Erneuerung der Kirche

26. November 2013 16:32; Akt: 27.11.2013 08:37 Print

Papst ruft zu radikalem Umdenken auf

Papst Franziskus hat seine Vision der katholischen Kirche im Lehrschreiben «Evangelii Gaudium» verkündet. Der Pontifex kritisiert vor allem das Wirtschaftssystem.

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Papst Franziskus hat in seinem ersten apostolischen Lehrschreiben zu weitreichenden Reformen und einer radikalen Öffnung der katholischen Kirche aufgerufen. In dem am Dienstag veröffentlichten, rund 200 Seiten langen Text fordert der Pontifex die Kirche auf, «neue Wege» und «kreative Methoden» zu wählen.

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Das herrschende Wirtschaftssystem nennt er «in der Wurzel ungerecht». In seiner «Regierungserklärung» bekräftigt er zugleich die Position der Kirche zur Abtreibung und den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt.

Den Bischöfen komme bei der Reform der Kirche eine entscheidende Rolle zu, schreibt Franziskus nach einer von Radio Vatikan veröffentlichten Zusammenfassung. «In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten», heisst es in dem Schreiben.

Hinwendung zu sozialen Problemen

Franziskus fordert auch eine Reform des Papsttums. Man dürfe keine Angst haben, Dinge anzugehen, die zwar historisch gewachsen seien, aber nicht direkt mit dem Evangelium zusammenhingen.

Ihm sei eine Kirche lieber, die sich im echten Leben draussen auf der Strasse blaue Flecken hole, als eine, die sich abkapsele und sich selbst schütze und darüber krank werde, schrieb der Papst. «Ich will keine Kirche, die sich darum sorgt, ob sie im Zentrum steht, und die sich dann in einem Netz von Obsessionen und festgelegten Verfahrensweisen verfängt.»

Statt sich vor Abweichungen zu ängstigen, solle sich die Kirche eher davor fürchten, in ihren Strukturen gefangen zu bleiben. Die darin liegende Sicherheit sei Illusion, wenn «vor unserer Tür Menschen verhungern und Jesus nicht müde wird uns zu sagen: ‹Gebt ihnen zu essen›.»

Priestertum bleibt Männern vorbehalten

Der argentinische Papst unterstreicht die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien für die Kirche zu stärken. Teils durch mangelnde Ausbildung, teils durch «ausufernden Klerikalismus» spielten die Laien nicht die Rolle, die sie spielen sollten.

Auch müssten die «Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden» vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fielen. Das den Männern vorbehaltene Priestertum stehe dabei nicht zur Diskussion, könne aber Anlass zu Konflikten geben, «wenn die sakramentale Vollmacht zu sehr mit der Macht verwechselt wird».

«Wünsche mir eine arme Kirche für die Armen»

«In der Wurzel ungerecht» nennt Papst Franziskus das aktuelle ökonomische System. Diese Form der Wirtschaft töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Konsument gefragt, und wer das nicht leisten könne, der werde nicht mehr bloss ausgebeutet, sondern ausgeschlossen, weggeworfen.

Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des «vergötterten Marktes», die manchmal sichtbar, manchmal virtuell sei. Hier regierten Finanzspekulation, Korruption und Egoismen, die sich etwa in Steuerhinterziehung ausdrücken würden.

Die Armen seien für die Kirche zuerst eine theologische Kategorie, dann erst eine soziologische oder politische, schrieb Franziskus laut Radio Vatikan weiter. «Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen.»

Keine Änderung der Einstellung zu Abtreibung

Die Kirche werde ihre Einstellung in der Frage der Abtreibung nicht ändern, stellte der Papst klar. Der Schutz des ungeborenen Lebens sei keine Frage der Modernität, der sich die Kirche anpassen müsste. Wahr sei aber auch, «dass wir wenig getan haben, um die Frauen angemessen zu begleiten, die sich in sehr schweren Situationen befinden» - etwa nach Vergewaltigungen.

(bee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Katholik am 26.11.2013 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Find ich super!!

    Auch wenn ich nicht ein allzu gläubiger und praktizierender Katholik bin, und mit der Kirche alleine eigentlich nicht viel anfangen kann, finde ich es sehr begrüssenswert, dass der Papst Franziskus auf die Probleme der Welt aufmerksam macht, sich darum sorgt und ein Umdenken fordert. Ich glaube er kann viel für dieses ''Umdenken'' beitragen, dass auch bitter nötig ist. Vor allem gefällt mir, dass er nicht die Absicht hat alle Menschen unter eine religiöse Ideologie zu versklaven. Er scheint mir ein sehr intelligenter Mann zu sein.

  • Connä am 26.11.2013 17:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Coolster Papst aller Zeiten

    Dieser Greis vermag mich schwer zu beeindrucken. Gut dass er zum Papst gewählt wurde. Gerne würde ich ihn mal kennen lernen.

  • max power am 26.11.2013 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Papst

    Wow, ich bin zwar als Atheist nicht mit allem einverstanden, was er sagt, aber als historisch sehr Interessierter muss ich Folgendes sagen: Das ist wohl der mit Abstand beste Papst, den es je gegeben hat. Frühere Päpste haben Krieg geführt, Orgien gefeiert, die eigenen Kinder als Nachfolger eingesetzt, Frauen als Hexen verfolgt und Intolleranz in allen Formen gefördert. Und das waren nicht Ausnahmen, so waren praktisch alle. Wenn man Franziskus also mit seinen Vorgängern vergleicht, und das sollte man, dann muss doch sogar der Kritischste noch seinen Hut vor ihm zuehen! Bravo!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bruno am 27.11.2013 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    200 Seiten die ich lesen werde !

    fast wie die 95 Thesen von Lutter... und alles was man hier lest sind Schlagzeilen darüber... und schon zerreissen sich möchte gerns die Mäuler... aber egal. Eines ist sicher. DER Mann der da in Rom Papst ist hat mehr Courage als die "Väter dieser Welt". Der " wagt" es Dinge anzuprechen und zu sagen und ( wir werden sehen) zu tun. Wer sich aber von Schlagzeilen aus den 200 Seiten schon so hinreissen lässt sioch in seiner meinung getärt zu sehen ... sollte mal sein "Position" im denken überdenken... und das gründlich ... anstatt loszubrüllen ... Frohes Fest schon mal und Gutes Neues

  • Anna am 27.11.2013 14:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum seht ihr den Balken im eigenen Auge nicht?

    Wie kann ein Papst das Wirtschaftssystem kritisieren, wenn es in der Kirche noch schlimmer ist, als in der Privatwirtschaft. Zuerst vor der eigenen Türe kehren und die Spendengelder und Steuergelder, die die Wirtschaft ja ohne Leistung nicht bekommt und erst noch steuerfrei, müssten zuerst vom Vatikan sauber ausgewiesen werden. Nette Worte, allein mir fehlt der Glaube. Bis heute nur Wortfloskeln und Ausreden, aber keine Taten. Ein raffiniertes System.

  • Chamaleon am 27.11.2013 11:29 Report Diesen Beitrag melden

    Vorsicht!

    Geniesst den Papst mit Vorischt! Der Nationalstaat sollte immer eine wichtigere Rolle als die Religion spielen. Religionen schaffen unterschiedliche Ansichten die früher oder später eskalieren, lasst euch nicht von einer neuen katholischen Welle packen, konzentriert euren Glauben und Energie lieber auf einen funktionierenden sozial Staat!!

  • r. christen am 27.11.2013 07:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    franziskus du machst das guuuut

    da bin ich ganz franzismus angetan. die kath kirche sollte endlich moderner und zeitgemässer werden. franziskus ist ein volksnaher papst der sich nicht biegen lässt und im gegensatz zu ratzinger auf luxus verzichtet wie zum beispiel 2500 euro teure schuhe. jetzt müsste man nur noch am zölibat arbeiten und es würde sich alles zum guten wenden

  • Mim am 27.11.2013 07:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte?

    Wir sind ein mündiges volk, welches zu denken vermag und die demokratie wenigstens noch etwas mehr lebt als andere und wenigstens noch etwas mehr dazu sagen darf... Egoismus und gleichgültigkeit wie sie das benennen ist total deplaziert in dem zusammenhang. Die institution kirche ist mehr als reformbedürftig und ich hoffe es kommt nun etwas bewegung da rein, nicht wie beim vorgänger wo man sich auf den weg ins mittelalter machte!