). Türken feiern in den frühen Morgenstunden Istanbuls den abgewendeten Putschversuch. (16. Juli 2016) Die Erdogan-Befürworter übernehmen einen Polizeitransporter auf dem Kizilay-Platz in Ankara. Mindestens 60 Menschen, mehrheitlich in Ankara, sind ums Leben gekommen. Zivilisten nehmen eigenhändig mehrere Soldaten fest und übergeben diese der Polizei. In Ankara versuchen Menschen einen Militärpanzer aufzuhalten. Türken protestieren in Istanbul gegen das Militär, versuchen auf deren Panzer zu klettern. Anhänger von Präsident Erdogan haben sich auf dem Taksim-Platz in Istanbul versammelt. TOPSHOT - This picture taken on July 27, 2016 in Istanbul shows the gate of Murat Hudagendigar Universty under chain. Turkey has undergone a seismic shift since the night of violence when renegade soldiers sought to topple Erdogan but were stopped by crowds of civilians and loyalist security forces. According to Turkish media, Erdogan's government will close 15 universities, 1,043 private schools, 35 medical institutions,1,229 foundations and associations and 19 unions. / AFP PHOTO / OZAN KOSE

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Angesichts von Massenfestnahmen, Suspendierungen und Medienschliessungen in der Türkei haben die beiden grössten Oppositionsparteien übereinstimmend vor einer «Hexenjagd» gewarnt. «Es darf in der Türkei keine Hexenjagd gegen Unschuldige geben», sagte Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der Mitte-Links-Partei CHP der deutschen«Bild»-Zeitung. «Journalisten zu verhaften wird unserer Demokratie schaden.»

Der Chef der pro-kurdischen HDP, Selahattin Demirtas, sagte in Istanbul: «Im Moment verwandelt sich das Ganze zunehmend in eine Hexenjagd.» Demirtas sagte weiter, es scheine zwar so, als richteten sich die Massnahmen derzeit tatsächlich vor allem gegen Gülen-Anhänger und nicht pauschal gegen alle Regierungsgegner.

«Können nicht als Putschisten beschuldigt werden»

Es sei aber nicht überzeugend, dass Zehntausende Sympathisanten der Gülen-Bewegung Verbindungen zum Putschversuch gehabt haben sollten. «Menschen, die eine Gülen-nahe Schule besucht haben oder in einem Gülen-nahen Verein gearbeitet haben oder in einer ihm nahen Zeitung gearbeitet haben, können nicht unmittelbar als Putschisten beschuldigt werden.»

Alle drei Oppositionsparteien im Parlament – CHP, HDP und die ultranationalistische MHP – haben den Putschversuch verurteilt, für den die Regierung den Prediger Fethullah Gülen verantwortlich macht. Kilicdaroglu sagte: «Ich denke, dass die Vorwürfe gegen die Gülen-Bewegung auf Fakten beruhen.»

Auch Manager festgenommen

Die Putsch-Ermittlungen richten sich nun auch gegen Vertreter der Geschäftswelt. Drei prominente Unternehmer wurden am Freitag festgenommen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete.

Der Chef des Boydak-Konzerns, Mustafa Boydak, wurde demnach in der zentraltürkischen Stadt Kayseri in Gewahrsam genommen. Auch zwei weitere Mitglieder der Unternehmensleitung, Sükrü und Halit Boydak, seien festgenommen worden. Zudem seien Haftbefehle gegen den früheren Konzernchef Haci Boydak sowie die Verwaltungsratsmitglieder Ilyas and Bekir Boydak erlassen worden.

Laut Anadolu stehen die Ermittlungen im Zusammenhang mit den finanziellen Aktivitäten der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen. Die Boydak-Holding ist im Energie- und Finanzsektor aktiv und besitzt die bekannten Möbelmarken Istikbal und Bellona.

Die Regierung hat seit dem Putschversuch landesweit fast 16'000 Verdächtige festnehmen lassen, unter ihnen neben Armeeangehörigen auch Richter, Polizisten und Staatsanwälte.

Militär beschliesst Beförderungen

Erdogan billigte am Freitag zudem Entscheidungen des Obersten Militärrates vom Donnerstag. Demnach wurden im Zuge der angekündigten Neuausrichtung der Armee 99 Oberste zu Generälen beziehungsweise Admirälen befördert. Wie das Militär ausserdem mitteilte, wurden 48 Generäle in den Ruhestand verabschiedet.

Präsidiert den Obersten Militärrat: Präsident Erdogan (Mitte) mit Top-Generälen in seinem Palast in Ankara. (29. Juli 2016)

An der Spitze der Streitkräfte gab es allerdings kaum Veränderungen. Der Chef der Streitkräfte, Hulusi Akar, sowie die Kommandanten von Heer, Marine und Luftwaffe behalten ihre Posten, wie Erdogans Sprecher bereits am Donnerstagabend bekanntgab.

(rub/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • J. Hofer am 29.07.2016 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Erdowaaahn

    Erdogan stürzt die ganze Türkei ins verderben. Er ist auf dem besten Wege dazu, das "demokratische" Land in eine Diktatur zu führen. Aber natürlich ist ja der Fake-Putschversuch schuld. Und ja Europa etc. schaut zu...

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  • Koko am 29.07.2016 14:49 Report Diesen Beitrag melden

    0% Demokratie

    Militär und Polizei sind nun unter der Kontrolle von Erdogan, sowie alle 3 Gewalten des Staates und dazu kommen auch die Medien welche, wie alle wissen, die 4. Gewalt bezeichnet wird. Die Türken können wirklich nicht mehr von einer Demokratie reden!

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  • ruth marie am 29.07.2016 14:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    stoppt

    dieser Herr muss zwingend abgesetzt werden, sonst geht die ganze Türkei unter, und das wäre sehr schade, kenn in Istanbul nur freundliche und zuvorkommende und offene Menschen. wer stoppt ihn.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ziegenpeter am 31.07.2016 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verspätete Warnung

    Die Hexenjagd ist schon lange im Gange.

  • LL am 31.07.2016 05:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein weiterer Terrorist und europa macht nichts

    Jetzt könnte sich die EU mal beweisen aber sie denken lieber darüber nach ob wir mehr für Zug oder auto zahlen müssen.

  • Dani Düsentrieb am 30.07.2016 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmmmmm......

    Demokratie und Erdogan verhält sich, spitz formuliert, wie der Teufel das Weihwasser meidet. Erdogan hat doch schon vor dem Putschversuch seine Macht demonstriert, in dem er der Bekämpfung des IS zusagte, dann aber gegen die eigenen Landsleute vorgegangen ist. Also unter Demokratie vrrstehe ich etwas anderes.

    • Unknown am 01.08.2016 11:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dani Düsentrieb

      Gegen seine Landsleute? Wo ist er gegen seine Landsleute vorgegangrn. Erdogan mag ein sturer und Machtbesessener sein der Meinungsfreiheit nicht so definiert wir es wir tun. Ja ich bin auch kein Fan von ihm aber er hat die Türkei dahin gebracht, wo sie jetzt steht. Er hat viel gutes für das Land gemacht. Das wird gerne ignoriert. Man sollte sich auf die wahren vdrbrecher konzentrieren, wie die Ammis.

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  • Beobachter am 30.07.2016 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstdarsteller im Bild

    Das Foto zteigts ganz klar: ein Dikator mit sinen Generälen.. im übrigen wird die Antwort darauf vermutlich 0.45" Durchmesser haben.

  • Denis am 30.07.2016 09:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Türkische Art der Demokratie."

    Solange Erdogan in Türkei bleibt soll er machen was er will. Gehirnwäsche ist nichts Neues. Wenn das die Bevölkerung will sollen sie das haben. "Türkische Art der Demokratie." Mir tun nur die Leute leid die darunter sehr leiden.

    • Genau so am 30.07.2016 10:26 Report Diesen Beitrag melden

      Die Türken

      wollten ihn, jetzt hat sich ihr Wunsch erfüllt. Wenn die Kämpfe jedoch nach Europa getragen werden sollen muss hart durchgegriffen werden. Die Türkei zählt für mich im übrigen nicht zu Europa. Nur der kleinste Teil der Türkei liegt Geographisch in Europa. Das verhalten hat mit Europa sowieso nichts zu tun.

    • Peter Koller am 30.07.2016 11:00 Report Diesen Beitrag melden

      SO NICHT

      Es ist eigentlich nur zu hoffen dass sich gewisse Kräfte dafür verwenden diesem Herrn die Nähte einzuzihen!!

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